"Ich habe gar nicht so viele Sympathien für Nicholas"

Fabian Schäfer Von Fabian Schäfer
Jannik Schümann spielt in "Die Mitte der Welt" Nicholas, der Phil den Kopf verdreht.
© dbna/Fabian Schäfer

Bei der Premiere von „Die Mitte der Welt“ hat dbna mit Jannik Schümann gesprochen, der im Film den Nicholas spielt: Über die Sexszenen, was ihn an der Rolle gereizt hat und weshalb er eigentlich eher auf Phils Seite ist.

„Die Mitte der Welt“ ist für Generationen von Jugendlichen, vor allem von schwulen Jugendlichen, mehr als prägend. Wie fühlt es sich an, bei der Verfilmung so eines Werkes dabei zu sein?

Wahnsinnig schön! Es ist immer etwas Besonderes, wenn man Filme spielt und Menschen aus dem Kino kommen und einem dankbar sind. Und es gibt viele, die sagen, diesen Film hätte es mal vor zehn Jahren geben sollen, der hätte mir so geholfen.

Hast du denn den Roman vorher bereits gekannt?

Ja, den habe ich, glaube ich, vor fünf Jahren schon gelesen.

Was hat das Buch damals für dich ganz persönlich bedeutet?

Ich finde, dass es wenige Schriftsteller schaffen, jemanden so in eine andere Welt zu ziehen, aus der man nicht mehr rauskommt. Das ist für mich wie ein großes Märchen. Ich kenne so viele weibliche Freunde, die das als absolutes Lieblingsbuch sehen. Die haben mit 14 ein Buch gelesen über zwei Jungs, die sich lieben, und das ist ja eigentlich in der Pubertät nichts, was 14-Jährige unbedingt in die Hand nehmen. Aber trotzdem zählt das Buch nicht nur in den Homosexuellenkreisen zu den absoluten Lieblingsbüchern der Generation. Da habe ich großen Respekt vor Andreas Steinhöfel, dass er das geschafft hat.

Wie groß war der Druck beim Drehen? Gerade bei einem so lange erwarteten Film, denn es ging ja jahrelang hin und her mit den Filmrechten?

Ich glaube, ich hatte Glück, dass ich nicht gewusst habe, was für einen Fankreis das Buch hat und wie viele darauf gewartet haben, wie Nicholas und Phil aussehen. Bei einem Screening kam die Frage, wer das Buch gelesen hat – da waren 80 Prozent der Hände in der Luft. Da dachte ich so: Wow, krass.

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Wie waren die Reaktionen?

So gut, und das freut mich am allermeisten. Ich habe nur schöne Sachen gehört. Es kamen so oft gestandene, erwachsene Männer mit Kindern und Ehefrauen, auf uns zu mit verweinten Augen, die sagten, dass sie so was so selten gesehen haben. So eine schöne Liebesgeschichte, ästhetisch und berührend. Und das ist natürlich das, was wir uns gewünscht haben, dass wir alle möglichen Leute ansprechen.

Das war nach deiner Rolle in „Mein Sohn Helen“ (dbna berichtete) wieder ein queerer Charakter. Was reizt dich daran?

Mich reizen einfach Rollen, die besonders sind. Mich interessieren weniger die Schwiegermutter-Söhnchen, die sich in die Nachbarin verlieben und dann nach der Hand bitten. Mich interessieren die Rollen, die eine Tiefe und die was Besonderes haben. Ob das jetzt ein Mörder beim Tatort ist oder jemand, der mobbt, oder psycho ist oder jemand, der sich im falschen Körper geboren gefühlt hat. Oder in „Die Mitte der Welt“, da ist es derjenige, in den sich alle verlieben, und das habe ich bisher auch noch nicht gespielt und wollte ich unbedingt mal machen.

Was ist denn im Film deine Lieblingsszene?

(Überlegt) Also die Szene, die ich ganz, ganz stark finde, da spiele ich gar nicht mit, ist mit Glass und Michael in der Küche, wenn Michael sagt, ich gehe nicht, obwohl sie sagt, geh bitte. Das finde ich so stark, weil Glass sowieso meine Lieblingsfigur ist und ich da einfach emotional immer wahnsinnig mitgenommen werde.

