„Ich will das Tabu nicht akzeptieren“

von Paul Klammer

Ulf Höpfner ist 37, Mathe- und Physiklehrer, schwul und verheimlicht das seinen Schülern nicht. Er möchte, dass sich endlich jeder schwule Lehrer outen kann. Johannes König ist 49, Geschichts- und Erdkundelehrer, schwul und hält sich mit seinem Coming-out zurück – wie die meisten homosexuellen Pädagogen in Deutschland.

5. September 1995, New Orleans, USA: Ulf Höpfner sitzt in einem Auto fest. Um ihn herum stehen 300 Männer in Lederklamotten. So umringt verspürt er eine selten gekannte Begeisterung, obwohl er gar nicht auf Leder steht. Ulf ist mit Kollegen auf einer Spritztour an der US-Südküste unterwegs, als sie im French Quarter von New Orleans mit dem Auto mitten in ein Fetischtreffen geraten. Innerlich aufgewühlt beobachtet er, wie die Schwulen durch die Straßen ziehen. So etwas kannte er von zuhause nicht. Ulf ist zu diesem Zeitpunkt 24 Jahre alt, hat das erste Staatsexamen in der Tasche und hätte in Potsdam Mathe- und Physiklehrer werden können. Stattdessen ist er für ein halbes Jahr als Forschungsstudent an die University of Alabama gegangen. Für seine Männerphantasien hat er nie einen Begriff gelernt, weder in seiner Kindheit in Hennigsdorf im Berliner Umland noch im Internat oder beim Studium in Potsdam.

6. September 1995, Wriezen, Brandenburg: Johannes König* betritt das Lehrerzimmer des örtlichen Gymnasiums. So richtig angekommen ist er hier noch nicht. Vor wenigen Tagen erst hat der 36-Jährige in der 8000-Seelen-Stadt im Oderbruch als Lehrer für Geschichte, Politik und Erdkunde angefangen. Über Schwule redet hier kaum jemand und wenn doch, dann so, als ob es sowas überhaupt nicht gäbe. Die Pädagogen ahnen nicht, dass gerade jemand zur Tür reingekommen ist, der das Gegenteil beweisen könnte. Doch das will Johannes König gar nicht. Darüber dass er schwul ist, schweigt er lieber.

Auch wenn darüber keine Erhebung existiert: Es gibt schwule Lehrer und lesbische Lehrerinnen. Geht man davon aus, dass fünf Prozent der Menschen homosexuell sind, dann sind das etwa 40.000 Pädagogen unter den knapp 800.000 Lehrern in Deutschland. In einem Kollegium von 50 Personen entspricht das zwei oder drei Schwulen und Lesben. Die meisten von ihnen schweigen in der Schule über ihre Homosexualität

Schwule gibt es gar nicht

So auch Johannes König. Er muss erkennen, dass Schwule in der Vorstellung seiner Kollegen nicht existieren. Die Lehrer in Wriezen sind in der DDR geprägt worden, dem Land, in dem auch Ulf Höpfner groß wurde. Eine Gesellschaft, in der Homosexualität offiziell nicht vorkam. Wird im Lehrerzimmer über Privates gesprochen, markiert die Ehe die Normalität. Johannes König fühlt sich an seine Heimat erinnert. 1990, fast genau fünf Jahre zuvor, war er nach Berlin gezogen, um der Enge der baden-württembergischen Provinz zu entkommen, die ihm so lange das Leben schwer gemacht hatte.

In seiner Jugend tauchen Schwule nur in der Zeitung auf, wenn ein Junge vergewaltigt wurde. Über den besonders modisch gekleideten Verkäufer aus dem Kleinstadt-Kaufhaus wird getuschelt, er sei wieder vor einem verruchten Club in Freiburg gesehen worden. Johannes schwärmt gerade für seinen besten Freund und denkt sich: „Oh Gott, wenn sie sowas über mich erzählen!“ Während des Studiums in Freiburg hält er sich von der Szene fern. Irgendwann stellt er fest: „Du musst irgendwas anders machen, aber wie?“ Die Antwort kommt per Post aus Berlin. Er hat sich nach dem Referendariat bei einem Schulbuchverlag beworben, nun soll er im Außendienst Lehrbücher verkaufen. Johannes zieht endlich weit weg von zuhause, im Gepäck die Hoffnung, dass in Berlin alles einfacher wird.

