Juliens Coming-out

Als der „Weiberheld“ Julien sich outet, war es seiner Mutter schon länger klar.

Julien (23) erzählt: Ich war ca. 16 Jahre alt, als ich merkte, dass sich in mir etwas veränderte. Es waren nicht mehr nur Mädchen denen ich hinterher schaute, auch Jungs wurden für mich immer interessanter. Es war etwas total Neues für mich und ich versuchte es erst zu überspielen und mir nicht anmerken zu lassen. Weiterhin wollte ich Beziehungen mit Mädchen führen, damit auch kein Verdacht aufkam, dass ich schwul sein könnte.



Niemand sollte es erfahren und irgendwann, so dachte ich, werde ich mich schon wieder einkriegen und wieder ’normal’ werden. Aber als in unserem Haushalt dann endlich mal ein Internetanschluss installiert wurde, hielt mich nichts mehr auf. Ich recherchierte wie irre im Netz nach CO-Berichten von Leuten in meinem Alter. Auch unterhielt ich mich mit solchen, die nach ihrem CO ganz offen damit umgingen. Es klang immer so, als wäre es sehr einfach sich zu outen. Aber ich hätte es mich zu dieser Zeit einfach nie getraut.

Oft war ich auch im Netz und schaute mir Videos oder Bilder mit homosexuellem Inhalt an um mir das ganze etwas vertrauter zu machen. Als meine Eltern diese Seiten im Verlauf entdeckten, dachte ich mir Notlügen aus und meine Eltern glaubten mir. Als ich entdeckte, wie man den Verlauf löschen konnte, ging meine Entdeckung der schwulen Welt weiter. Über eine Seite lernte ich dann auch andere schwule Jugendliche kennen.

Von Anfang an bevorzugte ich dabei auch eher den Kontakt zu denjenigen, die in meinem Alter, mir sympathisch waren und denen man vor allem ihr Schwulsein nicht sofort ansah. Das erste Date mit einem Jungen, den ich so kennenlernte, verlief aber nicht so toll: Meine Angst war so groß, daß ich mich beim ersten Mal nicht hintraute. Der er mich gut verstand, gab er mir eine zweite Chance – die ich auch nutzte. Wir hatten einen netten Abend.

Zu diesem Zeitpunkt war ich für meine Freunde und alle anderen immer noch Julien der Weiberheld. Irgendwie störte es mich sehr, mich so verstellen zu müssen und allen etwas vorzumachen. Ich wusste nur einfach nicht, wie tolerant diese Menschen wirklich sind.

Als sich dann ein lesbisches Paar in meinem Jahrgang outete, knüpfte ich Kontakt zu ihnen und wir wurden sehr gute Freunde. Auf einem gemeinsamen Urlaub auf Rügen mit weiteren Freunde, packte ich an einem Abend meinen ganzen Mut und outete mich bei einer der beiden Lesben. Nachdem sie es total gut aufgenommen hatte, gab mir das noch mehr Mut und ich machte weiter.

Ich erzählte allen meinen engsten Freunden davon. Bei manchen, dachte ich, es würde schwerer werden und bei manchen war ich mir sicher, dass es leicht sein würde. Aber alle haben recht gut reagiert und das gab mir enorm viel Motivation.

Bei dem Outing bei meinen Freunden blieb es erstmal. Auch als ich meinen ersten Freund hatte, gaben wir uns in der Öffentlichkeit immer eher als Kumpel ab. Nur in der Schule oder im Schutz unserer Freunde konnten wir unsere Masken ablegen. Damit das auch zu Hause klappte, kam dann auch irgendwann das Outing bei meinen Eltern. Das war schon eine etwas größere Hürde, die ich aber unbedingt machen wollte. Ich hatte keine große Lust mehr mich oder meinen Freund vor meinen Eltern zu verstecken.

Ich ging schon davon aus, dass meine Eltern recht gelassen darauf reagieren würden. Also nahm ich wieder meinen ganzen Mut zusammen und erzählte ihnen davon, als sie direkt aus einem 4wöchigen Urlaub durch die Haustür rein kamen. Ich begann mit dem Satz: „Ich muss euch was erzählen!“ Meiner Mutter wurde bei dieser Einleitung unübersehbar mulmig. Sie fragte sofort, ob irgendwas in ihrer Abwesenheit in der Wohnung kaputt gegangen wäre. Ich beruhigte sie damit, dass sich alles im tadellosen Zustand befände. Und direkt an diese Aussage stellte sie die Frage, ob ich irgendein Mädchen geschwängert hätte.

Ich musste innerlich total lachen und verneinte auch das. Sie holte tief Luft und sagte: „Gott sei Dank, mir wäre es echt viel lieber, wenn du mit fünf schwulen Männern zusammen wärst, als das du mir hier eine schwangere Frau mitbringst!“ In mir brach ein Gelächter aus, wie ich es noch nie hatte. Ich grinste sie an und sagte: „Es sind nicht fünf. Es ist nur einer.“ Sie schmierte sich weiter ihr Brot und gab mir mit einem kurzen Blick zu verstehen, dass sie es toll findet. „Ich wusste das schon länger, ich bin doch deine Mutter.“

Na ja, ob das nun stimmte oder nicht war mir in dieser Situation vollkommen egal. Ich war einfach nur froh, dass ich auf die Unterstützung meiner Mutter vollkommen zählen konnte. Und da sie in der Beziehung mit meinem Vater ganz klar die Hosen anhatte, musste er quasi mitziehen, egal ob er es toll fand oder nicht. Aber zu meiner Überraschung hatte auch er absolut keine Probleme damit.

Es gab nur eine kleine Sache, die mich gestört hat. Sie stellten beide absolut keine Fragen an mich, wie sich das entwickelt hat oder wie ich damit umging oder was auch immer. Sie nahmen es beide einfach so hin. Ich hatte mir vorher natürlich klar ausgelegt, was ich ihnen gerne alles sagen würde. Aber dazu kam es einfach nicht. In Prinzip war es aber so viel toller. Meine Eltern standen beide hinter mir und ich konnte meinen Freund immer mitbringen, wenn ich es wollte. Sie hatten ihn schon echt gern und das war mir besonders wichtig, denn zu dieser Zeit war er mir einfach das wichtigste.

Heute bin ich glücklich so zu sein wie ich bin. Leider gestaltet sich die Suche nach einem Partner für mich etwas schwierig, da ich ja nie in Szeneclubs gehe. Auch binde ich es keinem mehr auf die Nase, dass ich schwul bin. Es gehört für mich einfach nicht in meinen Lebenslauf. Ich denke auch eher, dass meine Homosexualität etwas ist, was ich teilweise noch verstecken will oder sogar auch muss. Es gibt halt Leute bzw. Gruppen, die es nicht verstehen und auch nicht verstehen wollen. Und darunter gibt es Menschen, vor denen habe ich Angst. Und Angst ist keine Schwäche. 

Mein Coming Out ist sicher noch lange nicht vorbei. Und ich werde demnach auch noch viele Fragen zu meiner Neigung beantworten müssen. Dennoch: ich bin gerüstet mit guten Antworten.


Mehr Berichte

Weitere Coming-out Geschichten von anderen dbna'lern findest du hier



 Bild: © istockphoto / kevinruss

Mach mit!

Deine Coming-out Geschichte bei dbna! Erzähl uns und den anderen Jungs von deinem Coming-out. Klick hier, um deine Geschichte einzusenden »