In „Die Mitte der Welt“ hast du deine erste Sexszene gedreht. Wie war das für dich?

Das ist tatsächlich nicht so einfach. Mit Kussszenen habe ich gar keine Probleme, ich weiß auch nicht warum. Sexszenen sind natürlich was komplett Anderes. Das Gute war aber, dass wir uns schon zwei Monate kannten, denn der Dreh der Sexszenen war in der letzten Woche, das heißt, wir sind uns in zwei Monaten echt vertraut geworden. Wir waren auch ein Wochenende weg mit Jakob (dem Regisseur, Anm. d. Red.), um uns kennenzulernen, damit das einfach keine so hohe Schamhürde mehr hat. 

© Universum Film
Eigentlich hat Jannik jedoch mehr Sympathien für Phil. Nicholas tue ihm eher leid, sagt er.

Eigentlich hat Jannik jedoch mehr Sympathien für Phil. Nicholas tue ihm eher leid, sagt er.

Wie habt ihr es geschafft, Intimität herzustellen?

Was Sexuelles vor der Kamera ist eigentlich ein absolutes No-Go, weil das etwas so Privates ist, dass da irgendjemand zuschaut. Und es wurde so respektvoll behandelt vom Team: Das nennt sich „closed set“, und in keinem Film bisher habe ich das so ernst genommen gefühlt. Das bedeutet, dass am Set wirklich nur die allerwichtigsten Leute sind. Normal stehen da immer so 20 bis 30 Leute um dich herum. Wir waren richtig abgeschieden und dadurch haben wir eine schöne Intimität herstellen können.

Welche Ähnlichkeit hast du mit Nicholas?

Nicholas ist so als Typ erstmal nicht so anders als ich, würde ich sagen. Privat sind wir aber sehr unterschiedlich. Ich komme aus einem ganz wunderbaren, keinem reichen Elternhaus. Und ich mag es zu laufen, aber ich kann nicht gut laufen, weil mein Knie schmerzt (lacht). Da mussten wir auch öfter mal abbrechen beim Drehen. Das finde ich ja so ein wenig unangenehm, denn ich werde da als der Superläufer bezeichnet, und das bin ich halt nicht – und ich sehe auch, dass ich es nicht bin. Ich hoffe, die Zuschauer sehen das nicht (lacht).

Was hat dir denn an der Rolle besonders gut gefallen?

Also eigentlich bin ich mit dem Herzen viel mehr bei Phil, deswegen habe ich gar nicht so viele Sympathien für Nicholas. Ich habe eher Mitleid mit ihm, dass er der coole Typ ist, der irgendwie alle Herzen schmelzen lässt, in den sich die Typen und die Frauen verlieben – und er es aber nicht schafft, sein Leben mit den Eltern in den Griff zu bekommen. Das ist eher traurig. Und dass er es auch nicht schafft, durch jemanden, der ihm seine Liebe gesteht, sich selbst zu fragen: Liebe ich die Person auch oder liebe ich sie nicht, sondern darauf einfach keine Antwort findet.

Ich habe so oft das Gefühl, wenn ich den Film jetzt sehe, dass ich Nicholas gerne schütteln würde, um zu sagen: Hey, da ist gerade was total Schönes, was da entsteht, wirf das nicht über Bord mit Kat und sag einfach mal, dass du ihn liebst. Was ihn wiederum total sympathisch macht ist zum Beispiel sein Museum der verlorenen Dinge, das er aufbaut, weil ich das eine schöne Eigenschaft finde. Das macht er natürlich, weil er das von seinen Eltern nie bekommen hat und deswegen Dingen, die verloren gingen, eine neue Bedeutung schenken möchte. Das macht ihn zu einem guten Menschen.

Der Regisseur von "Die Mitte der Welt", Jakob M. Erwa, verrät im dbna-Interview, wieso nicht alle den Film mögen werden und was der Autor des Romans von der Verfilmung denkt.

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Artikel veröffentlicht: 07.11.2016