Coming-out bei Eltern

Drei Wörter verändern das Familienleben

„Ich bin schwul“ macht alles anders. Häufig reagieren Eltern beim Coming-out nicht so, wie wir uns das vorstellen. Kein Wunder: Für die Eltern ist der Gedanke an einen schwulen Sohn genauso neu, wie er für dich neu gewesen ist.

Bild: Getty Images/Pixland/Jupiterimages - Symbol-/Modelfoto

Es gibt Gespräche, die sind unangenehm. Das Coming-out-Gespräch mit den Eltern fällt in diese Kategorie. Es gibt aber auch Gespräche, die sind notwendig. Nicht, weil man sie führen muss, sondern weil nach einem solchen Gespräch die Gewissheit besteht, dass eine Herzensangelegenheit geklärt ist. Egal, ob das Gespräch positiv oder negativ verläuft: Es ist raus, endlich. Auch in diese Kategorie fällt das Coming-out-Gespräch mit den Eltern, so unangenehm es womöglich sein mag.

Den eigenen Eltern von seiner Homosexualität zu erzählen, ist ein großer Schritt. Schließlich sind die Eltern eine feste Größe in unserem Leben. Häufig reagieren Eltern beim Coming-out nicht so, wie wir uns das vorstellen. Anstatt dich in den Arm zu nehmen, reagieren sie verstört, äußern Bedenken, weisen auf die Gefahren von HIV und Aids hin. In – Gott sei Dank – seltenen Fällen bestrafen sie dich für deine Ehrlichkeit. Egal, wie deine Eltern reagieren: Es gibt einige wichtige Punkte, die du dir bei einem solchen Gespräch vor Augen halten solltest.

Du zerstörst das Bild, das deine Eltern von dir haben

Wenn du deine Eltern in dein Geheimnis einweihst, bist du dir deiner Sache schon sicher – sonst würdest du ihnen nicht von deinem Schwulsein erzählen. Du hattest Wochen, vielleicht sogar Monate oder Jahre Zeit, dich an den Gedanken „Ich bin schwul“ zu gewöhnen. Und mal ehrlich, das zu akzeptieren, war auch für dich am Anfang nicht leicht. Wenn du deinen Eltern erzählst, dass du eher auf Jungs als auf Mädchen stehst, dann ist der Gedanke für sie erst einmal genauso neu, wie er für dich neu gewesen ist.

Natürlich haben deine Eltern schon vor deiner Geburt eine Vorstellung davon, wie dein Leben sein wird. Du wirst Erfolg haben, du wirst gutaussehend sein, vor allem aber wirst du eine Frau heiraten, Kinder in die Welt setzen und eine Familie aufbauen. Dass sie diese „heteronormative“ Vorstellung haben, ist ganz normal, schließlich geht jeder erst einmal davon aus, dass die Umwelt heterosexuell ist. Wir wissen es besser, aber wir haben uns auch intensiv mit diesem Thema auseinandergesetzt.

Deine Eltern gehen also davon aus, dass du sie eines Tages zu Großeltern machen wirst – und dann erzählst du ihnen plötzlich, dass du schwul bist. In diesem Moment zerstörst du das Bild, das deine Eltern von dir haben. Für die meisten Erwachsenen sind Schwule nasal sprechende Federboa-Tucken, die ihre Partner wechseln wie die Unterwäsche. Dass das ein Klischee ist, müssen sie erst lernen – genauso wie wir das erst lernen mussten.

Kenne die Klischees!

Dass deine Eltern sich also erst einmal Sorgen um dich machen, musst du verstehen. Schließlich sind sie deine Eltern – es ist ihre Aufgabe, sich Sorgen um dich zu machen. Du kannst ihnen nur versuchen beizubringen, dass Schwule eben nicht nasal sprechen oder ständig ihre Partner wechseln. Erkläre ihnen, dass all das nur Klischees sind. Die gängigen Klischees zu kennen, ist dabei sehr hilfreich. Im Coming-out-Wegweiser auf dbna findest du eine Auflistung der häufigsten Klischees und Erklärungen, wieso sie nicht zutreffen. Unter Umständen musst du geduldig sein, aber je häufiger du deinen Eltern erklärst, dass du so bleiben wirst, wie du bist, desto eher werden sie verstehen, dass du dir deiner Sache sicher bist.

Wenn deine Eltern im ersten Moment nicht so reagieren, wie du gehofft hast, solltest du nicht enttäuscht sein. Das wird schon! Gib ihnen ein paar Tage Zeit, unter Umständen sogar ein paar Wochen, und versuche immer wieder, mit ihnen über dein Schwulsein zu sprechen. Du hast dir deine Sexualität nicht ausgesucht – weder du noch deine Eltern sind irgendwie schuld daran, dass du schwul bist.

Hilfe im Notfall

Die meisten Eltern werden nach dem ersten Schrecken souverän mit deinem Coming-out umgehen können. Trotzdem kommt es ab und an vor, dass Eltern überreagieren und dir Hausarrest erteilen oder sich andere Bestrafungen ausdenken. Im allerschlimmsten Fall geht das so weit, dass sie dich rauswerfen. Wenn so etwas passiert, bist du auf Hilfe angewiesen. Frage Freunde, ob du vorübergehend bei ihnen unterkommen kannst und versuche, mit deinen Eltern ernsthaft über diese Situation zu sprechen. Im Notfall erhältst du Hilfe beim schwulen Beratungstelefon (0221/19 446) oder per E-Mail über das Notruf-Formular bei dbna.

Links zum Artikel

Newsletter
Bleibe immer up-to-date. Abonniere unseren wöchentlichen Newsletter!
19.08.2013  | Bild: © Getty Images/Pixland/Jupiterimages - Symbol-/Modelfoto

Werbung

dbna-Partner