Coming-out

Hausarrest

Mein Coming-out war eigentlich ein richtiger Horror. Als ich 14 Jahre alt war, hatte ich das erste Mal gemerkt, dass ich was für einen Jungen empfinde und somit anders bin. Aber um mich zu outen, war ich noch viel zu unsicher und hatte Angst vor meinem Vater.

Tobias (16) erzählt:

Kurz vor meinem 15. Geburtstag verstarb dann mein Vater. Meine Familie war noch sehr jung und für jeden war es schwer, damit klar zu kommen. Ich musste der Starke sein und für meine Mutter und Schwester da sein. Doch mir ging es nicht anders. Es war eine schwere Zeit.

Ein halbes Jahr später lernte ich dann einen Jungen aus meiner Gegend kennen, den ich auch traf. Als wir dann in eine Beziehung kamen, habe ich mich nur bei meiner Mutter und Schwester geoutet. Sie dachten, es sei ein Scherz, und glaubten es erst, als sie meinen Freund kennen lernten. Meine Mutter mochte ihn nicht und gab mir Hausarrest. Damit ich auch keinen Kontakt zu ihm aufnehmen konnte, verbot sie mir das Internet und nahm mir das Handy ab.

Die darauf folgende Zeit war sehr tränenreich, vor allem da ich mich bei meinen vermeidlichen Freunden geoutet habe. Ihnen habe ich es auf einem Event gesagt und wir hatten alle schon ziemlich tief ins Glas geschaut. Ich wurde dabei gefilmt und man hat mich diskriminiert. Diese Videos gingen auf meiner kompletten Schule, meinem Dorf und Freundeskreis rum. Ich war eine Lachnummer und ich war am Verzweifeln. Meine Mutter schlug mich und jeder lachte mich aus oder beschimpfte mich.

Meine Hoffnung lag im Jugendamt und mein Freund, den ich immer noch hatte und nur heimlich treffen konnte. Er stand völlig hinter mir bis zu dem Zeitpunkt, an dem das Jugendamt sagte, dass ich in ein sehr weit entferntes Heim kommen würde. Aber da ich meinen Freund nicht verlassen wollte, blieb ich daheim und nahm die Schmerzen auf mich, die ich daheim ertragen musste. Kurz darauf ging die Beziehung zwischen mir und meinen Freund in die Brüche.

Nun hatte ich niemanden mehr, der hinter mir stand. Die Situation wurde zuhause immer schlimmer. Meine Verzweiflung war so riesig, dass ich Anfang 2010 einen Selbstmordversuch unternahm und vier Tage auf der Intensivstation im Koma lag. Aufgrund dieses Vorfalls machte es in dem Kopf meiner Mutter Klick und sie merkte, dass ich ihr Sohn bin und dass jeder Mensch einzigartig ist. Sie entschuldigte sich bei mir. Es war ein Anfang und ich hatte endlich Hoffnung, dass alles anders wird. Es brauchte zwar bis sie alles verstand, aber es wurde immer besser mit der Zeit. Das familiäre Umfeld wurde besser, aber ich hatte immer noch keine Freunde, die hinter mir standen. Und die Kollegen meines Hobbys wusste es auch noch nicht.

Im Sommer lernte ich endlich mal wieder Leute kennen, die mich so akzeptierten wie ich bin. Anscheinend ging es bergauf. Ich outete mich auch bei meinen Schiedsrichterkollegen, die es mit Humor aufnahmen und mit mir immer Witze drüber machen. Wir haben einen besonderen Humor und sind froh, dass jeder von uns über seine eigenen Macken lachen kann. Ich hätte mit solch einer Reaktion im Fußball nicht gerechnet und bin sehr erfreut darüber.

Doch die Freude war nur von kurzer Dauer. Ich lebe in einem sehr kleinen Dorf, in dem einige Neonazis und Skinheads wohnen, die homophob veranlagt sind. Sie haben mich schon mehrmals zusammengeschlagen. Jetzt habe ich sogar Angst in meinem eigenen Dorf vor die Tür zu gehen. Aber durch eine Jugendgruppe in Saarbrücken in der ziemlich viele Homosexuelle, Bi- und Transsexuelle sind, bin ich nicht mehr in meinem eigenen Dorf unterwegs, sondern dort. Durch diese Gruppe find ich sehr viele neue Freunde.

Mittlerweile habe ich keine Probleme mehr mit Personen, die mich versuchen zu diskriminieren. Entweder höre ich nicht hin oder sie machen es nicht mehr. Aber es liegt wohl auch daran, dass ich durch diese ganzen Vorfälle umziehe, worauf ich mich schon sehr freue. Ich hoffe nur, dass ich so etwas nicht wieder erleben muss, und dass es so weiter geht. Durch mein ganzes Coming-out kann ich viel offener und freizügiger mein Leben ausleben, weil ich meine Sexualität nicht verheimlichen muss und ich bin stolz darauf.


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30.03.2012

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