Zuhause ist, wo...
Mein Coming-out verlief eigentlich ganz okay. Nur bei einer Sache hat es gehakt: bei meinem Vater. Meine Eltern leben, seitdem ich 12 bin, getrennt. Ich war ständig hin- und hergeworfen, wusste nie, wo ich eigentlich daheim bin.
Mein Coming-out verlief eigentlich ganz okay. Nur bei einer Sache hat es gehakt: bei meinem Vater. Meine Eltern leben, seitdem ich 12 bin, getrennt. Ich war ständig hin- und hergeworfen, wusste nie, wo ich eigentlich daheim bin. Naja, Mutter habe ich es einfach so gesagt. Bei ihr war mir die Reaktion egal, da ich keinen guten Draht zu ihr hatte. Aber sie lachte nur und fragte mich, warum ich es erst so spät erzähle. Damals war ich 18. Bei meinem Vater hatte ich besonders große Angst, weil ich das einzige Kind von ihm bin und wir mehr oder weniger ein "Beste-Kumpel"-Verhältnis zueinander hatten. Habe mich also entschlossen, einen Brief zu verfassen und ihn einfach in der Nacht in den Briefkasten zu werfen. Gesagt, getan. Ich wartete einige Tage ab, bis ich meinen Mut zusammenfasste und ich zu meinem Papa ging. Alles war erst ganz normal. Wir begrüßten uns ganz normal, redeten auch ganz normal. Doch dann schaltete er den Fernseher ab und fragte mich, ob ich ihm einen Brief geschrieben hatte. Ich sagte natürlich ja. Er konnte es nicht glauben, was in dem Brief stand. Er fragte, ob es wahr sei und ich bejahte diese Frage. Er wurde ganz bleich im Gesicht. Ob ich mir ganz sicher sei, fragte er. Und wieder ein Ja. Ob ich schon Sex mit einem Jungen hatte? Klar, sagte ich.
Er überlegte. Tränen liefen an seinem Gesicht entlang. Mit einer zitternden Stimme sagte er: Du, Jan, ich habe eine Nummer hier. Wir können dort anrufen und einen Termin ausmachen. Ich fragte, wer hinter dieser Nummer steckte. Er sagte, ein Arzt. Arzt? Wieso Arzt? Naja, sagte er. Ich solle zum Arzt gehen und mich heilen lassen. Auf diesen Satz war ich nicht vorbereitet. Direkt liefen mir ebenfalls die Tränen herunter. Ich wurde wütend, schrie ihn an. Was er sich herausnehme, Homosexualität als eine Krankheit darzustellen. Die Emotionen wurden stärker, auf beiden Seiten. Am Ende konnte ich nicht mehr.
Als ich die Tür aufmachte, schrie ich nur noch: Wenn du es nicht akzeptierst, dann hast du keinen Sohn mehr! Und schmiss die Tür hinter mir zu. Weinend rannte ich zu meiner besten Freundin und suchte Hilfe und Geborgenheit. Sie wusste es natürlich schon. Bei meinen Freunden gab es damit keine Probleme. Einige Tage sind vergangen. Ich hab in dieser zeit in absoluter Isolation gelebt, wollte keinen Kontakt mehr zu irgendwem, hatte Angst vor allem. Doch dann kam ein Anruf von meinem Dad. Er sagte, ich solle vorbei kommen, um zu reden. Ich weiß nicht, warum ich hingegangen bin. Er blieb sturr auf seiner Meinung bestehen. Heute - nach fast vier Jahren - wohne ich allein, 600 Kilometer entfernt von meinem Papa. Seit dieser Zeit habe ich nie etwas gehört von ihm. Und das Bedürfnis meinerseits besteht auch nicht. Mit meiner Mutter hab ich nur ganz selten Kontakt. Meine Freunde kommen mich in regelmäßigen Abständen besuchen. Das find ich immer ganz schön.Mehr Berichte
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