Freiheit schnuppern

Seit 1995 findet im Sommer am Bodensee das schwule Sommercamp statt. Schwule Jugendliche aus ganz Deutschland, egal ob geoutet oder ungeoutet, pilgern gen Süden. Während des einwöchigen Aufenthalts lernt man neue Leute kennen und – sich selbst.


© DGB-Bezirk Baden-Württemberg
Egal ob strahlender Sonnenschein oder auch mal ein unerwartete Regenguss, Trübsal wird im schwulen Sommercamp nicht geblasen. Auch dieses Jahr wird es vom 22. bis zum 28. August wieder so ein. Im Café-Zelt wird dann geratscht, einige Jungs werden am Bodensee liegen, an den das Camp direkt angrenzt, oder andere werden, wenn es dann doch mal regnet, durch den erfrischenden Sommerregen tollen. Die anderen gehen in Workshops ihren Interessen nach oder üben sich in neue Aktivitäten. Egal ob Gesang, Foto, Video oder Zeitung, Coming-out, Safer Sex, politisch-rechtliche Themen, ein Massage- oder auch ein Tunten-Workshop, für jeden ist etwas mit dabei. Die Workshops sind allesamt freiwillig, mitmachen muss keiner. Und wer nichts passendes findet, kann auch seinen eigenen Workshop aufmachen.


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Förderung von Eigeninitiativen

Das heben auch die Organisatoren hervor, die nicht alle Wünschen erfüllen können. Eigeninitiative ist nicht nur gern gesehen, sondern wird auch gefördert. Lauftreffen am frühen Morgen? Schreib- und Literaturtreff? Ein Workshop „Klatschen, Tratschen, Lästern“? Man ist offen für vieles und „Experten“ sind gerne gesehen. Und damit der Lagerkoller nicht alle überfällt, gibt es auch einen Tagesausflug, bei dem die nähere Umgebung erkundet wird.

Peter war schon zwei Mal mit dabei. Während er erzählt, glänzt es in seinen Augen. „Es ist für jeden was dabei. Und wer gerne einfach mal auf der faulen Haut liegt, der kann auch einfach gar nichts machen und auf der Badeinsel oder am Strand liegen.“ Die Gruppendynamik ist für ihn das wichtigste und macht die Zeit am Bodensee zu etwas ganz Besonderem für ihn. Ob Großstadtjungs oder Landeier wie ihm selbst, wie er grinsend anmerkt, ob ungeoutet oder geoutet, es kämen jedes Mal Leute dort zusammen, die sich in der Szene oder im Netz keines Blickes würdigen würden. „Das gibt eine sehr charmante, bunte und latent explosive Mischung“, urteilt der 20-jährige, der in Stuttgart gerade ein freiwilliges soziales Jahr (FSJ) absolviert.


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Anfangs Vorurteile in der Gewerkschaft

Seit 1995 findet auf dem Platz der DGB-Jugend in Markelfingen direkt am Bodensee das schwule Sommercamp statt. Entstanden war es aus dem heutigen Arbeitskreis Lesben und Schwule der Gewerkschaft ver.di, der 1989 von jungen Mitgliedern der ötv (so damals der Name der Gewerkschaft), und der ab 1991 mit Hilfe des DGB Wochenendseminar zum Thema „Coming-out“ anbot.  Was sich heute nach einer problemlosen Erfolgsgeschichte anhört, hatte jedoch in der Anfangsphase gerade mit vielen Vorbehalten zu kämpfen, denn auch innerhalb des DGB herrschten in den 1990er Jahren noch starke Vorurteile gegenüber Schwulen. Bei einigen ging die Homophobie sogar soweit, dass sie offen mit ihrem Austritt drohten. Auch Personalwechsel bedrohten die Fortführung des Camps zeitweise. Inzwischen ist das schwule Sommercamp zu einer festen Institution geworden, die von solchen Veränderung nicht mehr tangiert wird.

Einen besonderen Reiz stellt für die Teilnehmer das jeweilige Jahresmotto des Camps dar. Seit 1999 wechseln die Themen regelmäßig. Natürlich sei nicht jedes Thema jedermanns Sache, das weiß Michael ganz genau. „Aber wenn man sich darauf einlässt, ist es lustig“, betont der Student deutlich. Wochenlang rätsele er über das Motto und freut sich tierisch auf den Brief, der ihm dann endlich das Geheimnis lüftet. Der 21-jährige sprüht vor Begeisterung: „Jedes Jahr ist damit einzigartig. Ohne wäre es vermutlich eben nur ein schwules Camp. So ist es jedes Mal ein neues Universum.“ Ob nun die griechische Götterwelt, ein großer Konsumtempel, ein Kreuzfahrtschiff oder die Reise ins Märchenland, jedes Mal denken sich die Organisatoren etwas Neues aus.

Stolz ist man auch auf die internationalen Kontakte. Das schwule Sommercamp ist offen für Jugendliche aller Nationen. So nahmen schon tschechische sowie slowakische Gruppen teil, aber auch andere junge Schwule ganz individuell aus der ganzen Welt.


