Flucht nach vorn
Dass ich schwul bin, weiß ich ungefähr seit zwei Jahren. Ich habe mich damals in meinen besten Freund verliebt. Wir unternahmen alles zusammen, aber dass ich ihn liebe, habe ich ihm erst sehr spät gesagt.
Dass ich schwul bin, weiß ich ungefähr seit zwei Jahren. Ich habe mich damals in meinen besten Freund verliebt. Wir unternahmen alles zusammen, aber dass ich ihn liebe, habe ich ihm erst sehr spät gesagt. Als erstes erzählte ich es einem Mädchen übers Internet, sie wohnte einige Kilometer weg, wir kannten uns über einen Kumpel. Ich erzählte es ihr deshalb, weil ich mir dachte: "Wenn sie es erzählt, erfahren es keine von meinen Bekannten oder Freunden, da sie weiter weg wohnt." Sie behielt es für sich. Wir schrieben uns von nun an fast täglich, erzählten uns alles und wurden die besten Freunde. Sie riet mir auch, es meinem besten Kumpel zu erzählen, ich tat es. Unsere Freundschaft ging daran kaputt, am Anfang brach der Kontakt total ab. Nach Monaten hatten wir noch einmal versucht, eine Freundschaft aufzubauen, was aber kläglich in kürzester Zeit gescheitert ist. Das hat mich ziemlich runtergerissen, immerhin war er mein bester Freund, mit dem ich so viel unternommen hatte.
Aber inzwischen ist der Schmerz wegen ihm zum Größtenteil vorbei, klar vermisse ich ihn als Kumpel, aber es kränkte mich, dass er es jemandem erzählt hat und dass ich kein Verständnis von ihm bekam. Mein Leben ging weiter. Ich beendete die Realschule. Inzwischen wussten schon mehrere Leute, dass ich schwul bin. Einigen hatte ich es erzählt, einigen davon hätte ich nicht soviel Vertrauen schenken sollen, sie erzählten es ihren Freunden. Ich blieb nur noch mit ihnen befreundet aus Angst, dass sie sonst keine Hemmungen mehr haben und es einfach bei irgendeinem Klassentratsch oder so erzählen würden.
Ich traf mich mit Leuten, die mich wirklich enttäuscht hatten, aber das zeigte ich ihnen nicht.
Langsam kam es mir eh so vor, als ob ich ständig Masken tragen würde. Vor jedem bin ich ein total anderer Mensch mit anderen Eigenschaften. Dann frage ich mich manchmal, wer ich eigentlich wirklich bin, aber darauf kann ich mir keine Antwort geben. Wenn ich meine beste Freundin besuchte, waren das mmer befreiende Momente. Mit ihr und ihrem Freund zusammen zu sitzen und einfach schwul zu sein, war einfach genial.
Doch nach den Sommerferien blieb dafür nicht mehr soviel Zeit. Ich kam an die neue Schule, ich hatte in der ersten Woche für jeden Tag ein neues, cooles Outfit zurechtgelegt. Ich wollte mit meinem Optischen überzeugen, damit ich nicht allzu viel schauspielern musste, um überhaupt Leute kennenzulernen. Es lief, wie ich es befürchtet hatte, ich saß alleine an meinem Platz und mir wurde klar, dass ich einfach keinen perfekten Hetero spielen könnte. Dafür lagen die Interessen (Musik, Sport, allgemeine Hobbies) zu unterschiedlich. Mich zu outen kam für mich nie in Frage. Ich wollte die gleichen Chancen wie Heteros, mir ist es wichtig, akzeptiert zu werden. Ich will nicht, dass die Leute schon über mich urteilen, obwohl sie mich nicht kennen, nur weil sie wissen, dass ich schwul bin.
Der Wunsch nach einem Partner wurde nun noch größer, jemandem, der für mich da ist, mich in den Arm nimmt, wenn’s mir schlecht geht und für den ich da bin, wenn es ihm schlecht geht. Einem Typen, für den ich nach außen hin nur ein guter Freund war, einem Typen, mit dem ich die Zeit verbringen, Hausaufgaben machen, spazieren gehen kann oder einfach nur im Gras liegen und in den Himmel gucken kann.
Wenn ich alleine war, dann stellte ich mir vor, wie es wäre, so einen Freund zu haben. Das hilft mir, auch wenn ich weiß, dass es so einen Typen wohl nicht geben wird. Auch versuchte ich einfach, ein Hetero zu sein. Um mich herum bekamen die Jungs langsam ihre erste Freundin, bei der es schon ernster wurde - ich wollte auch dieses Leben führen, aber ich brauchte nicht lange, bis ich merkte, dass es für mich unmöglich wäre so zu sein. So mache ich einfach weiter. Auch wenn es mir schwer fällt, denke ich, dass es irgendwann auch einmal anders werden kann, vielleicht werde ich später nach Köln ziehen, aber dann muss ich ein Opfer auf mich nehmen. Denn wir werden lange nicht so behandelt, wie wir es gerne hätten. Um es mit einem Zitat aus X-Men III abzurunden: Wir leben in einem Zeitalter der Finsternis. In einer Welt voller Furcht, Zorn, Hass und Intoleranz.