Dort angekommen traut er sich in die Szene, aber mehr als hin und wieder „ein mehrwöchiges Strohfeuer“ ergibt sich nicht. Die Typen, die er kennenlernt, sind sich bewusst, dass in der Stadt noch Tausende andere Schwule rumlaufen, die schöner und vor allem schon viel erfahrener sind als Johannes mit Anfang 30. Beruflich läuft es auch nicht reibungslos. In fünf Jahren lernt er als Außendienstmitarbeiter fast jede Berliner Schule von innen kennen und ihm wird bewusst, dass er sie viel lieber als Lehrer und nicht als Verkäufer betreten will. Doch in Berlin hat man keine Stelle für ihn. Stattdessen verschlägt es ihn nach Wriezen, gut zehn Kilometer vor der polnischen Grenze, wo niemand zu glauben scheint, dass es Schwule wirklich gibt.

Er wechselt die Schule, erst nach Strausberg, dann nach Neuenhagen, nähert sich Berlin immer mehr an. Doch die Situation ist immer die gleiche. Für andere Lehrer liegt Homosexualität außerhalb ihrer Vorstellungskraft. Die wenigen Kollegen, denen Johannes König sich offenbart, kommen zwar gut damit klar, aber reinen Tisch machen will er nie. „Du kannst die Zahncreme nicht mehr in die Tube drücken, wenn sie einmal raus ist“, fasst er die Sorgen zusammen, die er vor einem Outing in der Schule hat. Einmal ausgesprochen kann er es nicht mehr zurücknehmen und macht sich angreifbar. Im Rückblick ist er froh, dass er nie ernsthaft von Schülern mit Fragen nach seinem Privatleben konfrontiert wurde.

Erstmal einen Schwulen kennenlernen

Ulf Höpfner hingegen brauchte eine Konfrontation, um sich die richtigen Fragen zu stellen. Während seines Austauschsemesters in den USA setzt er sich mit den Träumen auseinander, die er seit seiner Pubertät hat. Bisher hatte sein Schwärmen für Männer nur Platz in seiner Phantasie. In New Orleans laufen ihm nun 300 leibhaftige Schwule vors Auto. Und auf dem Campus in Alabama sprühen Homo-Aktivisten „We are queer – we are here“ auf die Gehwege. Er erkennt, dass es Menschen gibt, die sind wie er. Zurück in Potsdam beschließt Ulf: „Jetzt muss irgendwas passieren.“ Er antwortet auf eine Kontaktanzeige, erstmal nur, um überhaupt einen Schwulen kennenzulernen. Er ahnt nicht, dass er mit dem Mann die nächsten acht Jahre verbringen wird.

In der Vierer-WG, in der er wohnt, kann er den Freund nicht ewig geheim halten. Der erste, bei dem Ulf sich outet, ist sein engster Kumpel und Mitbewohner. Der reagiert ganz vernünftig, rational eben, typisch Naturwissenschaftler. Genauso wie Ulf, der zu dieser Zeit seinen Traum vom Lehrerberuf erstmal zur Seite gelegt hat, um Forscher zu werden. Während seine Experimente im Labor irgendwann ins Stocken geraten, entdeckt Ulf sein schwules Leben. Er geht mit seinem Freund in die Szene und fährt mit ihm in den Urlaub. Bald sagt er seinen Freunden, dass er schwul ist. Als er es nach zwei Jahren endlich vor seinen arglosen Eltern rausbringt, sind die völlig irritiert und wollen ihrem Sohn beistehen. Seine Mutter meint es gut und sagt das Falsche: „Es muss ja nicht jeder wissen.“ Doch Ulf Höpfner will kein Geheimnis aus seiner Homosexualität machen.

* Name geändert


09.10.2008  | Bild: © Roland Weißegger; Benjamin Britze; fotolia.com/ele; istockphoto.com/Kronick
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