Ich finde mich selbst

Coming-out heißt ja zu sich selbst finden, aus sich rauskommen, nur ist sowas nicht so einfach wie man denkt. Ich möchte mal etwas zu meinem Coming-out schreiben, nachdem ich monatelang nicht wusste ob ich mich dazu bekennen soll oder nicht.

Timothy (21) erzählt: Coming-out heißt ja zu sich selbst finden, aus sich rauskommen, nur ist sowas nicht so einfach wie man denkt. Viele sind ganz cool und meinen, sie haben ihr Coming-out längst hinter sich und andere habe ich getroffen, die wollen ungeoutet bleiben. Sie befürchten Nachteile in ihrer Umgebung. Ich möchte mal etwas zu meinem Coming-out schreiben, nachdem ich monatelang nicht wusste ob ich oder ob ich nicht mich selbst dazu bekennen soll.

Ich hab erst gedacht, es wäre nur ein Irrtum und hab mich im Internet etwas schlauer gemacht. Irgendwann war ich auch in einem Chatsystem und hatte mich, ich weiß heute das klingt saublöd, sofort in jemanden verliebt, ohne ihn gesehen oder mit ihm telefoniert zu haben. Da war ich mir so ziemlich sicher, dass ich schwul bin, weil viel zu viele Gefühle da waren. Was soll ich lange erzählen, ich war 16 und er war 17 und wir hatten 2 Monate jede Nacht gechattet und ich wollte endlich mit ihm Sex, um mich ganz bestätigt zu wissen. Lacht bitte nicht über meine Dummheit damals, der war nicht 17, der war 48 und ich hab das nicht gemerkt.

Dadurch lernte ich einen anderen Mann kennen, der mein erster Freund wurde. Er hatte mir sehr geholfen, auch wenn ich erst viel später begriff, warum er unsere Beziehung beendet hat und wir „nur“ noch gute Freunde wurden. Damit war das Thema schwul für mich bis zu den Sommerferien erledigt. Ich wollte wieder normal werden. So sehr ich mich auch angestrengt hab, die Mädels auf unserer Schule, ich konnte mir nicht vorstellen mit einer Sex zu haben oder sie sogar zu küssen.

In den Sommerferien hab ich dann in Dänemark Martin kennengelernt, der mit seinen Eltern 2 Bungalows weiter wohnte und da war es plötzlich wieder da, das schwule Gefühl und keine Ahnung wie man rauskriegt ob der vielleicht auch auf Jungs steht. Ich hab 2 Wochen lang versucht, etwas an ihm zu entdecken, was mir helfen konnte und nichts, außer seiner Schönheit, gefunden. Egal, am Abend bevor ich mit meinen Eltern wieder abfuhr, saß ich alleine am Wasser und unverabredet kam Martin später auch noch. Wir haben richtig lange gequatscht und dann irgendwann in dieser Nacht hatte ich das Gefühl, unsere Wege werden sich noch einmal kreuzen. Ich hoffte es, weil ich sicher war: Er ist es!

Damit fingen dann meine richtigen Probleme an, wie stell ich das nur an, damit keiner etwas mitbekommt. Erst konnte ich das noch vertuschen, weil wir zusammen Musik gemacht haben und dann immer irgendwas geübt hatten. Stimmte natürlich nicht, wenigstens nichts Musikalisches geübt. Weihnachten dann hab ich es meiner Mutter gesagt, die damit ganz locker umgegangen ist und zu Martin total lieb war. Nur mit meinem Vater da würde das nie gut gehen, der würde das nie akzeptieren, obwohl er Martin auch mochte, der inzwischen oft übers Wochenende bei uns war. Also hab ich weiter gelogen und meine anderen Freunde immer mehr vernachlässigt. Konnte da ja schlecht mit Martin aufkreuzen.

Eigentlich hab ich ein richtig gutes Verhältnis mit meinen Eltern. Dass ich immer lügen musste und niemandem außer meiner Mutter sagen konnte, dass ich Martin liebe, machte mich fast wahnsinnig. Ich musste plötzlich überall lügen. In der Schule, bei den Feunden, bei meinem Dad - und das monatelang. Es machte mich richtig fix und fertig. Und dann an einem Sonntag brachte mein Vater von der Tankstelle die Bild am Sonntag mit und beim Kaffee liest meine Mutter darin und sagt auf einmal: „Siehste, Tim, der Robert Stadlober schläft auch mit Jungs.“ Ich bin hochrot angelaufen und mein Vater fragte gleich nach, was das „auch" zu sagen hat, wer denn noch. Ich hab trotzig „ich“ gesagt. Damit war es dann endlich raus, was mich monatelange gequält hat. War eine echt heiße Diskussion mit meinem Dad, die ich mir viel früher gewünscht hätte.

Danach hab ich dann am gleichen Tag meine besten Freunde vor die Wahl gestellt, entweder sie akzeptieren mich und meinen Freund oder lassen es. Sie haben ihn akzeptiert. Das Martin, der auch ungeoutet war, beizubringen war viel schwieriger. Er wollte überhaupt nicht mehr zu mir kommen, weil jeder jetzt wüsste, dass er schwul ist. Er hat das übrigens später bei seinen Eltern viel brutaler gemacht. So und jetzt hab ich bis hierher erzählt, wie es mir ergangen ist. Wenn jemand was fragen möchte, weil er auch Probleme damit hat, mach’s einfach. Irgendwann muss man anfangen, sein Leben so zu ordnen, dass man glücklich ist.


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 Bild: © istockphoto.com

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