Kurzgeschichte

Eins und eins

von Renee Gewinner

Matthias und Oliver haben sich im Internet-Chat kennengelernt und stehen sich nun zum ersten Mal gegenüber. Nach einem traumhaften Tag landen die beiden dann tatsächlich miteinander im Bett – aber Oliver hat es nicht eilig.

Bild: gschpænli / photocase.com

Langsam hob und senkte sich die glatte Brust.  Matt schimmerte sie durch das Mondlicht, welches sich durch den schleierhaften Vorhang zwängte und ein weiches, milchiges Licht im Raum erzeugte. Ganz leise hörte er ihn atmen, gleichmäßig im gleichen Takt. Es hatte etwas sehr beruhigendes, wie Matthias fand.

Sehr behutsam legte sich Matthias wieder hin, direkt neben Oliver, um ihm noch näher zu sein, um ihn noch besser beobachten zu können. Er hatte ihn als fröhlichen, wilden und nie stillen Menschen kennengelernt und jetzt war er genau das Gegenteil. Ganz friedlich lag er hier im Bett, ruhig, wie ein kleines Kind nach einem ereignisreichem Tag.

Ereignisreich, so konnte man diesen Tag durchaus beschreiben. Zwei Menschen, die sich aus dem Internet kannten, lernten sich nun im realen Leben kennen. Wie aufgeregt war Matthias noch am Morgen gewesen, als er in den Zug einstieg, der ihn zu dem Ort bringen sollte, wo Oliver wohnte. Er wollte ihm die ganze Stadt zeigen, all die Plätze, die er liebte, das hatte ihm Oliver im Voraus gesagt.

Trotz der Nervosität, es war Matthias erstes Treffen dieser Art, freute er sich sehr darauf, Oliver richtig kennenzulernen. Er wollte wissen, wer dieser Mensch war, der ihn allein durch geschriebene Worte so verzaubern konnte.

Von Anfang an waren sie sich sympatisch gewesen. Sie kannten einander, lachten, weinten miteinander, teilten sich die neuesten Neuigkeiten des Anderen mit. Für Matthias ein Traum, zu schön um wahr zu sein, hatte er doch vergeblich nach so einem Menschen gesucht. Schließlich war es Oliver, der sich zuerst meldete. Worte, Fotos, Stimmen am Telefon, all das war bald nicht mehr genug, mehr sollte folgen. Sie hatten ein Treffen vereinbart.

Der Zug wurde langsamer, fuhr in den Bahnhof ein. Matthias Herz hingegen raste mehr und mehr, seine Hände waren patschnass. Wenn er jetzt reden müsste, würde er keinen Ton heraus bekommen, das wusste er. Nur noch ein paar Augenblicke, und er würde ihn sehen, Oliver, in Fleisch und Blut, so wie er wirklich war.  Sie hatten ausgemacht, sich in der Bahnhofshalle zu treffen. Eine offene Coca-Cola Flasche 0,5l sollte das Erkennungsmerksmal sein – alles andere wäre zu kitschig oder zu auffällig – hatten sie beschlossen. Man würde sich in dem Getümmel schon finden.

Der Zug bremste und kam mit quietschenden Rädern zum Stillstand, die Türen öffneten sich und eine Menschenmasse strömte hinaus, mittendrin Matthias, der mittlerweile wie in Trance zu sein schien. Er ließ sich von der Masse treiben, doch weit kam er nicht, denn dort am Bahnsteig stand er, wie besprochen, mit der offenen Flasche.

Die hätte er aber gar nicht gebraucht, Matthias hätte Oliver unter tausend Leuten sofort erkannt. Die Aura, die Oliver umgab, zog Matthias magisch an, sofort bekam er feuchte Augen, als er seinen Wortejongleur erblickte.  Matthias löste sich aus der hastig eilenden Masse und rannte zu Oliver, welcher ihn mit einem breiten Grinsen und, so schien es, ebenfalls feuchten Augen begrüßte.

