"Schatten im Advent"
Draußen dämmerte es bereits stark. In der Wohnung von Sven und Kevin war es dunkel. Verlassen war sie jedoch nicht...
In der Küche, in der es inzwischen richtig düster geworden war, saß Sven. Auf dem Tisch, in dessen Mitte der Adventskranz stand, lag direkt vor ihm ein Briefumschlag. Während er weiter auf Kevin wartet, starrte er diesen ununterbrochen an.Am Freitag war sein Freund von dessen Eltern über das Wochenende abgeholt worden. Auch sie wollten einmal Zeit mit ihrem Sohn verbringen; vor allem nachdem Sven und Kevin gemeinsam entschieden hatten, Weihnachten nicht bei ihnen, sondern in der Stadt zu verbringen.
Das Erlebnis vom letzten Wochenende steckte ihnen auch noch in den Knochen, aber sie wollten sich nicht klein kriegen lassen: Hetzjagd hin oder her. Darin waren sie auch von ihren Freunden bestärkt worden. Der Gang zur Polizei am Tag darauf war selbstverständlich gewesen, auch wenn – dessen waren die beiden sich bewusst – eine Anzeige kein Ergebnis bringen würde. Wie auch?
Also hieß es jetzt Flagge zeigen, aber dabei zumindest dunkle, einsame Gassen meiden.
Ungeduldig rutschte nun Sven auf seinem Stuhl hin und her.
„Bald müsste er kommen. Hatte er nicht gesagt, dass er am späten Nachmittag zurück...“
Seine Gedanken wurden von Schritten im Flur und Schlüsselgeklimper unterbrochen. Kevin kam heim.
Sven lauschte, wie der Schlüssel ins Schloss gesteckt und gedreht wurde, wie die Tür mit einem leisen Klicken aufging.
„Sveeeeennn?! Ich bin wieder da!“ rief Kevin in die Wohnung hinein.
„Sven?“ wiederholte er etwas leiser, fragender, als er erkannte, dass die Wohnung unbeleuchtet war.
Er trat ein.
„Wo bist du?“
„Hier“, kam es aus der Küche. Sven rührte sich nicht.
„Was sitzt du da im Dunkeln?“ Kevin betrat die Küche und betätigte den Lichtschalter.
„Es ist ein Brief gekommen.“
„Was für ein – Brief?“ Kevin stockte kurz, als er seinen Freund anblickte, der weiß wie eine Wand am Tisch saß.
„Ich...“ Sven hielt inne. Dann gab er sich einen sichtbaren Ruck.
„Hier, schau selbst.“ Dem Jüngeren wurde ein Umschlag hingehalten. Er griff danach.„Du hast ihn ja noch gar nicht geöffnet.“ Er wollte gerade noch fragen, warum, da nahm er den Absender zur Kenntnis. Seine Augen wurden groß.
„Der ist ja... ist ja... von... IHR...“ stotterte er leise.
„Zumindest ist das ihr Name und...“
Sven ließ den Satz einen Moment im Raum schweben, bevor er weiter sprach. „...es ist auch ihre Handschrift.“
„Aber wieso hast du ihn noch nicht geöffnet?“
„Weißt du, ich hab Angst. Ich hab' einfach eine Scheißangst! Was, wenn mich mein Vater verarschen will? Was, wenn der Brief einfach uralt ist und nur ein Jahr oder mehr irgendwo in einem Briefkasten klemmte? Was... was... was, ja, wenn... wenn er doch echt von ihr sein sollte?!?“
Svens Stimme zitterte, überschlug sich, während er schnell sprach.
In seinen Augenwinkeln schimmerte es feucht.
Kevin ging auf seinen Freund zu, umarmte ihn und fing selbst an zu flennen. So standen beziehungsweise saßen sie und schluchzten, heulten sich die Seele aus dem Leib. Schließlich löste sich Kevin und richtete sich auf.
„Lass ihn uns im Wohnzimmer gemeinsam öffnen.“
Sven stimmte still mit einem Nicken zu und stand auf. Mit dem Ärmel seines Pullis wischte er sich die Tränen aus dem Gesicht.
