TV-Tipp

Wenn wir alle nackt wären

Big Data, Persönlichkeitsrechte, Datenbrille: Die ZDF-Mockumentary „Operation Naked“ zeigt, wie erschreckend real eine Utopie werden könnte. Und was die Google Glass hätte auslösen können.

Filter im echten Leben: So sieht man durch die "Real-O-Rama".

Filter im echten Leben: So sieht man durch die "Real-O-Rama". Bild: ZDF/Patrick Jasmin

Es fängt ganz harmlos an: Michelle Spark hat Prosopagnosie. Eine Krankheit, die es in echt gibt. Wer unter der Gesichtsblindheit leidet, der kann Personen nicht anhand ihrer Gesichter identifizieren. Deshalb hat sie eine Brille entwickelt, die ihr das Leben erleichtert: Der eingebauten Gesichtserkennung sei Dank erhält sie Informationen über ihr Gegenüber. Sie muss die Menschen nicht mehr selbst erkennen. Ihre Brille tut es – und versorgt sie mit allerhand Informationen, die so über uns alle im Netz schwirren.

Ein schwuler Mann wird gefeuert - wegen der Datenbrille

Mit dieser Geschichte ist sie zu Gast bei Markus Lanz. Sie trägt die „Real-O-Rama“, wie sie die digital-vernetzte Brille nennt. Ihre Erfindung wird von der Politik gefeiert. Ein Durchbruch, endlich wieder deutsches Erfindertum, das eine Vorreiterrolle einnimmt. Ein junges Start-up mit Potenzial – in Berlin, nicht im Silicon Valley.

Die Brille wird live im ZDF-Morgenmagazin getestet. Da erscheint plötzlich ein Mann, Pablo Rothmann, wie die Brille weiß. Doch die „Real-O-Rama“ weiß mehr. Er ist Geografielehrer am Internat Schloss Griebsburg. Und er betritt den „Golden Gay Club“, verrät die Brille. Der Mann wird live im Fernsehen zwangsgeoutet. Dunja Hayali bricht das Experiment ab. Später wird er von seinem konservativen Arbeitgeber gefeuert.

Google Glass: Die Ähnlichkeit ist eindeutig

Daraufhin dauert es nicht lange, bis sich Datenschützer zu Wort melden und die „Real-O-Rama“ kritisieren. Manche davon äußern die Kritik durch Gewalt, denn es bildet sich bald eine militante Gruppe, die alles tut, um die Datenbrille zu verhindern.

Die Geschichte erinnert natürlich an die Google Glass, die der Internetkonzern im Juni 2012 erstmals vorgestellt hat. Auch damals regte sich heftiger Widerstand, dabei sind die USA nicht gerade als Mekka der Datenschützer bekannt. Neben den Rauchen-Verboten-Klebern fanden sich bald Google-Glass-Verbotshinweise in Restaurants und anderen öffentlichen Gebäuden. Dabei wurde die Datenbrille nur in der Beta-Version vertrieben. Im Januar 2015 wurde der Verkauf endgültig gestoppt. 


Michelle Spark, die Erfinderin der Datenbrille, zu Gast bei Markus Lanz.

Michelle Spark, die Erfinderin der Datenbrille, zu Gast bei Markus Lanz. Bild: ZDF/Patrick Jasmin

„Wie weit die Digitalisierung noch geht, können wir uns nicht vorstellen“

Mit der Mockumentary „Operation Naked“ , also einer fiktionalen Dokumentation,  zeigt Regisseur und Videojournalist Mario Sixtus, was aus der Google Glass hätte werden können. Denn die Debatte um die „Real-O-Rama“ erhält eine so starke Eigendynamik, dass sich die Fronten verhärten, bis es ein Todesopfer gibt. „Fast so wie ein freigelassener Virus“, beschreibt Sixtus die Schnelligkeit, mit der die Datenbrille die Gesellschaft spaltet, in einem ZDF-Statement.

„Ich bin der festen Überzeugung, dass die Digitalisierung für unsere Gesellschaft und für unser aller Leben noch einige Überraschungen mitbringen wird“, schreibt er weiter. Wie weit die noch geht, daran können wir gar nicht denken. „Weil wir sie uns nicht vorstellen können.“

Die Geschichte der „Real-O-Rama“ zieht sich einmal durchs ZDF

Das Besondere und bisher im deutschen Fernsehen Einzigartige an „Operation Naked“ ist die Erzählperspektive: Die Zuschauer erleben die Geschichte, die sich zu einem wahren Datenschutz-Krimi entwickelt, aus der Sicht eines Fernsehzuschauers.

„Der Film ist ein TV-Timeline-Forward-Zapping“, beschreibt Sixtus das. Wir sehen, wie die verschiedenen ZDF-Formate über die Vorkommnisse berichten – und nicht mehr als das. Nüchtern-sachlich im ZDF heute-Journal, mit sehr persönlichem Zugang bei Volle Kanne oder eben im Plaudertalk bei Markus Lanz. Immer mit den echten Moderatoren, was die Mockumentary so authentisch macht.


Der Live-Test im ZDF-Morgenmagazin musste abgebrochen werden. Denn ein Mann wurde zwangsgeoutet - und verlor seinen Job.

Der Live-Test im ZDF-Morgenmagazin musste abgebrochen werden. Denn ein Mann wurde zwangsgeoutet - und verlor seinen Job. Bild: ZDF/Patrick Jasmin

„Das große Bild ergibt sich für jene Zuschauer, die diese verschiedenen Perspektiven für sich kombinieren und zusammenführen. Wenn man will, kann man “Operation Naked” also auch als Appell an den selbstbestimmten Mediennutzer begreifen“, erklärt Sixtus, der durch das ZDF-Magazin „Elektronischer Reporter“ bekanntgeworden ist.

„Menschen sind so: Auf die große Aufgeregtheit folgt die große Gleichgültigkeit“

So unrealistisch und utopisch die Geschichte anfangs daherkommen mag, so nah ist sie doch bereits an der Realität. Wer hätte sich vor 20 Jahren ein Netzwerk wie Facebook vorstellen können, bei dem mehr als ein Fünftel der Weltbevölkerung ein Profil hat. Wer erinnert sich nicht an die anfänglichen Zweifel, kurz bevor man sein eigenes Profil aus der Taufe gehoben hat. Die waren schnell beseitigt. Hatte ja jeder, so einen Account.

Und so wird es wahrscheinlich nur eine Frage der Zeit sein, bis aus „Operation Naked“ eine wahre Geschichte wird. Sogar wenn wir uns dessen heute schon bewusst sind, werden wir es wohl kaum zu verhindern wissen. Das prophezeit auch Mario Sixtus: „Und nach dem ersten Schrecken, nach den ersten kulturapokalyptischen Artikeln, nach schnappatmenden Kommentaren und angsterfülltem Furor, werden wir es alle irgendwann völlig normal finden, zu wissen, wer uns da gegenüber in der U-Bahn sitzt, welche Musik er gerne hört und welchen Film er zuletzt gesehen hat. Menschen sind so: Auf die große Aufgeregtheit folgt die große Gleichgültigkeit.“


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20.02.2016  | Bild: © ZDF/Patrick Jasmin

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