Nun standen sie sich gegenüber. Zwei fremde Menschen, die sich doch so gut kannten. Ein eigenartiger Moment, die Zeit schien still zu stehen. Um sie herum gestresst eilende Menschenmassen, Ankunft und Freude, Abschied und Schmerz, mittendrin Oliver und Matthias. Sie schauten sich nur an, magisch, bis Oliver die Hand ausstreckte.

“Hallo Matthias, schön, dass du da bist!”

Dieser Satz löste Matthias aus dem Tagtraum, in dem er gewesen war und holte ihn zurück in die reale Welt. Er bemerkte die Menschen um sich herum, erkannte, dass sie sich auf einem Bahnsteig im Bahnhof befanden und erkannte, dass Oliver vor ihm stand. Oliver – der Oliver, der ihn mit seinen Worten verzaubern konnte, dessen Stimme ihn am Telefon zum Träumen brachte.

Ehe Matthias wieder in andere Sphären abdriftete, kniff ihn Oliver in den Arm.

“Hee Schlafmütze, träumen kannst du später, wenn es Nacht ist. Komm mit!”

Noch ehe Matthias darüber nachdenken konnte, zog ihn Oliver am Arm und sie gingen, nein, sie rannten – weg vom Bahnsteig, weg vom Bahnhof, ja sogar weg von der Stadt, hinein in Olivers Welt.

Der Tag war wunderschön gewesen, viel schöner, als es sich Matthias je hätte ausmalen können. Es war ihm egal, wie andere Menschen über ihn dachten, hier war es ihm egal, zuhause nicht. Hier fühlte er sich wohl, hier fühlte er sich daheim, hier in Olivers Welt, hier bei Oliver.

Es war, als wäre er verliebt in diese Welt, als hätte er sich verliebt, als würde er sich gerade in Oliver verlieben.

Oliver liebte die Natur, dass erkannte Matthias sehr rasch, denn sofort, als sie den Bahnhof verließen, fuhren sie hinaus, weit hinaus, auf das Land, obwohl er etwas anderes erwartet hätte. Es war Frühling und dieser zeigte sich in seinen prächtigsten Farben. Matthias Sinneseindrücke schwappten schier über, so saftig war das Grün der Gräser, so kunterbunt das Blütenmeer in all nur erdenklichen Farben, und darüber der Himmel, strahlend blau. Matthias kannte das nicht in dieser Form. Dort wo er herkam, war Smog, tristes Grau der Betonhochhäuser und lauter Autolärm. Von Vogelgezwitscher keine Spur.

Sie lagen zusammen auf einer Wiese, die Arme und Beine weit von sich gestreckt, den Kopf gen Himmel gewendet, wo kleine weiße Wolken ihr Dasein fristeten. Matthias hörte Grillen zierpen. Vorhin, als sie sich zu dieser Stelle aufmachten, sah er Schmetterlinge flink um zart duftende Blüten tanzen.

Spätestens jetzt erkannte er, dass sein Herz der Romantik verfallen war und er konnte Oliver nur allzu gut verstehen, warum er diesen Ort so sehr liebte. Er hatte Olivers Beschreibungen immer für maßlos übertriebenen Kitsch gehalten, wenn dieser von diesem Ort erzählte, doch nun konnte er es nachvollziehen, denn jede einzelne Beschreibung war wahr.

Die Stunden vergingen. Matthias und Oliver lagen immer noch zusammen im Gras, erzählten sich Geschichten aus ihrer Kindheit, erzählten sich ihre Wünsche, ihre Vorstellungen vom Leben. Vieles kannten sie zwar bereits schon aus dem Chat, doch hier, im wahren Leben war es noch einmal etwas komplett anderes, bekam es eine ganz andere Qualität, hier war es echt.

Matthias liebte, was Oliver sagte und umgekehrt schien es genauso. Sie konnten einander stundenlang zuhören. Während sie erzählten, sahen sie sich nicht einmal an, sondern lagen nur da, auf einer Decke im hohen Gras.

Die Zeit stand still um sie herum und doch verging sie wie im Flug, der Himmel veränderte seine Farbe, etwas rot mischte sich hinzu, der Tag wendete sich dem Ende zu.

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16.05.2012
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