Schwule Chromosomen?

Dass Homosexualität zum Teil genetisch bedingt sein könnte, vermuten Wissenschaftler schon lange. Jetzt hat man in einer Studie sogar mehrere Bereiche im Erbgut gefunden, die die sexuelle Orientierung beeinflussen könnten.

Wow, war das ein Aufwand! Ganze 456 homo- und heterosexuelle Männer aus insgesamt 146 Familien brauchte es, um eine neue Theorie zur Entstehung von Homosexualität zu begründen. Die Frage, wie die sexuelle Orientierung eines Menschen beeinflusst wird, brennt den Wissenschaftlern weltweit bereits seit Jahren unter den Nägeln. Schon in der Vergangenheit lieferten zahlreiche Zwillingsstudien und Untersuchungen von Familien mit schwulen Söhnen Hinweise darauf, dass bei der sexuellen Orientierung vor allem auch die Gene eine wichtige Rolle spielen. Ein einzelnes, verantwortliches Gen konnte allerdings nie entdeckt werden – und existiert wahrscheinlich auch nicht, wie man jetzt herausgefunden hat. Brian Mustanski von der University of Illinois in Chicago stieß nämlich gemeinsam mit seinen Kollegen auf gleich drei Bereiche im männlichen Genom, die Einfluss auf die sexuellen Vorlieben haben könnten.

Was hat Brian Mustanski anders gemacht als seine Kollegen? Erstmals wurde das gesamte menschliche Erbgut nach einem Auslöser für Homosexualität durchsucht. Studien aus früheren Jahren hatten sich immer nur auf das X-Chromosom konzentriert. Mustanski brachte auf allen 22 autosomalen Chromosomen und dem X-Chromosom molekulare Markierungen an, mit deren Hilfe er das Erbgut von homosexuellen und heterosexuellen Männern vergleichen konnte. Er staunte nicht schlecht, als er dabei auf DNS-Strecken in den Chromosomen 7, 8 und 10 stießen, die bei 60 Prozent der Probanden übereinstimmte. Würde es sich hierbei um eine reine Zufallsverteilung handeln, käme man maximal auf eine Übereinstimmung von 50%.

Ist Homosexualität also nur eine Frage der Gene? „Nein“, sagt Mustanski. „Wir vermuten, dass eine ganze Reihe von Genen, die mit möglicherweise Umwelteinflüssen zusammenwirken, Unterschiede in der sexuellen Orientierung erklären können.“ Ein einzelnes „Schwulen-Gen“ gibt s also nicht, „dafür ist Homosexualität eine viel zu komplexe Eigenschaft.“ Ein weitere Schritt also in die richtige Richtung. Ob die Chromosomenbereiche, die man für männliche Homosexualität verantwortlich glaubt, auch bei lesbischen Frauen oder bisexuellen Menschen eine Rolle spielen, ist leider noch unklar. Mustanskis Studie konzentrierte sich ganz und gar auf homosexuelle Männer.



Quelle: spiegel.de