Ist Gott homophob?
Warum die Sexualethik einiger Kirchen überholt ist

Solche und ähnliche pressewirksame Meinungsäußerungen von Amtsträgern der christlichen Kirchen erwecken den Eindruck, dass Homosexuelle im Christentum nicht willkommen sind. Wo liegen die Beweggründe für ihre Äußerungen? Ist Homosexualität wirklich unchristlich?

Die Bibel scheint eine eindeutige Meinung über Schwule zu haben. Im Alten Testament, Drittes Buch Mose, Kapitel 20, Vers 13 heißt es: „Schläft einer mit einem Mann, wie man mit einer Frau schläft, dann haben sie eine Gräueltat begangen; beide werden mit dem Tod bestraft; ihr Blut soll auf sie kommen.“ Ein klares Verbot. Auch im Neuen Testament finden sich, wenn auch weniger dramatisch formuliert, Textstellen, die sich gegen Homosexualität auszusprechen scheinen. Solche Verse verurteilen in erster Linie den Geschlechtsverkehr unter Männern.
Muss man also annehmen, dass das Christentum, das nur durch die Bibel eine solche Verbreitung finden konnte, homophob ist? Wenn ja, dann muss man auch davon ausgehen, dass Gott den Sklavenhandel befürwortet (Lev 25, 44) und es nicht gerne sieht, wenn sich seine Gläubigen die Haare schneiden (Lev 19,27) oder Schalentiere essen (Lev 11,10). Denn auch solch absurden Gebote stehen im Dritten Buch Mose. Die Thematisierung der gleichgeschlechtlichen Liebe oder von Lesben sucht man in der Bibel vergebens.
Die wissenschaftliche Betrachtung der Theologie verlangt Bibelverse im historischen Kontext ihrer Entstehungszeit zu deuten. So galten die zahlreichen sexuellen Verbote im Alten Testament der Erhaltung des israelischen Volkes, das im babylonischen Exil auszusterben drohte. Die Verse im Neuen Testament hingegen gehen nicht von einvernehmlichem Sex aus, sie sollten junge Männer vor der Päderastie schützen. Solche Abschnitte lassen sich also nicht ohne Weiteres auf die heutige Situation von Homosexuellen übertragen. Die persönliche Auslegung der Bibel ist jedem selbst überlassen. Für viele Christen steht die kompromisslose Liebe Gottes im Vordergrund, nicht jeder Vers der Heiligen Schrift wird wörtlich genommen.

Die Evangelische Kirche hat sich in weiten Teilen mit Homosexuellen solidarisiert, lediglich die Möglichkeit der Trauung wird weiterhin kontrovers diskutiert. An dieses Thema verschwenden die Katholiken keine Gedanken, da der Vatikan einer sehr strikten Sexualethik folgt, die schon wegen des Verhütungsverbotes häufig in der öffentlichen Diskussion stand. Doch es geht noch diskriminierender.
Evangelikale Kirchen, nicht zu verwechseln mit der Evangelischen Kirche, setzen sich für die „Umpolung“ von Homosexuellen ein und schicken homosexuelle Glaubensanhänger zu sogenannten „Ex-Gay-Therapien“. Dass diese Versuche keine Ergebnisse liefern und nicht selten in zerstörten Psychen resultieren, soll an dieser Stelle nicht diskutiert werden.

Der vermeintlich bequemere Entschluss zur Flucht aus den Gemeinden und Kirchen scheint eine naheliegende Lösung zu sein. Doch ist es gerade wichtig, sich der Konfrontation zu stellen und zu zeigen, dass es schwule Christen gibt, die bewusst lieben und vernünftig mit sich und ihrer Welt umgehen. Denn Aufklärung ist dringend erforderlich, um die Akzeptanz der Homosexualität in den Kirchen zu fördern und für mehr Menschlichkeit statt falscher Gottesfurcht zu werben.
Links zum Artikel:
- dbna: Ist Gott homophob? Diskutiere im Webforum!
- Informationen des LSVD zu "Homosexualität und Christentum"
- Blog über Ex-Gay-Organisationen weltweit
- Artikel über die Warnung des Papstes vor homosexuellen Lebensgemeinnschaften