Im Wohnzimmer setzten sie sich dicht nebeneinander. Kevins Arm ruhte auf Svens Schultern, als sich dieser anschickte, den Brief zu öffnen.
Doch dann stoppte er noch einmal kurz.
Sein Freund drückte ihn fest an sich und nickte ihm aufmunternd zu, als er einen fragend-zweifelnden Blick erhielt.
Schließlich befreite Sven eine eng beschriebene Seite aus dem Umschlag. Er entfaltete ihn und begann zu lesen. Einige Zeilen waren recht verschmiert.„Mein Lieber Sven,
ich weiß nicht, ob es richtig ist, diese Zeilen zu schreiben und an dich zu schicken, nachdem vor nicht ganz einem Jahr so viel passiert ist, so viel Lärm, Geschrei, Streit...
Papa hatte gesagt, daß du bei eurem letzten Telefonat gemeint hättest, daß du mit solchen Eltern, dich nicht mal ihr eigenes Kind akzeptieren könnten, so wie es sei, du nichts mehr zu tun haben wolltest. Und dass du dir etwas antun würdest, würden wir dich nicht so annehmen beziehungsweise überhaupt Kontakt aufnehmen. Verzeihen würdest du uns nie können.
Ich war geschockt und traue mich eigentlich jetzt noch nicht wirklich dir zu schreiben, aber irgendwie musst du es ja erfahren. Ohnehin habe ich viele Tage gebraucht, um überhaupt deine Adresse ausfindig zu machen. Wahrscheinlich wolltest du es uns ja auch schwer machen...
Ja, weswegen ich dir schreibe.
Papa hatte letzte Woche einen schweren Autounfall. Er wurde so schwer verletzt, dass er ihm Koma liegt. Die Ärzte sagen, sie wüssten nicht, ob er je wieder aufwachen würde. Die Verletzungen seien besonders schwer. Sie sagen nicht, dass es hoffnungslos sei, aber ihre Augen sprechen das aus. Ich habe ein stummes Kopfschütteln darin erkannt.
Bitte, mein Großer, auch wenn wir dir sehr weh getan haben, komme bitte heim. Ich brauche dich. Außerdem hatte ich im letzten Jahr viel Zeit, nachzudenken, mich zu informieren. Du bist und bleibst mein Sohn, mein Kind, egal wen du liebst. Ich liebe dich und auch jeden, den du liebst und der deine Gefühle erwidert.
Bitte melde dich bald! Nächste Woche ist Weihnachten. Lass mich bitte nicht alleine!
In Liebe
Deine Mama“
Sven kullerten einmal mehr die Tränen über die Wangen.
Kevin, der die ganze Zeit mitgelesen hatte, streichelte sanft den Rücken seines Freundes.
Er war es auch, der zuerst die Stille brach.
„Vergiss, was war. Ich denke, es steht außer Zweifel, dass der Brief wirklich von ihr ist, oder?“
Sven musste sich räuspern, bevor er sprechen konnte. Ein Kloß saß in seinem Hals fest.
„Ja“, brachte er schließlich nur mit einem Krächzen heraus.
„Ruf sie nachher an. Wir fahren über Weihnachten zu zweit zu ihr.“
So wie es Kevin sagte, stand die Entscheidung damit fest.
Er erhob sich vom Sofa, nahm seinen Freund an die Hand und ging mit ihm in die Küche.
Dort entzündete er mit einem Streichholz die Kerzen des Adventskranzes – alle vier.
Stumm blickten sie nebeneinander stehend in das flackernde Licht, bis sich Sven zur Seite drehte und Kevin in die Arme schloss.„Die vergangenen Wochen dieses Advents waren ein langer und harter Weg für uns beide. Aber ich glaube, nein, ich weiß, nun wird alles gut. Ich liebe dich.“
„Ich liebe dich auch.“
Ende.
Wie es weiter geht erfahrt ihr an den nächsten vier Adventssonntagen! Schöne Weihnachtszeit!
Euer Team von dbna!




