Kleine Geheimnisse
Täglich sieht man ihn und täglich schwebt man wieder auf Wolke sieben und dennoch kann man es keinem erzählen. Man weiß ja nie, wie sie reagieren werden, wenn man plötzlich sagt: „Hey, der Junge dort ist total süß!“ Somit habe ich bis zur 10. Klasse mein kleines Geheimnis für mich bewahrt.
Das ist schon eine Qual gewesen. Täglich sieht man ihn und täglich schwebt man wieder auf Wolke sieben und dennoch kann man es keinem erzählen, da man ja nie weiß, wie sie reagieren würden, wenn man plötzlich sagt: „Hey, der Junge dort ist total süß!“ Somit habe ich es bis zur 10. Klasse verschwiegen und mein kleines Geheimnis für mich bewahrt. Als die 9. dann geschafft war und ich in die 10. Klasse gekommen bin, wollte ich nicht noch ein ganzes Schuljahr so durchleben. Im 10.Schuljahr haben wir dann einen neuen Relilehrer bekommen und ab da hat eigentlich keiner mehr so wirklich aufgepasst, was für mich von Vorteil war, da ich mich dann auch öfters mit den Mädchen aus der Parallelklasse unterhalten habe, die vor uns saßen. Dabei habe ich mich mit einem Mädchen sehr gut verstanden und als wir dann auch noch beide in der Rechtskunde-AG waren (sie will Staatsanwältin werden, ich Polizist), haben wir dort unsere ICQ-Nummern ausgestauscht und als wir dann mal wieder chatteten habe ich ihr geschrieben, dass ich so eine „Sorge“ hätte.
Sie wollte natürlich wissen welche, und ich habe ihr dann halt davon erzählt, dass ich einen Jungen an unserer Schule süß finde und danach wollte sie alles wissen. Was ich an ihm so toll finde, wie lange ich schon in ihn verliebt bin und so weiter. Mein Outing bei ihr hat mir Mut gegeben, mich auch noch bei weiteren zu outen. Das tat ich auch noch bei einem Mädchen aus meiner Klasse, mit der ich mich seitdem noch viel besser verstehe als vorher.
Ich erzählte ihr ebenfalls von meiner Liebe zu diesem einen Jungen und es stellte sich heraus, dass sie auch in ihn verliebt ist. Für uns beide war dies natürlich super, da wir nun jemanden hatten, mit dem wir eben über diesen Jungen sprechen konnten. Für mich, weil ich schon zwei gefunden habe, denen es nichts ausmacht, dass ich auf Jungen stehe und für sie, weil es der Sohn eines Lehres ist und sie hat sich wohl nicht getraut, mit jemandem darüber zu sprechen. Wer verliebt sich denn schon in den Sohn eines Lehrers, außer wir beide jetzt? Da läuft man ja Gefahr, ihn auch noch außerhalb der Schulzeit sehen zu müssen.
Nachdem die beiden wussten, dass ich schwul bin, bin ich wieder glücklicher zur Schule gegangen. Ich kam mir so befreit vor, als hätte jemand eine schwere Last von meinen Schultern genommen. Allerdings war der Drang es weiter zu erzählen, vorallem den Eltern, immer noch da. Wie ich es meinen Eltern sagen sollte, wusste ich nicht. Persönlich oder doch lieber niederschreiben? Also fragte ich meine beiden Freundinnen und sie tendierten alle zu dem persönlichen Gespräch, was ich mich aber noch nicht traute. Ich traute mich nicht, zu meinen Eltern zu gehen und ihnen ins Gesicht zu sagen: „Mom, Dad, ich bin schwul!“ So blieb für mich nur noch die Variante einen Brief zu schreiben.
Das tat ich dann auch und ich deponierte ihn am Montagabend so auf dem Frühstückstisch, dass meine Eltern ihn finden mussten (wir hatten den Dienstag frei). Ich ging dann mit einem mulmigen Gefühl ins Bett und blieb am nächsten Morgen bis 9 Uhr im Bett, um sicher zu sein, dass ich ihnen erstmal nicht mehr begegnen würde. Als dann am Mittag um 12 Uhr meine Mutter von der Arbeit wiederkam, verstärkte sich das mulmige Gefühl noch weiter, da ich zu dem Zeitpunkt ja noch nicht wusste, wie sie reagieren würde. Sie kam also in mein Zimmer und wir redeten über den Brief und allgemein über Homosexualität, wobei ich eher nichts sagte, da ich sofort los geheult habe, als sie mich fragte, ob es stimme, was in dem Brief stehe. Aber ich war heilfroh, dass sie so gut reagiert hat. Sie ist einfach die beste Mutter auf Erden.
Als dann am Abend mein Vater kam, hatte ich mehr oder weniger das Glück, dass ich zur Fahrschule musste. Er sagte deshalb nur, dass er nacher noch mit mir reden möchte. Während der Theoriestunde in der Fahrschule hatte ich wieder das mulmige Gefühl, was aber eigentlich unsinnig war, da mein Vater genauso gut reagiert hat wie meine Mutter. Hier endet nun mein Coming-out. Ich bin mir jetzt noch nicht sicher, ob ich es noch weiteren Menschen erzählen soll, schließlich hat ja jeder so seine kleinen Geheimnisse und ich halt ein etwas anderes als die meisten Menschen. Nach diesem Outing bin ich ein ganz anderer Mensch geworden. Ich fühle mich einfach viel freier als vorher. Ich bin schon froh, dass ich diesen Schritt gewagt habe und kann nur allen empfehlen, diesen Schritt auch zu tun, auch wenn ich weiß, dass es kein leichter ist.
Mehr Berichte
Weitere Coming-out Geschichten von anderen dbna'lern findest du hier
Bild: © © Kerioak - Fotolia.com





