Medien

Schwulophil oder Lesbophob?

von El Mantiquo

Den Medien kann man sich heute nur schwerlich entziehen. Unweigerlich beeinflussen sie uns darin, wie wir unsere Umwelt wahrnehmen. Ebenso auch bei der Berichterstattung über Homosexualität – oder wer denkt zuerst an Frauen, wenn er „homosexuell“ hört?

Bild: view7 / photocase.com

Die Internetbloggerin Nele Tabler schrieb am 1. Juli 2010 in ihrem Blog: „Als eine freie Journalistin darauf bestand, in einem Bericht über den CSD in ihrer Stadt neben Schwulen auch Lesben zu nennen, wurde ihr damit gedroht, künftig keine Aufträge mehr zu erhalten. Der zuständige Mensch soll gesagt haben: ‘Schwule bringen Geld, Lesben machen Ärger’”.

Studien beweisen: „Schwul wird oft synonym zu ‚homosexuell‘ verwendet“

Deutlich sachlicher und weniger hart formuliert es die Journalistin Elke Amberg, die im Auftrag des Lesbenberatungszentrum (LeTRa) eine Studie über „Lesben in den Medien“ durchführte. Sie konstatiert, dass Homosexualität bei Frauen in der Berichterstattung merklich untergehe.

Ihre kommunikationswissenschaftlichen Studien bestanden unteranderem aus der Auswertung zahlreicher Artikel zu den Themen „Christopher-Street-Day“ und „Rechtliche Gleichstellung“. In 13 von 81 Überschriften wurde das Wort „schwul“ verwendet, wohingegen sich in keiner der restlichen Artikelüberschriften die Worte „Lesbe“ oder „lesbisch“ fanden.

Dieses Ergebnis ist Zeugnis einer (un-)bewussten Ausgliederung von Lesben in den Medien. Die Verwendung des Wortes „schwul“ ist inzwischen landläufig synonym zu „homosexuell“ geworden. Laut dem Duden ist „lesbisch“ jedoch kein Synonym zu „schwul“ und „schwul“ werde nur selten für „lesbisch“ gebraucht.

„Allgemeine männliche Dominanz im Geschlechterverhältnis“ * auch bei Homosexuellen

Die Akzeptanz von Lesben wird allgemein größer eingeschätzt, als die von Schwulen. Da stellt sich die Frage, wieso fehlen Lesben in der Berichterstattung?

Mit dieser Frage beschäftigte sich auch Deutschland Radio und beauftragte Stefanie Lachnit, bei der Süddeutschen Zeitung nachzufragen. In einem Interview räumte ein Redakteur ein, dass Schwule im Vergleich zu Lesben tendenziell bevorzugt thematisiert werden und sagte gegenüber Deutschland Radio: „Wenn tatsächlich grundsätzlich eher Männer gezeigt oder erwähnt werden als Frauen, dann hängt das vielleicht damit zusammen, dass Homosexualität unter Männern bis heute immer noch ein Stück weit eher auffällt und/oder etwas stärkere Reaktionen hervorruft als weibliche Homosexualität.“

Bild: Brasil2/istockphoto

Deutschland Radio führte des Weiteren ein Interview mit der Medienwissenschaftlerin Andrea Seier. Sie sieht den Ursprung dieser Ausklammerung weit in der Vergangenheit und zeigt als Beispiel den berühmten Paragraph 175 des Strafgesetzbuches auf, der Homosexualität im Kaiserreich und auch später schwulen Sex unter Strafe stellte und schließlich erst 1994 ersatzlos aus dem Gesetzbuch gestrichen wurde. Inhaltlich wären nur Männer thematisiert und Frauen mit keinem Wort erwähnt worden, so Seier.

Andrea Seier resümiert: „Man kann dies als ein Hinweis darauf sehen, dass Frauen eine eigene Sexualität, das über ein passives Erdulden der männlichen Sexualität hinausgeht, gar nicht zugeschrieben wurde.”

Ganz davon abgesehen steht für sie die Tatsache fest, dass die „allgemeine männliche Dominanz im Geschlechterverhältnis” sich auch unter Homosexuellen fortsetzt: Ein Blick auf die Organisation und Führung der schwul-lesbischen Vereine und Verbände würde ihrer Meinung nach die These bestätigen, denn sie seien überwiegend in männlicher Hand.

Der BLSJ sucht nach Ursachen

Derartige Thesen, wie von Andrea Seier, sind für Journalisten Grund zur Selbstreflexion bzw. Ursachenforschung. Deshalb berief der „Bund Lesbischer und Schwuler JournalistInnen“ (BLSJ) zwei Podiumsdiskussionen ein. Die erste fand im August 2011 in Hamburg statt. Das Thema lautete: „Homosexuell = schwul? Wie Journalisten über Lesben und Schwule schreiben”.

„Die heterosexuellen Kollegen kennen unsere Lebenswelt nicht und verstehen sie nicht”, das vermutet Stefan Mielchen, Chefredakeur des schwulen Hamburger Stadtmagazins Hinnerk. Seiner Theorie nach wäre Unwissen- bzw. Unaufgeklärtheit Auslöser für die mangelnde Differenzierung der Begrifflichkeiten.

Eine weitere interessante These – dass es nämlich an prominenten, lesbischen Vorbildern fehle – kommt von der Tageschau und Tagesthemen Redakteurin Nicole Koenecke, die sagte: „Wir brauchen endlich einen weiblichen Wowereit, sonst ändert sich so schnell nichts.”

Als Lösung hat der BLSJ ein Merkblatt für Journalisten aufgesetzt. Es heißt: “Schöner schreiben über Lesben und Schwule – 8 Beispiele aus der journalistischen Praxis”. Darin soll gezeigt werden, wie man unsinnige Formulierungen, sowie missverständliche Wörter vermeiden kann.

* Andrea Seier, Medienwissenschaftlerin im Interview mit Deutschland Radio

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04.05.2012
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