Lauffeuer

Er rückte immer näher an mich heran, bis wir uns schließlich in aller Öffentlichkeit küssten. Zunächst schauten uns alle verstört an, doch dann lösten sie ihren Blick wieder und einige fingen an zu tuscheln.

Tino (15) erzählt: Es ist gerade zwei Jahre her, seit alles anfing. Kurz nach meinem 13. Geburtstag im Dezember 2006, bemerkte ich, mich eher von Jungs angezogen zu fühlen als von Mädchen. All das wollte ich anfangs gar nicht wahr haben und redete mir fast über ein Jahr ein, dass ich nicht schwul sei, sondern es allen Jungs in der Pubertät so ergehe.

Doch das änderte sich sechs Monate nach meinem 13. Geburtstag. Am Anfang der Sommerferien zog ich für zwei Wochen in ein Europa-Ferienlager, wo ich einen Jungen kennenlernte. Er sah so süß aus, war aber auch älter als ich. In diesen zwei Wochen kamen wir uns näher, bis schließlich in der letzten Woche am vorletzten Tag ein Lagerfeuer mit sämtlichen Betreuern und anderen Teilnehmern stattfand.

Er saß neben mir. Ich fühlte mich die ganze Zeit zu ihm hingezogen. Er legte nach einiger Zeit seine Hand um mich, weil ich rumgequängelt hatte, dass mir kalt sei. Er rückte immer näher an mich heran, bis wir uns schließlich in aller Öffentlichkeit küssten. Zunächst schauten uns alle verstört an, doch dann lösten sie ihren Blick wieder und einige fingen an zu tuscheln. Für die anderen war der Abend am Lagerfeuer noch lange nicht zu Ende. Wir beide  allerdings beendeten gegen Mitternacht den Abend ganz für uns alleine.

Wir gingen in ein Bungalow und dort hatte ich mein erstes Mal mit ihm. Er war meine erste große Liebe, die jedoch nicht lange anhielt. Nach einem Monat indem wir noch Kontakt zueinander hatten, legte sich alles. Er schrieb mir nur eine SMS in der stand, dass Schluss sei. Nach diesem Vorfall habe ich mir geschworen, niemandem von meinem „Anderssein“ zu erzählen. So eine Blamage wollte ich nicht noch einmal erleben.

Ich habe auch keinem davon erzählt, bis Anfang Mai 2008. Es war an meiner Konfirmation. Am Abend habe ich viel getrunken und meinen ersten Blackout erlebt. Gleich am nächsten Tag habe ich meine beste Freundin gefragt, was ich so alles gerissen hätte und sie erzählte mir viel, sehr viel sogar. Auch das, was ich zu anderen Freunden gesagt habe. Ich befürchtete zunächst, ich hätte mich geoutet. Doch so war es nicht. Also habe ich meiner Freundin gestanden, dass ich schwul bin.

Daraufhin gingen wir eine große Runde im Dorf spazieren. Eine sehr große Runde, die knapp zwei Stunden gedauert hatte. Zunächst staunte sie nur, weil man es mir gar nicht ansah, dass ich „anders“ bin, doch sie fand sich damit ab. Nach diesem Coming-Out verstärkte sich unsere Freundschaft enorm, da wir mehr unternahmen. Bis sie dann aus Versehen einer anderen Freundin gesagt hat, dass ich schwul bin. Im Tratsch oder so wäre das ja noch nicht mal das Schlimmste gewesen. Doch ich war dabei und hätte im Erdboden versinken können. Doch auch diese Freundin fand sich damit ab.

Sie erzählte es aber zwei Wochen darauf meinem besten Freund und seiner Familie. Am gleichen Tag bekam ich etliche SMS und Anrufe, bis ich dann alles abgestellt habe, weil ich Ruhe brauchte. Mein bester Freund konnte sich zunächst gar nicht damit abfinden, doch er suchte dann wieder den Kontakt zu mir und nahm es schließlich hin. Es war ein weiteres ungewolltes Coming Out.

Aber auch das sollte noch nicht alles gewesen sein.  Meine Mutter war zu dem Zeitpunkt, als es die Familie meines besten Freundes mitbekam, dabei und wurde ebenfalls eingeweiht. Zwei Tagen vergingen und ich begann mich zu wundern, wieso meine Mutter mich nicht darauf anspricht. Nach dem dritten Tag fragte sie mich dann morgens, ob ich ihr was zu sagen hätte.

Bei dieser Frage war mir alles klar: Sie wusste es! Ich sah sie an und brachte zunächst nur Bruchteile von Sätzen aus mir, doch irgendwann kam ein vollständiger Satz: „Du weißt es doch eh schon, wie soll ich es dir dann noch sagen?“ Es begann ein kleiner Wortwechsel. Sie versuchte mich auf die für sie normale Seite zu bringen. Doch ich stellte mich stur und brach das Gespräch ab, bis sie wieder ein Gespräch suchte und mich um Verzeihung bat. Sie sah ein, dass ihr „kleiner Junge“ so ist, wie er ist. Sie hat sich damit abgefunden.

Seitdem meine ich, dass es reicht, wenn es Mutti weiß, die anderen müssen es nicht wissen. Doch heute spiele ich immer wieder mit dem Gedanken, mein Coming Out in meiner Familie fortzusetzen. Wenigstens bei meinem Bruder und seiner Freundin, da ich bei meinem Vater den Mut noch nicht gefasst habe. Was ich mir allerdings geschworen habe ist, dass meine Schule es frühestens auf der Abschlussfeier erfahren wird, vorher auf keinen Fall...


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 Bild: © istockphoto.com/Nara Won; istockphoto.com/Daniel Bobrowsky; istockphoto.com/Cat London

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