Präventionsprojekt

Vom Fischen im Trüben

von Alexander

Wer die öffentlichen Debatten um Kindesmissbrauch und Kinderpornografie verfolgt, merkt schnell, dass es sich meist um technische Maßnahmen sowie um Strafverfolgung dreht. Das Präventionsprojekt Dunkelfeld geht dagegen andere Wege: Es will die Nutzer von Kinderpornografie im Internet ansprechen und ihnen präventiv therapeutische Maßnahmen anbieten, bevor es zum Kindesmissbrauch kommt.

Plakatmotiv zur Medienkampagne "Präventionsprojekt Dunkelfeld".

Plakatmotiv zur Medienkampagne "Präventionsprojekt Dunkelfeld". Bild: Netzwerk Präventionsprojekt Dunkelfeld (PPD)

Zensursula – diesen Spitznahmen erhielt die damalige Familienministerin Ursula von der Leyen (CDU) als sie im Jahr 2009 Seiten im Internet mit kinderpornografischen Material sperren lassen wollte. Gegner sahen das nicht nur als nicht zweckmäßig an, da solche Sperren sehr leicht umgangen werden können, sondern betrachteten die Maßnahme auch als Einführung von Zensur im Netz.

Im Jahr darauf sorgte der sexuelle Missbrauch von Schülern der Odenwaldschule und an dem von Jesuiten betriebenen Canisius-Kolleg Berlin für ein ziemliches Aufsehen. Dies führte unter anderem zu einer Diskussion über strengere Gesetze und die Verlängerung von Verjährungsfristen.

Jährlich 60.000 Opfer sexuellen Missbrauchs

Anhand dieser beiden Beispiele wird deutlich, dass Kindesmissbrauch und Kinderpornografie Themen sind, die für breite öffentliche Aufregung sorgen. Die wenigen bekannt gewordenen Fälle stehen aber in keinem Verhältnis zu den Hochrechnungen. Vermutlich werden jedes Jahr bis zu 60.000 Menschen in Deutschland Opfer sexuellen Missbrauchs. Dies lässt sich aus Ergebnissen repräsentativer Erhebungen in der Allgemeinbevölkerung schließen.  Doch all die Maßnahmen zur Verhinderung des Missbrauchs, die dabei diskutiert werden, beschränken sich auf technische und juristische Vorbeugung bzw. Vergeltung.

Das Präventionsprojekt Dunkelfeld (PPD) geht dagegen andere Wege. 2005 am Institut für Sexualwissenschaft und -medizin der Berliner Charité gegründet konzentriert es sich auf Diagnostik und Therapie von Personen, die sich sexuell zu Kindern oder Jugendlichen hingezogen fühlen. „Grundidee des Präventionsansatzes PPD ist es, Menschen mit einer sogenannten pädophilen bzw. hebephilen Neigung therapeutisch zu erreichen, bevor es zu erstmaligen oder wiederholten sexuellen Übergriffen auf Minderjährige kommt“, erklärt Janina Neutze, die das PPD von Beginn an wissenschaftlich und therapeutisch begleitete und seit diesem Jahr koordiniert. Ziel der Koordination ist die bundesweite Etablierung des Projekts.

Doch wieso „Dunkelfeld“?  Das Herunterladen, Sammeln oder Verbreiten von Kinderpornografie über das Internet stellen Sexualdelikte dar. In Deutschland sind 15 Prozent aller rechtsbekannten Sexualdelikte Kinderpornografiedelikte, in den USA machen diese sogar circa 66 Prozent aller verurteilten Fälle sexueller Ausbeutung von Kindern aus. Doch diese Statistiken stellen das sogenannte Hellfeld dar, da sie nur der Justiz bekannt gewordene Fälle aufnehmen. Die große Unbekannte, das „Dunkelfeld“ also, sind all diejenigen, die nicht juristisch erfasst und auffällig werden, aber dennoch Kinderpornografie konsumieren.

