Ein Schwuchtel. Ja, ein Schwuchtel.

Timo (17) erzählt: Schon im frühen Kindesalter bemerkte man bereits, dass ich nicht das ganz schlichte Kind war. Ich spielte lieber mit Puppen, bevorzugte Mädchenkleidung und benutzte ab und an sogar Muttis Schminke. Schien wohl alles nicht ganz normal zu sein. In der Grundschule begann dann die Phase, in der ich ziemlich gemobbt wurde. Sprüche wie "Schwuchtel" waren keine Einzelfälle. Ich mochte die Mädchen eben lieber und hielt mich so auch mit diesen auf. Ende der vierten Klasse wechselte ich auf eine Realschule.

Neues Umfeld, neue Freunde, neue Feinde. Ein neue Zeitspanne begann. Anschließend dann der Wechsel in H - Zweige (Hauptschulabschluss) und M - Zweige (Mittlerer Bildungsabschluss). Siebte Klasse. Ich fand schnell Anschluss, jedoch wieder überwiegend nur bei Mädchen, doch gegen Ende des 8. Schuljahres begann ich mich mit einem Jungen anzufreunden. Er war groß, durchtrainiert und hatte lockiges, braunes Haar.

Wir verbrachten den kompletten Sommer zusammen und entwickelten ein gutes, freundschaftliches Verhältnis. Danach, nach diesem wunderschönen Sommer, fand er eine Freundin, im November. Der Kontakt zerbrach allmählich, leider. Mitte der neunten Klasse, im Frühling hatte ich dann meine ersten Erfahrungen mit einem Mädchen. Wie das mit 14 wohl noch so ist, gesteht man es sich nicht wirklich ein, homosexuell zu sein. Während dieser Beziehung lernte ich einen Jungen kennen. Jungen? Naja, wohl eher Mann. Er war 19, kräftig gebaut und meines Erachtens nach sehr attraktiv.

Nach einigen Monaten und mehreren Treffen küssten wir uns das Erste mal. Meine erste homosexuelle Erfahrung. Danach trennte ich mich von meiner damals Geliebten, nach ca. 7 Monaten Beziehung.

Dezember. Die Weihnachtszeit in der sich tausende von Menschen über unzählige Weihnachtsmärkte tümmeln. Da mein damaliger Freund keine Familie hatte bzw. niemanden, der in seiner Nähe wohnte, bat ich meine Mutter ihn zu unserem Weihnachtsfest einzuladen. Alles geglückt verbrachten wir auch Weihnachten zusammen. Mitte Mai begannen nun die schriftlichen Fächer für den mittleren Bildungsabschluss und genau zwei Monate davor trennte sich mein ehemaliger Freund von mir. Noch Tage davor ging er nicht an sein Handy, drohte damit, sich das Leben zu nehmen. Voller Sorge, versuchte ich verzweifelt alles zu tun, um Hilfe zu leisten. Nach zwei Tagen der ersehnte Anruf und er gestand mir, dass er fremd ging.

Am Boden zerstört und von Kummer geplagt erzählte ich nach reichlich Überlegung an einem Samstagmorgen meiner Mutter, dass ich schwul sei. Nein, nicht empört, auch nicht erleichtert, eher abweisend, klangen ihre Worte, denn sie wusste, dass dieser Jemand, mein vermutlicher Freund, dahinter steckte. Sie war der Auffassung er sei an dieser Sache schuld und nur er hätte mich zu dem gemacht, was ich sei. Ein Schwuchtel. Ja, ein Schwuchtel. Es sei eine Phase, die bald wieder vorübergehen wird. Sonntags wurde mein Vater aufgeklärt. Er sagte nicht viel, war still, wie immer. Ich beließ es dabei.

In der kommenden Woche Mittwoch finden die schriftlichen Prüfungen an. Deutsch. Der Tag, an dem ich alles verlor. Ich wurde eingeliefert. Eingeliefert in die Kinder und Jugendpsychiatrie, verbrachte dort drei Monate und versuchte ein neues Leben zu beginnen. Jedoch möchte ich an alle appellieren, die ihr Coming-Out noch nicht hinter sich haben. Es ist schwer, für jedermann, das weiß ich, jedoch ist es wichtig dass man zu sich steht. Die Freiheit, die Leichtigkeit und die Unabhängigkeit die euch danach bevorsteht, kann und wird euch niemand nehmen. Lasst euch von diesem Gefühl berauschen und geht einen Schritt auf die Menschheit zu!


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