Hätte es besser laufen können?

Dass ich mich zu Jungs hingezogen fühle, habe ich bereits sehr früh gemerkt. Die ersten Gedanken darüber, dass ich das gleiche Geschlecht irgendwie anziehend fand, hatte ich mit 10 Jahren. Damals sah ich wenig Problematisches dabei.

Julian (18) erzählt: Meine Eltern schienen mir so prüde wie reich. Es wurde bei uns nie offen über Sexualität geredet, dafür ständig über Finanzen. Homosexualität war daher nie ein Thema höchstens, wenn im Fernsehen Schwule zu sehen waren, riskierten sie fremdschämende Blicke. Meine Eltern verstanden sich untereinander überhaupt nicht. Ihre Beziehung war, seit es mich gab, im Eimer. Als Kind traute ich mich niemals, über die Gefühle zu sprechen, die ich im tiefsten Inneren empfand. Dass ich mich zu Jungs hingezogen fühle, habe ich bereits sehr früh gemerkt. Die ersten Gedanken darüber, dass ich das gleiche Geschlecht irgendwie anziehend fand, hatte ich mit 10 Jahren. Damals sah ich wenig Problematisches dabei. Ich hatte mir natürlich noch keine tiefgreifenderen Gedanken darüber gemacht. Es ist ja eigentlich normal, in dem Alter nichts mit Mädchen zu tun haben zu wollen, allerding fiel mir auf, dass ich den Körper eines Jungen viel schöner fand als den eines Mädchens. Dem habe ich jedoch keine weitere Beachtung geschenkt. Meine sozialen Beziehungen waren damals alle im Reinen. Freunde hatte ich damals mehr als genug, ich war immer bekannt für meine ruhige und freundliche Art.

Dann kam der Schulwechsel und meine Freundschaften brachen alle zusammen. Der Unterschied zwischen meiner Persönlichkeit und denen der anderen wurde zu Beginn der Pubertät deutlicher denn je. Irgendwas unterschied mich von den anderen und dieser Unterschied, den ich spürte, führte zu einer Identitätskrise. Ich hatte keine Freunde mehr und war ständig Hänseleien ausgeliefert. Als ich meine erste Jugendliebe fand, wurde mir klar, was mich von den anderen unterschied: Ich verliebte mich in einen Jungen. In der Klasse kam das Gerücht auf, ich sei schwul. Wohl eher aus Spaß als aus begründeter Vermutung. Ich fühlte mich nie schuldig deswegen. Ich fühlte mich auch nie schwul.

Ich fühlte mich alleine, jeden Tag


Als ich keine Freunde mehr hatte, begann ich, auch keine mehr zu suchen. Jedenfalls nicht real. In meiner Jugend hatte ich einen grundlegenden Hass auf die meisten meiner Mitmenschen aufgebaut, weil mich ihre Unüberlegtheit und quasi allgegenwärtige Intoleranz störte. Ich wurde mir meiner Homosexualität bewusst, ekelte mich trotzdem vor dem Gedanken, mich wie ein Schwuler zu verhalten. Im Laufe der Zeit lernte ich schnell, dass diese Art der Liebe verpöhnt war, da sie keine Kinder hervorbringen konnte. Angewidert durch so eine scheinheilige Begründung schien mir dennoch eine Auseinandersetzung mit dem Thema unausweichlich. Mit 13 stieß ich im Zuge dessen auf dbna, eine Community, die mir damals sehr viel Halt gegeben hat. Es war die erste Seite, die mir sofort zugesagt hat und nicht rein sexuell orientiert war. Das Wichtigste jedoch überhaupt, fand ich: Es gab dort ganz normale Jungs. Die hatten überhaupt nichts Tuntiges, Schwächliches und Übersensibles an sich. Es waren ganz normale Jungendliche, die sich von anderen nur in einem Punkt unterschieden: Sie liebten Jungs. Die Einsicht, nicht der Einzige zu sein, der äußerlich ganz normal schien und innerlich trotzdem schwul ist, ließ mich neue Hoffnung fassen, eines Tages eine Beziehung zu führen. Innerlich machte sich bei mir die Sehnsucht nach einem Freund breit. Die Hoffnung schlug um in Enttäuschung, als mir klar wurde, dass es auf realem Weg quasi unmöglich für mich ist, einen Freund zu finden.

