Marc erzählt...

Ich habe diese Geschichte niederschreiben wollen, weil ich das Gefühl hatte, dass sie so anders ist als die Geschichten, die man hier sonst liest. Coming-out aus einer ganz anderen Perspektive, könnte man sagen, denn ich möchte nicht über mein Coming-out schreiben - zumindest nicht elementar.

Marc (21) erzählt: Ich habe diese Geschichte niederschreiben wollen, weil ich das Gefühl hatte, dass sie so anders ist als die Geschichten, die man hier sonst liest. Coming-out aus einer ganz anderen Perspektive, könnte man sagen, denn ich möchte nicht über mein Coming-out schreiben - zumindest nicht elementar. Den Anfang könnte man vor gut zwölf Jahren machen. Ich weiß nicht mehr, ob es Sommer oder Winter war, ob die Sonne schien oder der Regen fiel, aber ich weiß, dass es ein Freitag war, an dem ich mein erstes Tischtennistraining hatte. Wie ich zum Tischtennissport kam, ist vollkommen egal. Wichtig für diese Geschichte ist lediglich Daniel.

Daniel ist, und war demnach auch damals, in meinem Alter und im Laufe der Jahre, die wir uns nun kennen, hat sich eine solide, gute Freundschaft entwickelt. Zunächst durch unsere gemeinsame Begeisterung für den Tischtennissport begründet, ist diese Freundschaft mittlerweile zu mehr erwachsen. Wir lachen gemeinsam, ärgern uns gemeinsam und singen gemeinsam Wise Guys-Lieder in der Umkleidekabine unserer Turnhalle. Der ein oder andere erwartet nun vielleicht das Übliche. Freundschaft wird zu Liebe. Ein Outing wird fällig. Die Freundschaft zerbricht oder - da es eine besondere Geschichte sein soll - wandelt sich im großen Happy End zu der Liebesbeziehung unseres Lebens. Jene, denen ich diese Erwartung aufgedrängt haben sollte, liegen verkehrt in ihrer Annahme.

Spaßeshalber haben wir heute Morgen über unsere Hochzeit gesprochen und bekundet, dass der morgige Tag eine terminliche Kollision mit der Hochzeit gemeinsamer Bekannter bedeuten würde, doch wir sind weder zusammen noch hatten wir jemals in unserem Leben Liebeleien. Ich habe mich ihm gegenüber vor etwas mehr als drei Jahren geoutet, Stunden vor der Feier zu meinem achtzehnten Geburtstag, als er beim Aufbauen geholfen hatte. Eine Woche später im Chat schrieb er mir, dass er erst jetzt so richtig verstanden hatte, was ich ihm überhaupt erzählt hatte. Darüber lachen wir auch nach drei Jahren noch gerne.

Mein Schwul-Sein war für ihn nie ein Problem - für seine Großmutter schon. Ich kenne die gute Frau nicht, habe sie nie persönlich kennen gelernt, deswegen ist es schwierig ein Urteil zu fällen. Was ich über sie weiß, sind Erzählungen von Daniel. Obskure Erzählungen. Ich weiß nicht mehr, in welchem Kontext sie irgendwann von Daniel erfahren hatte, dass ich schwul war, im Prinzip spielt das auch keine Rolle. Als sie es erfahren hatte, war sie entsetzt gewesen. Entsetzen über den Umstand und entsetzt über den Umgang, den Daniel offensichtlich pflegte. Wir unternehmen seit gut zwei Jahren häufiger gemeinsam etwas, seiner Oma passte das gar nicht, nachdem sie wusste, dass ich scheinbar nicht ganz normal bin. Irgendwann einmal gab sie ihm Geld, nachdem er ihr versichert hatte, nicht schwul zu sein, vielleicht solle ich auch einmal zu ihr gehen und ihr dies versichern, dies wäre neben dem Studium bestimmt eine nette Einnahmequelle. *grins*

An anderen Tagen echauffierte sie sich darüber, dass ich bei ihm zu Besuch war, dass er mich zu seinem Geburtstag einlud oder dass wir wieder gemeinsame Unternehmungen hatten, und ignorierte ihn daraufhin beleidigt für eine gewisse Zeit, um später den Haussegen über einen Fünfer oder Zehner wieder retten zu wollen. Letzte Woche waren wir gemeinsam auf einem Konzert. Er verabschiedete sich von seiner Großmutter und bekam von ihr einen Fünfer für das Konzert in die Hand gedrückt. Sie fragte ihn, mit wem er hingehen würde und als er ihr sagte, dass ich dabei sein würde, entgegnete sie, dass sie ihm das Geld nicht gegeben hätte, wenn sie dies gewusst hätte. Ich habe von vielen Outing-Geschichten gehört und erlebt, wie Eltern die Liebe ihrer Kinder zu ihnen ausgetrieben haben, indem sie deren Homosexualität nicht haben akzeptieren wollen, indem sie ihnen danach das Leben zur Hölle gemacht haben, doch ich habe noch nie von dem heterosexuellen Freund gehört, der wegen seines schwulen Freundes Stress in der Familie bekommen hatte.

Daniel knallte die fünf Euro auf den Tisch und ging ohne sie weiter zu beachten. An dem Tag erzählte er mir nicht davon. Wir hatten trotzdem einen schönen Nachmittag und Abend und das Konzert war einfach nur klasse gewesen.

Ich habe diese Geschichte niederschreiben wollen, weil ich das Gefühl hatte, dass sie so anders war als die Geschichten, die man hier sonst liest. Coming-out aus einer ganz anderen Perspektive, würde ich sagen, denn ich habe nicht über mein Coming-Out geschrieben – zumindest nicht elementar. Die etwas andere Coming-out-Geschichte ist die Geschichte eines Freundes, dessen Outing kein eigenes Überwinden, kein eigens Eingeständnis waren und dessen Auswirkung dennoch ab und an stärker sind, als es sich viele hier für ein oder ihr Outing, egal in welcher Form, wünschen. Es ist aber auch die Geschichte eines Freundes, der selbst dort noch zu mir hält, wo ich es nicht einmal für nötig erachtet hätte, dem mein Recht wichtiger ist als der eigene Haussegen.

Danke Daniel.


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