Gaydar: Was ist dran?

Kann man andere Schwule erkennen? Gaydar nennt sich dieses angebliche Phänomen, auf das viele Schwule zählen. Alles Hokuspokus, oder ist doch was Wahres dran? In Köln sind wir der Sache durch einen Test auf die Schliche gegangen!

Wenn ich über den Gaydar schreibe, meine ich nicht das Internetportal aus UK, sondern über die angebliche Fähigkeit schwule Menschen zu erkennen. Das Wort Gaydar besteht aus den beiden Wörtern „gay“ und „radar“, und erklärt sich somit eigentlich selbst. Einige Schwule schwören drauf, andere stempeln ihn als Schwachsinn ab und verdrehen die Augen sobald man ihn erwähnt. Ich stand der ganzen Sache auch eher skeptisch entgegen, und wollte genau wissen, was Sache ist.  

Ein regnerischer Nachmittag in Köln. Zusammen mit meiner Cousine Claudia hab ich mich auf den Weg in die Metropole gemacht, um dem Mythos Gaydar mit einem etwas außergewöhnlichen Test auf die Schliche zu kommen. Claudia musste mitkommen, um den Test neutral zu gestalten. Der Plan war folgender: Mitten in der Kölner Innenstadt wollten wir uns positionieren. Claudia hatte die Aufgabe einen Mann aus der Menge herauszusuchen, der sich nicht „typisch schwul“ verhielt. Ich sollte dann sagen, ob dieser Mann schwul oder nicht schwul ist. Zusammen würden wir den Mann dann ansprechen und ihn gerade heraus fragen, ob er schwul oder heterosexuell sei. So wollten wir meinen Gaydar testen. Ich stand der ganzen Sache immer noch skeptisch entgegen, sollte aber bald eines Besseren belehrt werden.

Weil Pläne dazu da sind umgeworfen zu werden, sah die Praxis etwas anders als die Theorie aus. Gerade als wir anfangen wollten, fing es heftig an zu regnen. Deshalb mussten wir den ganzen Test in den Kölner Hauptbahnhof verlegen. An unserem Prinzip änderten wir allerdings nichts. Also machten wir uns auf den Weg zum Hauptbahnhof, und kaum als wir im Trockenen waren, wurde ich direkt auf die Probe gestellt. „Da drüben der mit der Jeansjacke, der Brille und den etwas längeren Haaren“, meinte Claudia. Und stellte mich damit vor eine harte Probe. Der Kerl sah halt aus wie ein Mann, egal ob nun schwul oder hetero. „Schwul“, sagte ich einfach heraus, und bereute meine Wahl schon fast wieder. Dann kam das Schwerste. Wir gingen auf den jungen Mann zu und fragten ihn nach seiner Sexualität. „Ich bin natürlich hetero“, sagte er. Na toll, der Test fängt ja schon gut an.

Etwas demotiviert ging es dann weiter ans Werk. Beim Bäcker stand unser nächstes Opfer. Dieser Mann war anders als der zuvor. Hier fiel es mir schon viel leichter „schwul“ zu sagen. Und nachdem der Mann sein Baguette bezahlt hat, läuft er uns direkt ins Netz. Wir konfrontieren ihn mit der Situation und auf die Frage ob er schwul oder hetero sei antwortete er etwas schüchtern: „Na, wenn ich das selber wüsste“. Treffer! Obwohl es eigentlich nur ein halber ist. Aber immerhin ist er scheinbar nicht ganz heterosexuell, und zählt bei unseren Kriterien daher als schwul. 1:1 stand es also schon auf unserer Liste, und neugierig fragten wir weiter. Nach etwa einer halben Stunde und drei weiteren Opfern hatte ich eine Trefferquote von 80%, was mich ehrlich gesagt doch ziemlich baff gemacht hat. Ist doch was dran, am sogenannten Gaydar?

Eine Stunde später: Wir ziehen Bilanz. Zehn Personen haben wir befragt. Vier Kandidaten habe ich als schwul eingeschätzt. Davon waren zwei Stück wirklich schwul. Sechs Kandidaten schätzte ich für hetero, dabei war einer von ihnen schwul. Eine Trefferquote von 70%, die ich an diesem regnerischen Nachmittag in Köln ablieferte. Ein Ergebnis, mit dem ich niemals gerechnet hätte. Aber ob ich deshalb nur wirklich an den Gaydar glauben soll? Vielleicht war es auch nur Zufall? Wobei eine Trefferquote von 70% schon recht hoch ist, und ob so was wirklich Zufall sein kann?

Als ich gerade darüber nachdachte, stach mir ein kleines Grüppchen pubertierender Mädchen ins Auge. Stimmt es wirklich, dass die junge Generation toleranter ist, als die ältere? Und wo wir nun schon in Köln waren und irgendwelche Dinge testeten, machten wir uns auf zur Mädchengruppe und stellten sie ganz offen vor die Frage: „Was haltet ihr von Homosexualität?“ Im linken Flügel bricht ein Lachen aus, und drei der insgesamt sieben Mädchen dreht sich prustend weg. Die anderen Mädels bleiben allerdings erst, und eine erzählt mir sogar, dass sie eine lesbische Freundin hat. Auf einmal wird es still im linken Flügel, und alle schauen verwundert auf das Mädchen mit der lesbischen Freundin. „Ich find nichts Schlimmes dran, und habe kein Problem damit. Ich war sogar mit ihr auf dem CSD in Köln, und es war ein toller Tag“. Verwunderung in den Augen des linken Flügels, bis sich die erste traut: „Wie jetzt…!“ Mit ihrer Diskussion wollte ich die Mädels alleine lassen, denn ich hatte genau das, was ich gesucht habe. Toleranz. Zumindest im überwiegenden Teil der Gruppe.

Jetzt fehlte uns nur noch der direkte Vergleich, und den fanden wir in Form einer kleinen Gruppe Rentnerinnen aus Mohnheim, die tratschend auf dem Vorplatz des Bahnhofes stand. Mit gemischten Gefühlen stellte ich meine Frage, schließlich wusste ich nicht, wie locker die Damen auf meine Frage reagieren würden. Zuerst wies man mich drauf hin, dass man gar nicht aus Köln, sonder aus Monheim komme. Als ich sie dann darauf hingewiesen habe, dass es auch in Monheim Homosexualität gibt, bekamen wir die Antwort, die wir hören wollten: „Nun ja, schließlich hat sich niemand selbst geschaffen! Wenn die Gene nun mal da sind, sind sie halt da! Ändern kann und sollte sowas man auf gar keinen Fall!“ Strike! Dann diskutierte man noch ein bisschen über Westerwelle, der ja „immer noch der Gleiche“ ist und über Medien, die nach Meinung der Damen ein falsches Bild von Homosexualität wiedergeben. Eine Bitte haben die Rentnerinnen aus Monheim allerdings doch: Schwul hin oder her, in der Öffentlichkeit sollte man sich dennoch anpassen und nicht allzu sehr auffallen. Auch hier fanden wir Toleranz. Wir wünschten eine gute Heimreise und machten uns selber auf den Weg nach Hause.