Coming-out

Rausgeworfen

Mein Coming out war wohl eines unangenehmsten von allen. Ich kann es in vier Phasen aufteilen, die ich Euch einzeln schildern möchte.

Christopher (17) erzählt: Phase 1

Anfangs lief es gut. Ich bin nun 17 Jahre alt und outete mich mit 15. Ich hatte dann auch meinen ersten Freund. Alles lief glatt und super. Meine Eltern akzeptierten ihn und das sogar recht freundlich und gleich von Anfang an, was ich ehrlich gesagt nicht erwartet hatte. Mein Fehler war wahrscheinlich, dass ich anschließend eine FreundIN hatte. So fiel es meinen Eltern natürlich leicht, alles als eine Phase abzustempeln. Und so begann Phase 2.

Phase 2

Mit meiner Freundin lief es nicht besonders. Vor allem lief nicht viel. Ich wollte das aus irgendeinem Grund nicht. Somit musste ich wohl erkennen, dass ich doch schwul war und verließ sie. Für meine Mutter ist eine Welt zusammengebrochen, weil sie war ja ihre „Lieblingsschwiegertochter". So blieb ich längere Zeit Single und es gefiel mir gut. Einfach mein Ding machen mit Schule und allem.

Phase 3

Ich lernte einen Jungen kennen. Jay war sein Name. Erst war ich nur eine Affäre neben seinem Freund. Doch dann verließ er ihn und kam mit mir zusammen. Meine Eltern lernten ihn kennen. Und nach einem halben Jahr Beziehung erkannten sie die Ernsthaftigkeit meiner homosexuellen Orientierung. Während mein Vater, zu meiner Überraschung, voll damit klar kam, fand meine Mutter das alles andere als witzig und machte ihn dafür verantwortlich, dass ich nun schwul wäre. So begann der Stress und sie behandelte ihn oft mit wenig Respekt und so viel Abneigung, dass er am Ende mit seinen 23 Jahren nicht mehr zu mir kommen wollte und ich somit ihn immer besuchen musste.

Als er dann nicht mehr erschien, ging das Feuer nun gegen mich. Jeden Tag Streit, immer und kleine Sachen. Ich habe mich wie in der Grundschule gefühlt. Und das ging irgendwann soweit das Phase 4 begann.

Phase 4

Nach einigen Wochen ständigen Streits flog ich das erste Mal aus der Wohnung raus. Während der Mittagspause in der Schule haben meine Eltern mich daheim eingeschlossen. Ich war am Ende. Nach ca. 15 Minuten kam meine Mutter herein und meinte ich solle doch meine Sachen nehmen und endlich verschwinden. Ich tat es.

Nach fünf Tagen, in denen ich bei meinem Freund gewohnt hatte, rief meine Mutter mich an und wollte das ich zurückkomme. Ich tat es. Doch es war nicht besser. Am selben Abend haben wir uns wieder gestritten. Und das ging eine ganze Woche lang so, bis sie mich wieder rausschmiss. Nun wohnte ich fast einen Monat bei meinem Freund, der in der Zwischenzeit umgezogen war, mit mir zusammen. Da meine Mutter ständig bei ihm auf der Arbeit anrief und uns wirklich das Leben schwer machte, passte das auch ganz gut. In der neuen WG nun angekommen wurde es ruhig.

Doch irgendwann erfuhr ich, dass meine Mutter verbreitete, ich sei abgehauen. Also sprach ich das Problem in der Schule bei einer mir vertrauten Lehrerin an, die mir helfen wollte mit einem Gespräch zwischen mir und meinen Eltern. Ich willigte ein. Bei dem Gespräch war meine Schulleitung dabei, die mir ernsthaft einredete, es sei alles übertrieben, wie ich es darstelle, denn ich sei ja schließlich hoch pubertär und wisse nicht, was wirklich sei und was nicht. Zudem rede man sich auch viel ein, wenn man verliebt ist und sieht, wie schön dieser Mann wohne und man wolle das schließlich auch gerne haben – mit ihm zusammen. Dabei hatte ich niemals daran gedacht, mit ihm zusammenzuziehen, geschweige denn auszuziehen. Nur sie brachte mich auf diesen Gedanken. Aber so musste ich dann zurück in den Haushalt meiner Eltern. Bis meine Mutter mich schlug.

Dann war es mir zu viel. Ich packte meine Sachen und rannte direkt zu meinem Freund. Der mich wieder einmal aufnahm, wofür ich ihm auch heute noch sehr dankbar bin. Dort angekommen lernte ich eine Freundin von Jay kennen bzw. eine Freundin von einer seiner Mitbewohnerinnen. Sie war auch „obdachlos“ und hatte eine ähnliche Problematik wie ich. Und da wir der WG nicht ewig auf der Tasche liegen, wollten kümmerten wir uns um eine Wohnung.

Ich klammerte mich richtig an diesen Funken Hoffnung, da ich schon in der Schule stark nachgelassen hatte aufgrund meiner Situation zu Hause. So besichtigten wir Wohnungen ohne Ende. Bis wir unsere Traumwohnung gefunden hatten. Und schon begann der Einkauf an Möbeln, da meine Eltern mich in keinster Form unterstützen wollten, denn ich sei schließlich eine Schande und „eine dreckige, schändliche schwule Sau“.

Somit war ich mit meinen 17 Jahren ganz auf mich allein gestellt und bin im Endeffekt stolz es geschafft zu haben. Ich arbeite neben der Schule, um mir mein Leben zu finanzieren und bekomme es gut hin. Was einen eben nicht umbringt, macht einen nur stärker. Und es ist auch so.

Ich möchte niemandem hier den Mut nehmen sich zu outen, doch es geht nicht immer gut. Ich habe dazu gestanden, egal wie es enden sollte. Und das rate ich jedem. Ich werde mich nicht ändern, auch wenn ich nun keinen Kontakt mehr zu meinen Eltern habe. Ich lebe mein Leben, wie es mir gefällt und wie es mich glücklich macht. Nur das zählt.

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19.05.2012
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