Neu im Kino: Liebmann

Fabian Schäfer Von Fabian Schäfer
Antek Liebmann (Godehard Giese).
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Der Lehrer Antek Liebmann macht Ferien in Frankreich. Schnell wird jedoch klar, dass das kein normaler Urlaub ist, sondern eher eine Flucht vor der Vergangenheit. Der muss er sich stellen. Dabei hilft ihm auch der attraktive Sébastien.

Nein, wir wissen nicht viel über Antek Liebmann. Er ist Deutscher, vielleicht Mitte 40, und er verbringt einen Sommer in Nordfrankreich. Er ist ein stiller Mann, er lebt zurückgezogen. Seine Ankunft: Schwarz-weiß, düster. Als er seine Wohnung bezieht, muss er es erst einmal umstellen. Er wirkt nervös, unentschlossen, diffus.

Antek wirkt kauzig. Mit den Flirtversuchen seiner Nachbarin Geneviève (Adeline Moreau) kann er nicht umgehen. Er nimmt ihre freundliche Einladung zum Abendessen zunächst nicht an. Trotz Warnungen, dass im Wald zuletzt eine Leiche gefunden wurde, zieht es ihn dorthin. Es dauert seine Zeit, bis die Zuschauer warm werden mit Antek (Godehard Giese), der wenig spricht und kaum etwas über sich preisgibt.

Anteks Charakter ist wie das Gefieder eines Pfaus

Die entscheidende Wende tritt ein, als er auf Sébastien (Fabien Ara) trifft. Ein junger, sympathischer, hübscher Mann mit Dreitagebart und Rehaugen. Da blüht Antek auf. Sie küssen sich, ohne zu wissen, wie sie heißen. Antek scherzt, er wird albern, sie verbringen Zeit zusammen, er freut sich. Er ist wie ausgewechselt – doch viel von ihm verrät er immer noch nicht.

Erst nach und nach wird deutlich, wovor Antek geflohen ist. Die Vergangenheit holt ihn ein, seine Schwester hat ihn gesucht. Auch sie schafft es, sein stilles Gemüt zu verändern: Er ist aufgebracht, er schreit, er will nicht wahrhaben, was an seiner Schule passiert ist. Antek hat sich verändert. „Ich weiß nicht mehr, wer du bist“, sagt seine Schwester beim Abschied.

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Sébastien (Fabien Ara) hilft Antek, die Vergangenheit zu bewältigen.

Sébastien (Fabien Ara) hilft Antek, die Vergangenheit zu bewältigen.

Hier wird deutlich, was mit der Metapher aus dem Prolog gemeint ist: Darin wird vom Gefieder eines Pfaus erzählt, das aus so unterschiedlichen Federn besteht, dass man sich gar nicht vorstellen könne, dass sie alle vom selben Vogel stammen.

Starkes, sehenswertes Spielfilmdebut von Jules Herrmann

Um zurück in ein normales Leben zu finden, muss sich Antek dem Erlebten stellen. Es geht um die Gratwanderung zwischen Schuld und Verantwortung, um die Grenze zwischen Opfer und Täter. Er findet seine eigene skurril bis verstörende Art der Verarbeitung, ein karthatischer Akt, der ihn – wenn auch zu prototypisch – zurückbringt. Zurück in sein Leben und zurück zu Sébastien. Auch die Beziehung zu ihm trägt wesentlich zur Verarbeitung bei.

Das sind starke Szenen, bildgewaltig und trotz der Trauer auf eigenartige, irritierende Weise voller Leichtigkeit. Dazu immer wieder surrealistisch anmutende, von dumpfen Tönen dominierte Momente voller (Selbst-)Zerstörung, die „Liebmann“ zu einem sehenswerten Spielfilmdebut von Regisseurin Jules Herrmann machen.

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Artikel veröffentlicht: 25.01.2017