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Buntes Programm mit viel Platz für Individualisten

Natürlich ist nicht nur das Tages-, sondern auch gerade das Nachtprogramm ein ausschlaggebender Faktor. Es gibt die Open Air-Filmnacht, zu der die Teilnehmer Filme mitbringen und selbst zur Wahl stellen. Zu Mitternachtsfilmen rund um schwule Lebensfragen lässt es sich bis in die Morgenstunden hinein prima philosophieren, genauso wie an den Anschluss einer kleinen Lesung. Und wem das zu anspruchsvoll in seinen Ferien bzw. seinem Urlaub ist, der kann natürlich auch feiern. „Abends wird gefeiert, was das Zeug hält“, berichtet Peter. Tanzen, Lachen, Tratschen, Flirten und viel Musik stünden auf dem Programm. „Da verschläft man auch mal das Frühstück“, verrät der Schelm, der sich schon mit 14 Jahren bei seinen Freunden geoutet hat und so gar keine Probleme hatte, weder in der Schule noch daheim.

Für Michael dagegen war es nicht so leicht. Sein Coming-out in der Schule war unfreiwillig und sein gesamtes Umfeld hat sich darüber ausgelassen. Für ihn war das alles andere als eine tolle Erfahrung, die für ihn außerordentlich belastend war. Dennoch ist er heute der Meinung, dass er es trotz allem verhältnismäßig leicht hatte. Für ihn, der sich selbst als sehr kreativ bezeichnet, bedeutet es vor allem, dass er sich nicht verstellen müsse, weil ihn niemand blöd anschaue. In der Nachbetrachtung hat das Sommercamp auch für seine eigene Entwicklung eine entscheidende Bedeutung: „Ich finde, ich bin jedes Jahr über mich hinausgewachsen und ein bisschen erwachsener geworden. Still und heimlich hat es sich so eingeschlichen, dass ich nach jedem Camp mit mehr Selbstvertrauen zurück in die ‚echte‘ Welt gegangen bin.  Jedes Mal war ein ein Stückchen leichter, mit mir selbst auszukommen.“ Auch wenn es vorher kein Problem für ihn selbst dargestellt hätte, so war es für ihn Jahr für Jahr ein Stückchen mehr in Ordnung, einfach er selbst und schwul zu sein, meint Michael nachdenklich.

Hilfe zur Selbstakzeptanz

Vielmehr Probleme mit seinem eigenen Schwulsein hatte der 18jährige Dale. Obwohl er seit vier Jahren geoutet ist und nie den familiären Rückhalt missen musste, hatte er lange an sich selbst zu kauen. Bei seinem ersten Besuch mit 16 Jahren kannte er niemanden dort und war noch auf der Suche nach sich selbst. Der erste Abend sei für ihn zuerst mehr schockierend als erfreulich gewesen, da er diese Offenheit mit sich selbst und anderen nicht gekannt habe. Auch er kann die Bedeutung des Camps für sich selbst nicht hoch genug schätzen. „Was ich dem Camp zu verdanken habe, kann man nirgendwo sonst erwerben – mich selbst zu akzeptieren wie ich bin“, bekennt der Azubi.

Nicht nur die Organisatoren wissen die Vorteile des Camps für die Jugendlichen zu schätzen: Impulse für das eigene Coming-out, das Wachsen und Entstehen von Freundschaften sowie Beziehungen. Das sieht man auch als Verpflichtung das schwule Sommercamp Jahr für Jahr zu organisieren. Und so haben auch Michael, Peter und Dale dort Freundschaften mit jungen Schwulen aus ganz Deutschland geschlossen, die für sie auch im Rest des Jahres einen wichtigen Stellenwert haben – und im Sommer trifft man sich dann wieder am Bodensee.


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„Gerüchte sind ungerechtfertigt“

Die Jungs sind sich aber auch der Vorurteile bewusst, mit denen das schwule Sommercamp zu kämpfen hat: überzogen kitschig und schmalzig, „Fickcamp“, schwule Parallelwelt, die sich abkapselt. Für die drei ist das nicht nachvollziehbar.  Wer das behaupte, sei selbst noch die dort gewesen. Solche negativen Gerüchte zu verbreiten, sei ungerechtfertigt, erklärt Dale. „Jeder, der das Camp selbst erlebt hat, kommt wieder, wenn er nur kann. Das wäre doch nicht so, wenn diese Gerüchte stimmen würden“, so der angehende Kaufmann für Dialogmarketing weiter. Und Peter stellt klar: „Man soll sich nicht abkapseln, sagen Kritiker, aber ich sage, wenn man eine Woche, nur eine einzige Woche im Jahr, mal unter sich ist, ist das etwas Wunderbares und noch lange keine Parallelwelt.“


Links zum Artikel

Anmeldung zum schwulen Sommercamp (22. bis 28. August 2011)»