Ist das dein Ernst?

Kurz vor Weihnachten sagt Daniel seinen Eltern, dass er schwul ist. Seine Mutter reagierte verstört, sein Vater sogar verletzt. Daniel blieb jedoch geduldig, nach ein paar Wochen wendete sich das Blatt zum Guten.

Daniel (20) erzählt: Das Coming-out ist nicht leicht. Vermutlich erzähle ich dir damit nichts Neues. Aber was ich dir sagen kann: Anschließend geht es dir besser. Vielleicht nicht sofort, aber nach einigen Tagen oder auch Wochen ganz bestimmt. Ich weiß, wovon ich rede. Als ich gemerkt habe, dass ich schwul bin, war ich 17 Jahre alt. Trotzdem habe ich noch fast zwei Jahre gewartet, bis ich mich bei meinen Eltern geoutet habe.

Ich habe lange überlegt, wie ich es meinen Eltern am besten beibringe. Immer habe ich auf den richtigen Zeitpunkt gewartet, bis ich gemerkt habe, dass es den gar nicht gibt. Irgendwann kurz vor Weihnachten im letzten Jahr ist es dann passiert. Ich hatte zu dieser Zeit viel Kontakt zu einem alten Freund, der offen schwul lebt. Meine Mutter fragte mich, was ich bei ihm mache und warum ich immer so lange bei ihm bin. Und dann schob sie die Frage nach, die für mich eine Steilvorlage bedeutete: „Du bist doch nicht etwa auch schwul?!“

Jetzt oder nie. „Doch“, antwortete ich. Sie war ein wenig schockiert, eigentlich meinte sie die Frage eher ironisch. Zuerst wollte sie es nicht wahrhaben. Ihr Sohn ist schwul. Ohje. Wir haben lange darüber geredet, ich habe alle ihre Fragen beantwortet. Aber so richtig verstanden hatte sie es trotzdem nicht. Einige Tage später fragte sie mich erneut. „War das dein Ernst?“ Ja, es war mein Ernst. Ich merkte, dass meine Mutter ein wenig Zeit brauchte und quartierte mich für eine Nacht bei einem Freund ein.

Mein Vater merkte, dass etwas nicht stimmte. Er sprach mit meiner Mutter und da platzte es aus ihr heraus. Gemeinsam kamen sie auf die grandiose Idee, mich zu einer Therapie zu schicken. Ich lehnte das ab und damit war das Thema war vorerst gegessen. Nach zwei Wochen kam es jedoch wieder auf. Mein Vater nahm mich zur Seite und fragte: „Weißt du eigentlich, was du mir damit antust?“ Ich habe auf diese Frage nicht geantwortet. Mir war das mittlerweile fast lästig. Ich habe versucht, Gras über die Sache wachsen zu lassen. Vielleicht war das nicht die galanteste Lösung, aber sie hat funktioniert.

Ein paar Monate später sprach ich erneut mit meiner Mutter. Sie hatte mein Coming-out in der Zwischenzeit verarbeitet. Mit meinem Vater habe ich seitdem nicht mehr darüber gesprochen. Ich weiß nicht, ob er es mittlerweile akzeptiert. Als ich ihnen meinen ersten Freund vorstellte, waren sie nett zu ihm. Sie mögen ihn.

Es war ein wenig holprig, aber ich kann dir nur diesen Tipp geben: Sage es deinen Eltern selbst und gebe ihnen ein wenig Zeit. Ich wünsche dir viel Erfolg, du schaffst das!


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 Bild: © istockphoto/jophil

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