Mit 14 trennten sich meine Eltern und ich wohnte bei meiner Mutter. Mein Bruder zog in eine kleine Wohnung. Mir wurde allmählich klar, wie schlimm es um mich und meine Artgenossen stand. Ich begann, mehr als zuvor, die Gesellschaft abgrundtief zu hassen. Wahrscheinlich nur, um den unterbewussten pubertären Drang nach Gruppenzugehörigkeit zu stillen, entwickelte ich mich zu etwas Emo-Ähnlichem. In der Schule hatte ich eine Freundin gefunden, die ihren Gesellschaftshass mit mir teilte. Wir unterhielten uns stundenlang über Gott und die Welt, bis es eines Tages zu dem Kernpunkt allen Übels kam: der Frage, warum ich eigentlich so einen Hass gegen die Umwelt entwickelt hatte. Darauf gab ich ihr lange Zeit keine Antwort, bis ich ihr gestand, dass ich schwul sei und nicht damit klar komme, wie man als Schwuler behandelt wird. Überraschenderweise akzeptierte sie mich sofort. Sie war jederzeit für mich da, wenn ich mit ihr darüber reden wollte. Innerlich spürte ich dabei zum ersten Mal, dass man als Homosexueller nicht nur gefangen ist, sondern seine Gefühle auch zeigen darf. In der Schule fand ich im Laufe der Zeit auch einen Kumpel, der heute zu meinem besten Freund geworden ist.

"Ich mag dich, so wie du bist"

In Leichtsinn verfallen über mein erstes positives Outing, outete ich mich daraufhin bei einem damaligen Bekannten aus meiner Ortschaft. Mir wurde schlagartig in dem Moment klar, dass es ein Fehler war, als ich seinen Gesichtsausdruck sah. Er hasste Schwule. Der Kontakt zu ihm brach ab, er akzeptierte mich nicht und dachte, es sei alles nur eine Phase und ich sei verrückt. Von diesem Outing frustriert zog sich die Zeit bis zu meinem nächsten hin. Ich wollte mich bei meinem Bruder outen, den ich bisher immer als einerseits extrovertiert, andererseits vorsichtig und umgänglich kennengelernt habe. Während einer Autofahrt gestand ich ihm, schwul zu sein, was sich im Nachhinein als weniger günstige Situation herausstellte. Er hat sich vor Schreck den Kopf am Lenkrad angeschlagen, akzeptierte mich jedoch trotzdem sofort. Die nächste große Hürde war für mich meine Mutter. Ich zerbrach mir lange darüber den Kopf, wie ich es ihr sagen konnte - bis ich eines Tages nach Hause kam, der Tisch gedeckt war, eine Kerze brannte und ein Kärtchen auf dem Tisch lag, auf dem "Ich mag dich so, wie du bist" stand. Ich war irritiert darüber, dass meine Mutter mir sagte, dass ich schwul bin. Sie meinte damals nur, sie hätte es schon immer geahnt, doch seit letzter Zeit sei sie sich absolut sicher. Meine Aufmachung als Emo ließ sie damals sicher sein, ich sei schwul. Sie hatte aus den falschen Gründen das Richtige geschlossen. Darüber staune ich heute noch. Wenig später begann ich, wieder mit meinem Vater zu reden, bei dem ich mich direkt outete. Er hatte keine Probleme damit, im Gegenteil, er erzählte mir in Erinnerungen schwelgend, dass er damals von einem Freund plötzlich gefragt worden sei, ob sie nicht zusammen sein könnten. Derartig tolerant hatte ich meine Familie nie eingeschätzt. Anscheinend hatte sich hinter meinem Rücken die Toleranz verbreitet und ich hatte nie was davon mitbekommen. Seitdem ich bei meiner Familie geoutet bin, war es mir egal, wer es wusste.

Mein Outing in der Öffentlichkeit erlebte seinen Höhepunkt, als ich mit meinem Freund auf einer Stufenparty erschien. Was ich im Nachhinein sehr gewagt fand, wurde jedoch problemlos akzeptiert. Wir waren zwar Gesprächsstoff der Party, ich habe jedoch nie irgendwelche negative Resonanz daraufhin in der Schule bekommen. Im Gegenteil, heute habe ich mehr Freunde und komme mit mehr Menschen zurecht, als es jemals vorher der Fall war. Mein Outing hätte nicht besser verlaufen können.


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