Das Ultimatum

"Der 04.11.2008 ... Amerika hat einen vielversprechenden neuen Präsidenten gewählt und meine Eltern wissen, dass ich schwul bin..." Robert erzählt von seinem Coming-out.

Robert (19) erzählt: Anfang des Sommers 2008 fand ich dbna. Nach ausführlicher Lektüre aller Erfahrungsberichte reifte in mir der Wunsch heran, mich bei meinen Eltern zu outen. Es wussten schon ein paar Freunde und ich war es Leid meine Eltern andauernd belügen zu müssen. Letzten Endes hat es bis November gedauert bis ich den Mut dafür aufgebracht habe, im Nachhinein weiß ich selber nicht was mich so abgeschreckt hat, aber alles von Anfang an. Ich habe zu lange auf den richtigen Moment gewartet, Chancen vertan. Es gibt zwar extrem falsche Zeitpunkte, aber den absolut richtigen gibt es auch nicht.

Deshalb habe ich mir vor den Herbstferien ein Ultimatum gesetzt: In dieser Woche erfahren es beide von mir persönlich! Ich bin tagelang herumgeschlichen, hab mich in kleinlichen Fragen verstrickt ob ich es ihnen nun gemeinsam oder jedem einzeln und in dem Fall wem zuerst erzähle usw. Am 04.11.08 ist mir dann bewusst geworden, dass es langsam Zeit wird wenn ich es noch hinbekommen will. Also war ich den ganzen Tag schlecht gelaunt und ziemlich schweigsam. Am Abend hat sich die Situation dann zugespitzt. Ich saß ungefähr 2 Stunden am oberen Ende der Treppe und habe meinen Eltern mit schweißnassen Fingern und starren Gliedern beim Fernsehen zugehört, ich war wie paralysiert. Ungefähr so wie wenn man auf dem zehn Meterturm steht und sich nicht traut zu springen.

Allen meinen Mut habe ich für die Entscheidung aufgebracht mich einfach mal unverbindlich dazu zusetzen, scheine aber ein so langes Gesicht gemacht zu haben, dass meine Mutter mich ausgequetscht hat was denn bitte los sei und ich schon seit ein paar Tagen so komisch drauf wäre. Automatisch kamen dann natürlich Dementi: "ne ist ja alles ok, nur keine Sorge … ja ich komme klar". Gott sei Dank haben meine Eltern nicht locker gelassen und weiter nachgebohrt bis sie mich quasi angefeuert haben (im Nachhinein muss das eine urkomische Szene gewesen sein). Ich hab das ganze mit den Worten "Ich muss mit euch reden ..." angefangen. Irgendwann habe ich es ihnen dann einfach gesagt, schnörkellos und unverfälscht, es klingt immer unvollendet und seltsam wenn man es ausspricht.

Trotz, dass ich mir geschworen habe, dass meine Stimme nicht versagen wird und ich nicht auf den Tisch starre, habe ich auf den Tisch starrend heraus geflüstert: „Ich bin Schwul“ und meine Mutter hat mich angestrahlt. Sie wusste es schon, besser gesagt meine Mutter hatte schon lange eine Ahnung und mir Zeichen gegeben die ich offenbar erfolgreich ignoriert habe. Sie hatte auch schon mit meinem Vater darüber gesprochen, um ihn darauf vorzubereiten wie sie mir später erzählt hat. Mein Vater hat erst mal nichts gesagt und angefangen mit resigniertem Gesicht seine Tischmatte in immer kleinere Dreiecke zu falten, aber sie haben mir versichert es sei alles ok und überhaupt kein Problem, zwischen uns ändere sich nichts usw.

Dann hab ich das durchgezogen was ich am Vortag geplant hatte. Es ist nicht jedermanns Sache, aber ich gehe ja auch nicht ohne Vorbereitung in ein Meeting. Ich habe eine DVD mit vielen Stunden Informationsmaterial über Homosexualität, das ich im Fernsehen mit Hilfe von dbnas TV Guide aufgenommen hatte, gebrannt. Wir haben uns einen Teil angesehen und auch gleich darüber gesprochen. Das hat enorm geholfen! Mein Vater hat gesehen, dass er nicht der einzige Vater ist, der etwas auf der Leitung Stand was die Sexualität seines Kindes angeht und meine Mutter konnte ihren Hunger auf Hintergrundwissen stillen.

Auf jeden Fall habe ich die Bedrückende Stille vermieden, die nach einem Outing oft einsetzt. Sie konnten gleich sehen, dass ich keineswegs uninformiert bin (Stichwort HIV) und es auch ernst meine. Zunächst hatte ich ein wenig Bedenken was meinen Vater angeht, er redete nicht viel darüber, aber er gab mir dann ein Zeichen. Am Tag nach meinen Outing kam er nach Hause und hat mir stolz verkündet er sei aus der Kirche ausgetreten. Ich bin dann auch noch ausgetreten und meine Mutter wird noch austreten. Ich bin weiter gläubiger Christ aber eben kein Katholik mehr.

Vorerst werde ich mich weder bei meinen Klassenkameraden noch beim Rest der Familie outen. Diesbezüglich muss ich noch etwas mit meiner Mutter ringen, die sich zu einer Jean d´Arch entwickelt was das angeht *g*. Ich soll mich ja nicht verstecken oder verbiegen! Was ich auf jeden Fall sagen kann ist das mein Verhältnis zu meinen Eltern sich um mehrere hundert Prozent verbessert hat und ich mich auch selber viel wohler in meiner Haut fühle. Man lernt zu lügen, aber gut geht es einem dabei nie wirklich.

Der 04.11.2008 ... Amerika hat einen vielversprechenden neuen Präsidenten gewählt und meine Eltern wissen, dass ich schwul bin. Die Zeichen stehen auf „neue Zeit angebrochen“!



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 Bild: © kevinruss/istockphoto

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