Kurzfilm

Eltern gegen schwulen Kindergärtner

Schwule und Kinder – für einige Menschen passt das nicht zusammen. Auch die Eltern von Paul haben ein Problem damit. Als sie erfahren, dass der Kindergärtner ihres Sohnes schwul ist, entwickeln sie eine diffuse Angst vor dem, was alles passieren könnte. dbna zeigt den Kurzfilm "Wir haben Angst".

"Wir haben Angst" ist ein Kurzfilm von Jasper Beutin. Es war der erste professionelle Film des gebürtigen Oldenburgers. Mittlerweile lebt er in Berlin. Im Interview mit dbna erzählt er, warum er diesen Film machen wollte, was es mit dem Mann auf der Bank auf sich hat und wieso auch heteros Filme gegen Homophobie produzieren können.


Autodidakt: Jasper Beutin hat sich das Drehbuchschreiben und Regieführen selbst angeignet.

Autodidakt: Jasper Beutin hat sich das Drehbuchschreiben und Regieführen selbst angeignet. Bild: privat

Jasper, hättest du dir früher als Kind gern einen schwulen Kindergärtner gehabt?
Ich hatte keinen, könnte mir aber vorstellen, damit überhaupt kein Problem gehabt zu haben. Ich hätte es eigentlich interessant gefunden.

Wie bist du denn auf die Idee gekommen, über schwule Kindergärtner eine Geschichte zu erzählen – immerhin bist du ja hetero?
Es hat sich ergeben aus Fragmenten von persönlichen Erfahrungen und Geschichten, die Freunde mir erzählt haben. Natürlich habe ich schwule Freunde und habe dieses Element des Misstrauens gegenüber Homosexualität tatsächlich erlebt. Aber die konkrete Geschichte eines schwulen Kindergärtners hat sich dann einfach ergeben.

Was war das für ein Misstrauen?
Ohne jetzt in Details gehen zu wollen, ist ein großes Misstrauen gegenüber Homosexualität in der Gesellschaft verankert. Ich habe sogar das Gefühl, dass Intoleranz gegenüber Homosexualität in den vergangenen zehn Jahren wieder größer geworden ist – gerade unter Jugendlichen. So empfinde ich es und höre ich es von schwulen Freunden.

Dieses Misstrauen spiegelt sich auch in deinem Film wieder. Es geht um verschiedene Ängste gegenüber schwulen Kindergärtnern: Einerseits das sie Kinder in bestimmte Rollen stecken und andererseits um das Vorurteil des Missbrauchs.
Ja, in dem Kurzfilm wird diese diffuse und komplett unbegründete Angst dargestellt, dass ein direkter Zusammenhang zwischen Schwulsein und Pädophilsein sein besteht. Das empfinde ich als einen der gefährlichsten Gedanken, die man in Bezug auf Homosexualität haben kann. Allerdings habe ich diese Angst aber auch schon selbst erlebt im privaten Umfeld. Und ich habe versucht, dass in diesem Kurzfilm aufs Korn zu nehmen.

Das ist dir meiner Meinung gut gelungen. Du führst die Eltern ein wenig vor.
Ja, aber gleichzeitig versuche ich auch Verständnis für die Eltern zu haben.  Ein guter Film versucht jede Figur zu respektieren und sich mit ihr zu befassen. D.h. ich parodiere zwar die Intoleranz der Eltern. Aber ich will sie gleichzeitig nicht in den Dreck ziehen.

Pauls Mutter beschuldigt den Kindergärtner, ihren Sohn in eine Rolle zu stecken. Dabei steckt die Mutter selbst fest in ihren Vorurteilen.

Pauls Mutter beschuldigt den Kindergärtner, ihren Sohn in eine Rolle zu stecken. Dabei steckt die Mutter selbst fest in ihren Vorurteilen. Bild: Screenshot "Wir haben Angst"

Stimmt, die Eltern kommen gut aus der Nummer raus. Man könnte meinen, dass sie selbst auch das Opfer bestimmter Vorurteile sind.
Genau, Opfer bestimmter Klischees. Sowas versucht ein Kurzfilm auch zu hinterfragen und zu brechen. Trotzdem habe ich keinen gesellschaftlich-missionarischen Anspruch. Das wäre auch komplett übertrieben. Dieser Kurzfilm soll primär unterhalten.

Das tut er vor allem durch ein Element: Der Mann, der mit der Faust im Mund auf der Bank sitzt.
Das ist ein experimentelles, abstrakteres Element in der Geschichte. Ich will da nicht zu viel selbst interpretieren. Aber sicher ist es die Verkörperung der Angst und Verkrampfung selbst, die die Eltern spüren.

Ein bewusst queeres Element, das du in deinen Film eingebaut hast.
Freut mich, dass du das so siehst. Ich habe es tatsächlich ähnlich empfunden.

Wenn man einen Film macht, dann beschäftigt man sich ja auch mit dem Thema. Hast du dich von irgendwas inspirieren lassen?
Ich habe ähnliche Kurzfilme in dieser Richtung gesehen. Und ich habe tatsächlich vor dem Dreh ein zweimonatiges Praktikum als Erzieher in einem Kindergarten gemacht, um einfach die Atmosphäre des Kindergartens nochmal frisch zu erleben. Die kannte ich ja seit 15 Jahren nicht mehr. Ein paar dieser Kinder aus meinem Praktikum sind auch in meinem Kurzfilm die Komparsen.

Wie ist denn der Film am Ende angekommen?
Da es zum Glück in Deutschland zahlreiche Festivals gibt, ist er auf rund 20 gelaufen und hatte überwiegende gute Reaktionen. Sicherlich hatte nicht jeder an der Geschichte Interesse. Es ist keine reine Komödie, sondern hat auch diese abstrakteren Elemente.

Ich hoffe auf jeden Fall, dass er den dbna-Usern gefällt.  Werden wir denn  in Zukunft noch einen Film mit schwuler Thematik von dir sehen können?
Ich schreibe an einem längeren Drehbuch für einen Spielfilm –  einer Tragikkomödie. Ich finde es wichtig, das jedes Element der Gesellschaft da wiederzufinden ist. Da gehört Schwulsein genauso wie Heterosein einfach dazu. Aber ich bin wahrscheinlich nicht der Richtige, um schwule Klientelfilme zu drehen. Am schönsten finde ich Filme, die eine schwule Geschichte erzählen, ohne speziell für Schwule gedreht worden zu sein. Das großartigste Beispiel dafür ist „Brokeback Mountain“ von Ang Lee. Das ist eine schwule Liebesgeschichte, die universelle Gültigkeit hat.

Danke für das Gespräch und alles Gute für deinen nächsten Film.

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04.04.2012  | Bild: © Jasper Beutin

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