"Holding the Man": Eine (fast) unaufhaltsame Liebe

Von Daniel Kosic
Der gemeinsame Geografieunterricht in der konservativen Jesuitenschule lässt die<br >
Jungs stückweise näher kommen.
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Regisseur Neil Armfield erzählt die dramatische Liebesgeschichte der beiden Australier Tim und John – von anfänglichen Schwärmereien auf der Schulbank bis zum bitteren Ende. dbna verrät euch, ob sich das Anschauen lohnt.

Liebe, Leben und Tod sind stark ineinander verwoben. Daran sollen uns die 1995 erschienenen Memoiren des Schauspielers Timothy Conigrave erinnern. Die sehr persönliche Geschichte des schwulen Australiers läuft nun, zwei Jahrzehnte später, auf der großen Leinwand. Und so viel sei im Vorfeld gesagt: Taschentücher sind Pflicht!

Zunächst mag der Stoff abgedroschen wirken. Schließlich wird schon wieder eine dramatische Liebesgeschichte erzählt, schon wieder sind die Hauptdarsteller schön anzusehen. Und selbstverständlich werden die Jungs inmitten eines konservativen Umfeldes groß, das nicht mit der homosexuellen Liebe klarkommt. Wie soll es auch anders sein. Trotzdem ist „Holding the Man“ auf seine Art ganz anders: Nämlich erfrischend und zugleich hoch aufrichtig.

„Wir sind Schwule auf der Überholspur!“

Im Kern geht es um den jungen Nachwuchsschauspieler Tim (Ryan Corr) und den Kapitän der Highschool-Footballmannschaft, John (Craig Stott). Die beiden vergucken sich 1976 ineinander und verabreden sich bald darauf so oft es nur geht.

Ungeachtet der schwierigen gesellschaftlichen Situation empfinden Tim und John immer mehr füreinander. Doch anders als bei den meisten anderen Paaren bleiben viele Pläne und Träume unerfüllt. Ihre jahrelange Beziehung wird im Laufe der Zeit auf viele Proben gestellt. Ihre größte Hürde: Aids.

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John (l.) und Tim sind das wohl berühmteste schwule Paar der australischen<br >
Geschichte.

John (l.) und Tim sind das wohl berühmteste schwule Paar der australischen
Geschichte.

Auf Grundlage des Drehbuchs von Tommy Murphy werden mithilfe von gut verständlichen Zeitsprüngen die Siebziger und Achtziger Jahre in Melbourne reflektiert. Glückliche Zeiten finden hierbei genauso ihren Platz wie Schmerz und der Kampf gegen Vorurteile gegenüber Schwulen und HIV-Positiven. Das Gute dabei: Ungeachtet der eigenen Sexualität oder des Alters bringt der Film Benefits mit sich.

Er belichtet allgemeingültige Fragen und Probleme rund um die Liebe und Gemeinschaft. Die anfängliche Romanze der Jungs entwickelt sich zur aufrichtigen Liebe – und diese kann nunmal bekanntlich Berge versetzen und Meere austrocknen. Die schockierende Diagnose der beiden ist hierbei aber nicht der Grundpfeiler ihrer Geschichte, sondern allenfalls ein trauriges Exempel für eine Krise.

Moralpredigten bleiben kurz

Der Film verzichtet trotz seiner Dramaturgie und den potentiellen Möglichkeiten gänzlich auf brillante Spezialeffekte. Stattdessen lebt er von der harmonischen Konstellation der zwei Protagonisten. Ihnen gelingt genau an den richtigen Stellen der Sprung vom Theatralischen und Rührendem zum Humorvollen oder gar Witzigen.

Weniger gut gelungen ist allerdings das anfangs sehr anstrengende, hölzerne Bild der beiden Figuren. Tim wird einen Ticken zu abgehoben dargestellt, wohingegen John fast schon zu vernünftig daherkommt.

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Auch in den schwersten Zeiten sind Tim und John füreinander da.

Auch in den schwersten Zeiten sind Tim und John füreinander da.

Löblich ist neben der insgesamt dennoch sehr mitreißenden schauspielerischen Leistung auch die Herangehensweise an die damals sehr tabuisierten Themen. Statt die konservativen Charaktere – allen voran die Familien der Jungs – als Moralprediger zu präsentieren, löst sich Regisseur Armfield davon los und dämonisiert die Figuren nicht unnötig. Die Positionen der beiden Lager werden deutlich. Nicht mehr und nicht weniger.

Eine gelungene Gesamtkomposition

Ja, man darf trotz der schweren Kost durchaus in einigen Sequenzen lachen. Der Humor sorgt letztlich dafür, dass die Tragik am Ende noch besser zur Geltung kommt. Und genau das ist es: Eine perfekte Komposition aus Emotionen und dem authentischen Ambiente der vergangenen Tage. „Holding the Man“ bietet dem Zuschauer sorgfältig ausgewählte Szenen und weiß dadurch zu überzeugen.

Man kann an einigen Stellen zwar durchaus Parallelen zu anderen (queeren) Filmen à la „Prayers for Bobby“ ziehen, allerdings wird schnell deutlich, dass der Film im Vergleich angenehm reduziert ist. Er kann punkten, da er auf unnötige Klischees verzichtet und „down to earth“ dokumentiert, was das wohl berühmteste schwule Paar der australischen Geschichte einst durchlebt hat.

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Artikel veröffentlicht: 02.08.2016
Bildquellen: PRO-FUN MEDIA