Ade schwules Jugendzentrum?
Hamburgs schwarz-grüner Senat steht in der Kritik: die angekündigte Errichtung eines Jugendzentrum für Schwule und Lesben liegt brach, ein Fortschritt ist nicht erkennbar.

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Im Hamburger Rathaus herrscht gerade Stillstand in Bezug auf schwullesbische Jugendarbeit.
Seit bald zwei Jahren regiert nun der schwarz-grüne Senat in der Hansestadt Hamburg. Im Frühjahr 2008 schlossen CDU und GAL einen Koalitionsvertrag, von dem sich anfangs auch Schwule und Lesben mehr erhofften.
Schwules Jugendzentrum, Forschungsprojekt, Gleichstellung
Darin kündigte Schwarz-Grün die Errichtung eines schwulen Jugendzentrums - „nach Evaluation der bestehenden Beratungsangebote“ - an, die weitere Unterstützung der Arbeit des Magnus-Hirschfeld-Centrum (mhc), sowie die Förderung eines Forschungsprojekt zur Aufarbeitung der Verfolgung schwuler Männer aufgrund des §175 StGB in Hamburg; zudem versprach die Koalition die Unterstützung einer Bundesratsinitiative zur steuerrechtlichen Gleichstellung. Einigkeit bezeugte man in der Forderung nach der Gleichstellung von homosexuellen Paaren und Ehepartnern im Falle von Hinterbliebenenversorgung und Beihilfe. Auch bekundeten Union und Grüne, dass „Jugendliche bei der Entwicklung ihrer sexuellen Identität in der Schule und in Jugendeinrichtungen (...) umfassende Hilfestellung“ erhalten sollten.

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Die Flagge der Stadt Hamburg.
mhc ist einzig geförderte Einrichtung für schwule Jugendarbeit
Den Untätigkeitsvorwurf Dobuschs kann Steve Behrmann von der Beratungsstelle des Magnus-Hirschfeld-Centrum (mhc) nicht ganz teilen. Das mhc ist ein lesbisch-schwules Zentrum für Beratung, Kommunikation, Kultur und Jugend, dessen Trägerverein die Unabhängige Homosexuelle Alternative (UHA e.V.) ist. Jeden Freitag kommen 30 bis 50 schwule Jugendliche zum mhc - die einzige Hamburger Einrichtung, die schwule Jugendarbeit betreibt und die seit 2002 staatlich gefördert wird. 2009 besuchten Freitag für Freitag insgesamt knapp 2000 Jugendliche das mhc. Von diesen war jeder Zehnte zum ersten Mal anwesend. Die Einschränkung auf den einen Wochentag ergibt sich aus der finanziellen Ausstattung des mhc, die nur eine halbe Stelle für den Jugendbereich ermöglicht.
Der Diplompädagoge Behrmann stellt die vielen Diskussionen und Gespräche, die er in den letzten beiden Jahren immer wieder geführt hat, heraus. Aber auch er muss zugeben, dass das Aufklärungsprojekt bisher eben nichts vorangebracht und auch sonst nichts entschieden wurde. Ohne Geld funktioniere keines der Konzepte, die es bereits beim mhc gäbe. „Aber wir machen nicht die Arbeit der Politik“, betont Behrmann.
Bisherige Förderstruktur und Befindlichkeiten wichtig
Um der Politik entgegen zu kommen und sie anzuregen, wurde unter Federführung Behrmanns ein Exposé zur Umsetzung eines schwulen Jugendzentrums in Hamburg gefertigt. Auch sollte dieses offene Fragen klären, um was für ein Jugendzentrum es sich handeln soll: Nur zur Beratung, wie im Koalitionsvertrag vorgesehen? Nur schwul oder schwullesbisch oder auch mit trans*-Bezug? Dies sei aufgrund der bisherigen Förderstruktur und der Befindlichkeiten in Hamburg wichtig zu klären, so der Diplompädagoge.
Die Reaktion der Hamburger Politiker darauf sei durchweg positiv gewesen, für die Recherchen und den deutschlandweiten Vergleich sprach man auch Dank aus. Wirkliche Folgen gab es keine, ein Konzept steht immer noch aus. Allerdings hat die GAL auf ihrem Jahresempfang angekündigt, im Frühjahr ein Konzept vorlegen zu wollen. „Darauf bin ich schon gespannt“, meint Steve Behrmann dazu.
Schwullesbische Einrichtungen sind unterfinanziert
Auf das Exposé des mhc folgten auch Besuche von Teilen der SPD und der GAL beim mhc. Eine der Besucherinnen des mhc in diesem Rahmen war auch Dobusch. Hier sei ihr deutlich vor Augen geführt worden, wie knapp die bisherige Finanzierung der bestehenden Institutionen sei. „Die Einrichtungen sind absolut unterfinanziert!“ berichtet Dobusch. Sie lehnt es auch ab, den gedanklichen Rotstift bei jedem Ausbau der Finanzierung gleich mitanzusetzen - auch in Zeiten der Krise. Diese Gefahr sieht auch Behrmann, der warnt, dass der Errichtung eines Jugendzentrums nicht die Streichung von Geldern an anderer Stelle folgen dürfte.
Das angedachte Jugendzentrum will die Abgeordnete so auf jeden Fall ohne Kostenreduzierungen im schwullesbischen Bereich verwirklicht sehen. „Wir müssen hierbei auch ganz klar darauf schauen, was die Jugendlichen wollen und was wünschenswert ist“, unterstreicht Dobusch. Und diese Wünsche hat man beim mhc mittels einer Befragung ausfindig gemacht. Eine Mehrheit der Jugendlichen sprach sich für das mhc als Standort des Jugendzentrums aus. Sie wollen nicht in den Bezirk Mitte, in die Nähe der Szene oder sogar hinein in die eher verrufenen Kieze. Wichtig ist ihnen ein geschütztes Umfeld, ein lebendiges Wohngebiet und gute Erreichbarkeit. „Zudem sind auch die Eltern ein Faktor, die ihr Kinder sicherlich nicht in der Nähe des Hauptbahnhofs, der Drogenjunkies und Prostituierten schicken wollen“, hebt der Pädagoge Behrmann hervor.
Erst Klärung von Bedarf, danach von Standort
Farid Müller, GAL-Bürgerschaftsabgeordneter und Sprecher für Lesben- und Schwulenpolitik, der als Initiator des Jugendzentrums gilt, überrascht dieses Ergebnis nicht. Wichtiger als die bisherigen Besucher eines Zentrums sind ihm die Personen, die den Weg bisher nicht gefunden haben. Außerdem: „Erst einmal ist zu klären, welchen Bedarf es gibt, dann, ob dafür ein Jugendzentrum erforderlich ist und dann kann man sich über Standorte unterhalten.“
Auch fachlich spreche aus Sicht Behrmanns und Dobuschs nichts für den Bezirk Mitte als Standort. Diesbezüglich habe auch Müller keine Argumente, meint Dobusch. Dieser vermische derzeit eher die Debatten um Jugendzentrum und Aufklärungsprojekt, was sehr hinderlich sei. Es sei auch bezeichnend, dass dieser das Jugendzentrum immer „wie eine Fahne vor sich hergetragen“ habe, aber die Verwirklichung des Jugendzentrums bisher nicht vorankam. Dass Müller ein neues Zentrum fordere, liegt für Dobusch in der Hand, denn so könne er dieses als „sein Baby“ verkaufen.
Bezirkskoalition von SPD und GAL will Jugendzentrum in Hamburg Mitte
Müller beruft sich bei der Frage um den Standort auf den Koalitionsvertrag von SPD und GAL, die zusammen im Bezirk Hamburg-Mitte regieren. Hierbei stünde vor allem die optimale Erreichbarkeit im Vordergrund.
Bei der Frage des Standorts zeigte sich die SPDlerin letztendlich beweglich. Sie will wissen, was in der Evaluation zum Jugendzentrum herauskam. Auch Müller hatte bisher keinen Zugang zu dieser Evaluation, auf die sich die schwarz-grüne Koalition verständigt hatte. Als Ergebnis könne er sich vorstellen, dass die bestehenden Strukturen des mhc nicht ausreichend seien. Sollte dies stimmen, so hat die Evaluation außer Acht gelassen, dass die bisherige Jugendarbeit im Magnus-Hirschfeld-Centrum bereits auf 320 m² stattfindet, was eine absolut akzeptable Größe ist, wenn man es mit dem Kölner Anyway vergleicht (280 m²). Fakt ist allerdings, dass von diesen 320 m² nur 40 m² öffentlich gefördert werden. Dies könnte bei einer möglichen negativen Beurteilung des mhc durch die Evaluation den Ausschlag gegeben haben.

