Desire Will Set You Free

Fabian Schäfer Von Fabian Schäfer
Cat (l.), Ezra (2. v.l.) und der Rest der Clique: Rastlose Kreative, die in Berlin ihr Glück versuchen.
© Alexa Vachon/missingFILMs

Berlin, die queere Metropole: Eine Clique aus Kreativen findet sich, um gemeinsam das Leben zu genießen. Es regieren Partys, Drogen und Sorglosigkeit. Doch das Leben wird sie einholen, früher oder später.

Drogen, Drinks, Kotze, Hipster-Punks, Warschauer Straße: Das Setting von „Desire Will Set You Free“ ist nach wenigen Sekunden klar. Berlin, das sich als queere, hemmungslos-hedonistische Hauptstadt präsentiert. Als Sündenpfuhl, aber im positiven Sinne, als Metropole, in der alles möglich ist. Und noch viel mehr.

In dieser Umgebung also bildet sich eine Clique aus queeren Kreativen. Koks, Poppers, MDMA sind die Zauberworte für die rastlose Gruppe. Allen voran Ezra, Mitte oder Ende 20, ein Schriftsteller mit palästinensischer Mutter und jüdischem Vater. Begleitet von der Kanadierin Cat, einer alternden Lesbe mit lilafarbenen Haaren, die irgendwo zwischen 70er-Jahre-Glam-Rockerin und Alt-69-Hippie-Kifferin steckengeblieben ist. Dazu ihre spitze Zunge, ihr entschlossenes Auftreten: Man möchte sie nicht als Mutter, aber sympathisch ist sie ohne Zweifel.

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Ezra (l.) verliebt sich in den russischen Stricher Sascha. Doch der hat ganz andere Probleme.

Ezra (l.) verliebt sich in den russischen Stricher Sascha. Doch der hat ganz andere Probleme.

Drei Hauptcharaktere wechseln sich ab

Sie sind in die deutsche Hauptstadt gekommen, um sich auszuleben. Ganz nach Franz von Suppé: „Du bist verrückt mein Kind, du musst nach Berlin.“ Statt zu arbeiten, wird rumgehangen, gekokst oder Party gemacht. „Schon wieder Wochenende? Ich komme gar nicht zum Arbeiten“, sagt Cat und bringt die Philosophie der ganzen Clique auf den Punkt.

Sind es anfangs noch Cat, die mit ihrer offenen Beziehung mit Jayne allerhand Probleme hat, und Ezra, der glücklose Autor, die sich in der Hauptrolle abwechseln, übernimmt später Sascha diese Funktion. Er ist ein russischer Stricher, in den Ezra sich verliebt.

Bei aller Sorglosigkeit: Das Leben wird sie einholen

Dass das Leben nicht nur aus Party besteht, merken alle drei schnell. Jeder kämpft mit seinen eigenen Problemen, die er durch pseudo-tiefgründige Gespräche zu reflektieren versucht. Dieses Gefühl hält jedoch nicht lange: Die nächste wilde Sex- oder psychedelische Partynacht wartet schon.

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Pseudo-tiefgründige Gespräche im Wechsel mit psychedelischen Partyszenen.

Pseudo-tiefgründige Gespräche im Wechsel mit psychedelischen Partyszenen.

Und so drückt „Desire Will Set You Free“ sowohl Bewunderung aus für diese Stadt, die eine ganz eigene Dynamik entwickelt hat, und in der sich LGBTIQ*-Menschen schon lange wohlgefühlt haben. Auf anderen Seite prangert der Film die Einfallslosigkeit, Selbstüberschätzung und Überheblichkeit der Figuren – vor allem von Ezra und Cat – an. Sie gehen zwar beschwingt durchs Leben, doch das Leben wird sie einholen.

Ein großartiges Abbild einer Subkultur – kritisch und subtil

Dann nämlich, wenn es ernst wird. Wenn Jayne genug von Cat hat. Oder wenn Sascha mehr und mehr Gefallen am Drag findet, bis er die Frauenkleidung gar nicht mehr ausziehen will. Transgender – das kannte er vorher gar nicht. Der Stricher entdeckt eine neue Welt für sich, die fast ein bisschen zu einfach daherkommt. Dennoch: Der Film spricht Genderfragen an und findet etwa mit der „Trans Mitzwa“ seine eigenen Antworten darauf.

Der Zuschauer erfährt nur peu à peu mehr über die Charaktere, ihre Gefühle und Motivationen. Die schnellen Schnitte, die psychedelischen Discoszenen und eine fantastisch-kreative Orgie aus Glitzer, Obst und Nacktheit wirken wie eine Reizüberflutung und lenken zunächst von den Menschen ab. Kein Wunder: Sie definieren sich auch viel mehr durch das, was sie tun, als über ihren Charakter.

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Sascha und Ezra kommen sich näher. Doch Sascha hat weniger Interesse an Ezra als umgekehrt.

Sascha und Ezra kommen sich näher. Doch Sascha hat weniger Interesse an Ezra als umgekehrt.

Genau so schafft es Regisseur Yony Leyser, der gleichzeitig auch Ezra spielt, einen authentischen Film über die Berliner queere Subkultur zu drehen, der sie nicht nur abbildet, sondern auch subtil kritisch hinterfragt.

Die Botschaft: Ja, Lust macht frei

Als Schauspieler gelingt es ihm genauso gut wie Tim Fabian Hoffmann (Sascha) und Chloe Griffin (Catherine) den ambivalenten Zeitgeist aus Tatendrang und Ernüchterung zu transportieren. Namhafte Größen wie Nina Hagen, Peaches oder Rosa von Praunheim ergänzen das Ensemble, auch wenn sie in ihren allzu prominenten Gastrollen wie ein Fremdkörper wirken.

„Desire Will Set You Free“ schwankt dabei zwischen Drama, Romanze und Komödie. Am Ende bestätigt der Film seinen Titel: Ja, Lust macht frei. Zu frei? Denn es kann auch befreiend sein, der Lust nicht die erste Priorität zu geben.

„Desire Will Set You Free“ ist noch bis zum 14.11.2016 in der ZDF Mediathek online zu sehen. Au Gründen des Jugendschutzes allerdings erst ab 23.00 Uhr.

Film-Bewertungen

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Artikel veröffentlicht: 07.11.2016
Bildquellen: Alexa Vachon/missingFILMs