"Movie Star": Jude, ein tragischer Held

Fabian Schäfer Von Fabian Schäfer

Jude, doch in der High-School nennen sie ihn Judy: Er ist schwul und reizt gerne jedes Klischee aus. Dafür hassen ihn seine Mitschüler, doch er selbst macht sich die Welt, wie sie ihm gefällt. Er ist selbstbewusst, doch die Fassade beginnt zu bröckeln.

Manchmal ist das Leben wie ein Film. Alle kennen die Situationen, in denen wir filmisch-theatralische Dialoge hören, oder durchleben Dramen, die überhaupt erst zum Drama aufgebauscht werden. Das ist bei Jude ganz anders: Sein ganzes Leben ist ein Film.

Jude ist Schüler an einer High-School. Alle nennen ihn nur Judy, denn Jude ist schwul und bestätigt gerne jedes Klischee. Es gefällt ihm, dass die Leute ihm hinterherschauen, dass er beachtet wird. In der Schule erschafft er sich sein eigenes Paralleluniversum. Die Jungs, die ihn schubsen, sind für ihn nur nervige Fans. Denn Jude ist ein Star. Dabei flieht er vor Mobbing. Er macht sich seine Welt, wie sie ihm gefällt. Was hat er auch für eine andere Wahl?

Jude: Eine schrille und überspitzte Figur

Zu Hause ist es auch nicht besser. Da wartet ein Stiefvater, der sich weder um ihn noch um seinen kleinen Bruder kümmert, und der Judes Mutter schlecht behandelt. Die Mutter muss nachts an der Stange tanzen, um die Familie überhaupt über die Runden zu bringen. Als wäre das alles nicht schlimm genug, taucht auch noch Judes leiblicher Vater auf.

 „Movie Star“ von Raziel Reid ist ein Roman, der einen mitnimmt. Die Figur von Jude, so überspitzt, extravagant und schrill sie auch sein mag, ist von der ersten Seite an sympathisch. Denn Jude macht durch, was viele schwule Jungs in der Schule erleben: Er wird gemobbt, obwohl er selbst noch gar nicht weiß, wer er ist. Doch Jude ist selbstbewusst genug, sich davon nicht von seinem Weg abbringen zu lassen.

Sein Weg, mit Beleidigungen umzugehen

Er hat Ziele, die er verfolgt, und vor allem bleibt er er selbst. Jude würde sich nie verstellen. Im Gegenteil: „Madison nannte mich Schwuchtel. Ich liebte den Klang dieses Wortes. Schwuchtel ist so ein sexy Wort, es machte mich geil. So sollte mich Zac Efron nennen, wenn er mir endlich meine Unschuld rauben würde.“

Doch es ist sein übertrieben aufrechter Weg, der auch zeigt, wie verletzlich Jude ist. Niemand hört das Wort Schwuchtel gerne, niemand liebt es. Es ist aber sein Weg, damit umzugehen. Was er nicht ändern kann, das nimmt er nicht nur hin. Er fängt an, es als etwas Positives zu sehen. Natürlich: Er ist der Star, der „Skandalpromi“, wie er sich selbst nennt. Das klappt auch ganz gut, auch wenn die Fassade zu bröckeln beginnt. Jude hat Selbstmordgedanken.

© Tallulah
Der Autor Raziel Reid.

Der Autor Raziel Reid.

Ein fast aphoristischer Stil

„Movie Star“ ist maßgeblich inspiriert von dem Mord an Larry King. Der 15-jährige Schüler wurde 2008 von einem Mitschüler erschossen, nachdem Larry ihn gefragt hat, ob er nicht eine Karte an Valentinstag von ihm bekommen möchte. Auch Larry war provokant – was ihm das Leben gekostet hat. Die Tat sorgte damals für Demonstrationen gegen Hasskriminalität.

Raziel Reid schafft es trotzdem, den Leser zum Lachen zu bringen. Er verleiht Jude einen ausgesprochen scharfsinnigen und süffisanten Humor, ohne dass er niveaulos wirkt. Diesen Eindruck verstärken noch Anspielungen auf Drag-Queen-Idole vergangener Jahrzehnte sowie kurze Sätze, die fast aphoristisch daherkommen: „Scham ist so was von profan“ oder „Mir war nicht klar, dass es langweilig war, alles zu haben.“

Deshalb ist „Movie Star“ ein intelligenter, unterhaltsamer Roman, der einen auch nach dem Lesen noch begleitet. Viele werden sich mit Jude identifizieren können, und viele können sich an Jude ein Beispiel nehmen. Sein ehrlicher, authentischer Umgang mit sich selbst ist imponierend.

Raziel Reid
MOVIE STAR
Roman
ISBN: 9783959850827
Albino Verlag
19,99€

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Artikel veröffentlicht: 19.01.2017