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Hamburger Innenstadt mit Michel
Für Dobusch ist die Evaluation wichtig, um herauszufinden, was mehr Sinn ergibt als Standort: die Mitte mit dem direkten Zugang zur Szene oder die Andockung an das mhc, das davon abseits liegt? Hier müsse man die Abwägung ansetzen. Die Vorteile des mhc sieht sie aber auch: „Hier liegen Kompetenzen, die das Projekt auch durch ein gutes Konzept umsetzbar machen.“ Es sei unbegreiflich, warum der Senat hier bisher kein Interesse zeige und Geld in die Hand nehme.
Bezüglich der Errichtung eines komplett neuen Jugendzentrum unterstreicht Behrmann, dass dieses Jahre brauchen würde, ums ich zu etablieren. Daher seien die Gelder bei bereits bestehenden Einrichtungen, die sich durchgesetzt haben, wohl besser angelegt. „Zudem würde ein Jugendzentrum, das nicht mit dem mhc verbunden ist und in einem anderen Bezirk liegt, auch Konkurrenz bedeuten – eine unschöne Situation für beide“, gibt der Pädagoge zu Bedenken.
Müller: „Gefährdung der mhc-Jugendarbeit ist Spekulation“
Eine Gefährdung der bisherigen mhc-Jugendarbeit durch ein neues Jugendzentrum ohne Beteiligung des mhc weist Müller als Spekulation zurück. Daran wolle er sich nicht beteiligen: „Erst muss der Bedarf geklärt werden, dann das richtige Instrument, dann der Standort.“ So ist für den GAL-Abgeordnetent die Situation insgesamt weiter offen. Denn vor der Veröffentlichung der Evaluation steht für ihn nicht sicher fest, ob ein schwules Jugendzentrum sicher gebraucht wird. Falls dies aber der Fall sein sollte, hielte er es für falsch „im Vorfeld einen der Vereine, die sich um die Trägerschaft des Zentrum bewerben könnten, zu bevorzugen oder zu benachteiligen.“
Die Bürgerschaftsabgeordnete Dobusch wünscht sich jetzt auf jeden Fall einen schnellen Anfang: „Der erste Schritt muss jetzt gemacht werden, zum einen weil die Situation in Hamburg immer schwieriger wird, zum anderen aber gerade weil die schwulen Jugendlichen unsere Unterstützung brauchen! Alles andere ist unverantwortlich!“ Mit Behrmann ist sie sich einig: „Wenn 2010 nichts passiert, wird es kein schwules Jugendzentrum geben“ - eine Befürchtung, der sich Müller nicht anschließen will und die ihm so auch nicht bekannt sei.
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