Die langen Nächte der Stille

Tycho und Oliver sind getrennt; endgültig? Monate vergehen, Tycho kann nicht loslassen. Gleichzeitig steht sein neues Leben Kopf. Seine Mitbewohnerin Vonda zieht ihn wie ein Wirbelsturm mit in Sphären, von den Tycho nie zu träumen gewagt hätte. Doch hält die Freundschaft das au?


© iStockPhoto / Carlsen
Die Beziehung zwischen Tycho und Oliver ist gescheitert, doch Tycho kann nicht loslassen.
Auch wenn die Liebesbeziehung zwischen Tycho und Oliver am Fußball gescheitert ist, so ist dieses Kapitel für Tycho noch lange nicht abgeschlossen. Oliver umtreibt ihn, der jetzt in Rotterdam studiert und in einer bunten und ein wenig chaotischen WG lebt, immer noch; sein Herz kann einfach nicht loslassen.

So ist in allem irgendwo Oliver präsent. Seine Gedanken und Überlegungen hält Tycho in Schreiben an seinen Geliebten fest – die er allerdings nicht abschickt. Dazu nutzt er die Nächte, denn tagsüber hält ihn seine Freundschaft zu Vonda – eine fabelhafte Sängerin – auf Trab.

„Vonda's Voice“ und der Eurovision Song Contest

Erst recht nachdem diese ihn und ihren Mitbewohner Moritz mit in den Eurovision Song Contest hineingezogen hat, denn zusammen haben sie als „Vonda's Voice“  sich für den holländischen Vorentscheid beworben. Und doch, während dieser Zeit meint er sich von Oliver verabschieden zu können. Er macht ihm – auch wieder nur symbolisch in einer nicht versandten E-Mail – ein letztes Geständnis.

Die Selbstreflexionen in dieser Form enden aber nicht. Tycho wechselt den Adressaten, hin zur nächsten Person, die sein Leben letztendlich bestimmt: Vonda. Eine schwierige Person, mit einer lauten, hellen Seite, aber auch einer dunklen und geheimnisvollen, die nur selten hervorbricht. Neben ihr und dem Wettbewerb, der viel Zeit mit Presseterminen und Auftritten schlugt, stehen aber noch seine Familie und vor allem sein Studium, das dann auch unter dieser Belastung zu leiden beginnt.

Selbstzweifel und unsichere Freundschaft

Doch Tychos soziales Umfeld ist stabil. Seine Eltern haben seine Homosexualität problemlos akzeptiert und bieten ihre Hilfe in allen Belangen immer wieder an. In der Zeit des Song Contests werden sie auch zu Wegbegleitern. Doch Tycho zweifelt an sich selbst, an der Freundschaft zu Vonda, die immer undurchsichtiger wird, und an seinem, ihrem gemeinsamen Weg. Und auch das Thema „Oliver“ ist doch nicht beendet – es kommt zur überraschenden Wende.

Mit „Die langen Nächte der Stille“ präsentiert Edward van de Vendel ein vielschichtiges Werk mit verschiedenerlei Erzählstilen und -perspektiven. E-Mails aus Tychos Sicht, dann Berichte von ihm und ein objektiver Erzähler wechseln sich immer wieder ab und lockern den Erzählstil auf, halten ihn gleichzeitig im Fluß, aber sie überschneiden sich aber auch durch Rückblenden und Vorgriffe.

Eine Welt aus unterschiedlichen Blickwinkeln mit vielerlei Facetten tut sich so auf: komplizierte und manchmal zerrissene, gleichfalls ratlose Charaktere stehen im Mittelpunkt und spiegeln so das wahre Leben wider. Wahrheit und Lüge, Ehrlichkeit und Schauspiel sowie Nähe und Distanz sind die Motive, ja Pole, zwischen denen die Hauptpersonen hin und her geworfen werden. Dieses Buch läßt nicht kalt, es bewegt und lädt den Leser zu Überlegungen und Selbstreflexion ein.


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