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In der Rubrik "Comingout" gibt es noch zahlreiche weitere interessante Artikel.

Uli (19) erzählt:

Nicht so schlimm, wie gedacht…

"Mein schwierigstes, aber auch befreiendstes Erlebnis"

Ja, mein Coming-out war bisher mein schwierigstes, aber auch befreiendstes Erlebnis – obwohl es noch nicht endgültig abgeschlossen ist. Inzwischen bin ich bei meiner Familie und bei meinen engsten Freunden geoutet. Jedoch in der Schule traue ich mich (noch) nicht, da ich eh schon immer schüchtern war und es nicht gut haben kann, wenn hinter meinen Rücken geredet bzw. gelästert wird. Aber es wissensch immerhin schon zwei aus meiner Klasse bescheid.

Mein Coming-out fing bei meiner besten Freundin an. Ich hab ihr immer wieder mal gesagt, dass ich ihr etwas erzählen müsse. Doch ich wollte auf den richtigen Zeitpunkt warten. Dann waren wir beide irgendwann abends unterwegs und ich sagte einmal mehr: „Du, ich muss dir was sagen, aber nicht jetzt.“ Darauf kam die mehr als neugierige Antwort: „Jetzt komm schon! Das hast du schon so oft gesagt. Sag einfach was los ist!“ Hinzu kam eine Art „Ratespiel“, was ich ihr den wohl so wichtiges zu erzählen hätte. „Bist du verknallt? War was in der Schule? Hast du wen umgebracht? Bist du auf der Flucht? Hast du in diesem Laden hier Hausverbot? Bist du schwul? Jetzt sag halt endlich!“

Entgeisterte Blicke

Nach einiger Zeit des Schweigens sagte ich dann zu ihr: „Du hattest eben schon mit einer der Fragen Recht.“ Dusselig wie sie ist, konnte sie sich wahrscheinlich nur an die Hälfte der gestellten Fragen erinnern und blickte mich erstmal an wie ein Auto und meinte: „Womit denn genau?“ Nach ein paar Minuten fiel der Groschen und sie schaute noch entgeisteter. Das verwirrte mich enorm und ich zweifelte an meiner Entscheidung es ihr zu sagen. Doch dieses Schockgesicht lverschwand schnell und verwandelte sich in ein Grinsen mit Dauerumarmung. Allerdings hatte ich den Abend fast keine Ruhe mehr, da ich natürlich auf der Stelle ausgequetscht wurde. Dafür war ich aber auch sehr erleichtert, endlich alles jemandem erzählen zu können, also machte mir das nichts aus.

„Nie mit einem Lederschwulen!“

Zweiter Schritt: meine Tante. Mit ihr komme ich wirklich sehr gut klar  und außerdem ist sie für mich auch schon so etwas wie eine Freundin. Trotzdem hatte ich auch bei ihr meine Zweifel, Ängste und Bedenken. Doch ihr einziger Kommentar zu meinem Outing war: „Komme mir nie mit einem Lederschwulen nach Hause. Hab dich lieb!“ Dieser scherzhaft gemeinte Kommentar zeigte mir einmal mehr, dass ich auch ihr wirklich alles erzählen konnte. Sie schenkte mir sogar einen Ratgeber zum Outing, um mir zu beweisen, dass sie wirklich hinter mir steht.

Dem Zwillingsbruder ist es egal

Nächster Schritt: Zwillingsbruder. Vor seiner Reaktion hatte ich wohl am meisten Panik, da ich sie absolut nicht vorhersagen konnte und er mir (natürlich) auch sehr wichtig ist. Nach langem Zittern und Absprachen mit meiner besten Freundin hatte ich letztendlich den Mut gefunden, es ihm auch noch zu sagen. Die bisher positiven Reaktionen haben mich ebenfalls bestärkt. Zu meinem Glück sagte er: „Das ist mir egal, du bist mein Bruder und ich freu mich, dass du mir das anvertraust.“

Vorerst letzter Schritt: meine Eltern. Auch hier hatte ich wieder das große Zittern. Zuerst musste meine Mutter daran glauben. Hier fand ich aber aus irgendwelchen Gründen nicht den Mut, es ihr persönlich zu sagen. Wie oft ich unten in der Küche stand und es ihr sagen wollte, weiß ich nicht. Es kam immer nur zu einem normalen Gespräch und beim Fleischschneiden fand ich es dann auch nicht so passend.

Also schrieb ich ihr einen Brief legte ihn ihr in die Küche, bevor ich zur Arbeit ging. Diese zwei Stunden Regale einräumen waren die schlimmsten meines Lebens. Und als ich nach Hause kam, sagte sie mir einfach, dass sie kein Problem damit habe, und wollte wissen, wie ich „auf einmal“ schwul geworden sei. Meinem Vater schrieb ich schließlich auch einen Brief, weil er nicht mehr zu Hause wohnt. Auch er reagierte sehr positiv: Er werde mich immer lieben, egal mit welchen Geschlecht ich zusammen sein werde.

Insgesamt kann ich sagen, dass mein Outing für mich nicht einfach war. Aber dafür verlief es sehr positiv und es half mir selbstbewusster zu werden. Bei mir hat es sehr geholfen, meine Outing- Reihenfolge nach Schwierigkeitsgrad zu ordnen: Zuerst habe ich es denen gesagt, bei denen ich am wenigsten Bedenken hatte und ich keine Ablehnung erwartete. Also hoffe ich, dass mein Bericht etwas hilft und sich der ein oder andere vielleicht sogar etwas ermutigt fühlt, sich zu outen.

Quelle:
Bildmaterial: © Jordan Chesbrough / istockphotos.com
Die hier dargestellten Fotos zeigen nicht den Einsender der Geschichte.