Türkisches Militär

Schwul = Krank

von Alexander

Wer schwul ist, gilt in der Türkei als geistig krank – und muss damit auch keinen Militärdienst leisten. Eine gute Ausrede? Weniger, denn schwul ist dort nur derjenige, der beim Sex mit einem Mann auch passiv ist, wofür sehr oft Beweise verlangt werden. Solche Beweise können schwerwiegende Folgen haben.

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Gewissensgründe zählen in der Türkei nicht als Verweigerungsgrund, einen Ersatzdienst wie in Deutschland einst der Zivildienst, gibt es nicht. So bleiben Verweigerern nur wenige Gründe, um sich dem staatlichen Zwang zu entgehen  – dazu zählt auch Homosexualität. Und offiziell verweigern geht auch nicht, denn wer verweigert, kann verurteilt werden und ins Gefängnis wandern.

Doch dient die Klassifikation als „schwul“ nicht als Hauptkriterium für die Ausmuterung. Denn entscheidend ist, dass in der Türkei offiziell und nicht beschränkt auf das Militär gleichgeschlechtliche Sexualität als Krankheit eingestuft wird. Chronisch Kranke und Behinderte müssen keinen Dienst leisten.

Was des einen Leid, ist des anderen Freud? Zumindest klingt dieser Möglichkeit der Ausmusterung auch für viele Heterosexuelle verlockend – da es kaum einen anderen Ausweg gibt. Doch wer es auf diesem Wege versucht, hat es auch nicht leicht.

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„Schwul ist immer nur der Gefickte“

Hier kommen die gesellschaftlichen Normen ins Spiel: Sex mit einer Frau ist für junge türkische Männer vor der Ehe nicht so einfach möglich. Und so ist derjenige in der Türkei schwul, der selbst passiv ist. Aber der Aktive, der gilt weiter als richtiger, echter Mann – auch wenn er gleichgeschlechtlichen Sex hatte, denn diesen hatte er nur aus Mangel an willigen Frauen – so zumindest die gesellschaftliche Interpretation in der Türkei.

Daraus ergibt sich auch, dass die türkische Armee eben nicht alle diejenigen ablehnt, die als „Mann“ Sex mit Männern hatten. Tausende Ausmusterungen wären die Folge.

Absurderweise profitieren genau diejenigen davon, die das Militär nicht haben will: „echte“ Schwule, die entweder ihrer Pflicht aus Vaterlandsliebe nachkommen wollen oder die möglichst viele junge Männer kennenlernen wollen. Um genommen zu werden, müssen sie nur eines machen: Klappe halten – wie in den USA bis vor kurzem (dbna berichtete). Diese Praxis stammt auch von diesem NATO-Partner.

Will es jemand ernsthaft versuchen, als (scheinbar) Schwuler, den Dienst bei der Armee zu umgehen, der wird normalerweise lange leiden müssen: Es werden intimste Fragen zu Anal- und Oralsex gestellt, gar Fotos verlangt, die in den Händen des Militärs bleiben – ein deutliches Erpressungs- und Bedrohungspotential.

Erniedrigung, Voyeurismus und Angst der Offiziere

Dabei geht es den prüfenden Offizieren, die dies verlangen, sowohl um die Erniedrigung des potentiellen Rekruten als auch um den eigenen Voyeurismus zu befriedigen. Auch Angst vor den Vorgesetzten spielt ein Rolle, könnte man doch einem „Simulanten“ auf den Leim gehen, der dann später heiratet.

Doch es ist auch Willkür im Spiel, denn nach offizieller Erklärung braucht es nicht nur keine Bilder oder Videos als Beweis, um diese Anerkennung als Schwuler zu erhalten, ja solche Mitteln könnten sogar nicht mal als Beweise verwendet werden – auch wenn sie in die Hände der Militärs gelangen.

Die Erniedrigung nimmt aber auch auf dem „offiziellen“ Prüfungsweg kein Ende: Untersuchungen in – teilweise verschiedenen – psychiatrischen Kliniken über Wochen sowie beispielsweise das Malen von Bildern mit Erklärungen dazu, was man dabei denkt sind vorgehen. Bei diesen Aufenthalten kann es auch zum Prüfen des Analbereichs kommen, bei dem dann nach „Deformationen“ gesucht wird – nach dem Motto: „Je enger, desto weniger schwul.“

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Diskriminierung durch Arbeitgeber

Zudem müssen die Betroffenen im Falle einer Anerkennung mit lebenslangen Folgen rechnen. Ungediente Männer werden von vielen Unternehmern nicht eingestellt. Ja, sogar Nachfragen des potentiellen Arbeitgebers beim Militär nach dem Grund sind an der Tagesordnung. „Psychosexuelle Störung (Homosexualität)“ erfahren dann diese ganz offiziell – wiederum eine Übernahme aus den Vereinigten Staaten. Die Brandmarkung liegt auf der Hand. Weitere Arbeitslosigkeit oder Spott und Erniedrigung der Kollegen sind die Folge.

Die Betrachtung von Homosexualität als psychosexuelle Störung – eine Sichtweise, welche die Weltgesundheitsorganisation (WHO) seit 1992 nicht mehr teilt – ist in der Türkei zudem öffentlich anerkannt. Für Aufstehen sorgte so z.B. die damalige Frauen- und Familienministerin, Selma Aliye Kavaf. Diese meinte, Homosexualität sei eine „biologische Fehlfunktion“ und Betroffene gehörten behandelt.

Doch nicht nur die Begründung und die Handhabung des Schweigens stammen aus den USA, auch die praktischen Gründe des türkischen Militärs sind von dort entlehnt: Disziplinprobleme sowie die teure Einrichtung von getrennten Bereichen innerhalb der Kasernen, was Schlafsäle, Duschen sowie Trainingsräume betrifft.

Hoffnung durch Reform

Doch Hoffnung naht für alle Schwulen und potentielle Verweigerer: Die Einführung eines Ersatzdienstes steht mit der Reform der Wehrpflicht in der Türkei an, auch aufgrund des Drucks von Seiten der EU. Damit fiele der Test für Schwule weg, um dem Wehrdienst zu entgehen.

Sonst bleibt derzeit nur die teure Variante: Wer nicht dienen will, kann sich freikaufen – für 12.500 Euro ohne jede weitere Frage.

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12.04.2012  | Quelle: welt.de

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