„Konsum von Kinderpornografie ist keine Bagatelle“

Um das Projekt, in das auch das Präventionsprojekt Kinderpornografie (PPK) integriert ist, bekannter zu machen, wurden zusammen mit der Werbeagentur Scholz & Friends mehrere Medienkampagnen entwickelt, unter anderem jene mit dem Titel „Kein Täter werden. Auch nicht im Netz“. Die Prsychologin Neutze unterstreicht hier auch den Aufklärungscharakter: „Wir wollten mit diesen Kampagnen verdeutlichen, dass Kinderpornografiekonsum kein ‚Bagatelldelikt‘ ist, sondern eine Form sexueller Ausbeutung von Kindern, dem zumeist sexueller Kindesmissbrauch vorausgeht.“

Auch arbeitete das Präventionsprojekt Dunkelfeld neben Scholz & Friends mit der Kinderschutzorganisation „Hänsel und Gretel“ sowie dem Bundesfamilienministerium zusammen. 2009 entwickelte man gemeinsam eine Kampagne, um potentielle sowie reale Nutzer von Missbrauchsabbildungen unmittelbarer zu erreichen, insbesondere im Netz. Für diejenigen, die gerade auf diese Kampagne reagierten, wird seit Juli 2009 ein modifiziertes Therapieangebot angeboten. „Bis Ende 2010 haben sich 224 Menschen, ausschließlich Männer, über unsere PPK-Telefonhotline gemeldet. Davon  haben 78 an einer ausführlichen Diagnostik teilgenommen, 48 konnte ein Therapieangebot unterbreitet werden. 21 haben an der Therapie teilgenommen“, berichtet die Sexualmedizinerin Neutze und verbucht das als Erfolg.

Gesichert sei die diagnostische und therapeutische Versorgung von Kinderpornografienutzern im Dunkelfeld, aber auch jenen die befürchten, erstmalig im Netz Täter zu werden auch weiterhin. An inzwischen vier Standorten – Kiel, Berlin, Leipzig und Regensburg – wird Versorgung angeboten und bis 2013 vom Bundesjustizministerium getragen, erläutert die 42-jährige Neutze weiter. Zugang der Therapie ist der Leidensdruck der Nutzer, der durch den Konsum von Kinderpornografie entstehe und nicht zu vernachlässigen sei, wie es in der Darstellung des Projektes heißt. Wichtig sei, dass die Kampagne Angst vor Diskriminierung, vor juristischen Konsequenzen sowie  Schuld- und Schamgefühle reduziere. Nur so könne der potentielle oder reale Nutzer von einer Teilnahme am Therapieprogramm überzeugt werden.

Schweigepflicht und Anonymität


Neutze hebt dabei hervor, dass die ärztliche bzw. therapeutische Schweigepflicht enorm wichtig sei. „Es ist unerlässlich, dass den Betroffenen diese zugesichert wird, weil alleine die Aufdeckung der Neigung mit zum Teil erheblichen sozialen Konsequenzen einhergehen kann“, so die Expertin. Dazu zählt sie unter anderem Arbeitsplatz- und Partnerverlust sowie den Rückzug des unterstützenden Freundeskreises. Zudem würde man Täter im Dunkelfeld sonst nicht erreichen. „Aus Furcht vor rechtlichen Konsequenzen, würden sich diejenigen, die bereits Täter geworden sind, nicht offenbaren, wenn wir den Schutz von Schweigepflicht und Anonymität nicht bieten würden“, führt Neutze weiter aus und lehnt eine Zusammenarbeit mit den Strafverfolgungsbehörden strikt ab.

„Diese Ablehnung gilt aber auch für die Teilnahme von Betroffenen, die in laufende Ermittlungen involviert sind oder Therapieauflagen erhalten haben“, ergänzt die Sexualmedizinerin. Die Erfahrung zeige, dass im sogenannten Hellfeld die Motivation zu einer Kontaktaufnahme und Therapie weniger in einer angestrebten Verhaltenskontrolle liege als vielmehr darin, Verfahrensausgang und Bewährung „günstig“ zu beeinflussen. „Der Erfolg einer präventiven Therapie im Sinne des Kinderschutzes ist bei fehlender Eigenmotivation kaum gewährleistet“, stellt sie weiter fest.

Interessant sind die Erfahrung, die man seit 2005 mit dem Präventionsprojekt Dunkelfeld gemacht hat: Die Hälfte derer, die sich seitdem gemeldet haben, hätte noch keinen Übergriff auf Kinder begangen, doch bereits über 70 Prozent hätten angegeben, bereits Kinderpornografie im Netz konsumiert zu haben. Zudem befürchteten viele Nutzer von Kinderpornografie, dass sie zukünftig über den Konsum hinaus auch Kinder selbst missbrauchen könnten, während sie mit Blick auf die Opfer ihren Konsum von Missbrauchsabbildungen im Netz in „Relation“ zum Kindesmissbrauch bagatellisierten, weniger aber mit Blick auf mögliche rechtliche Konsequenzen.

Unbegrenzte Demütigung

Zudem meinen die Forscher, die am Präventionsprojekt mitarbeiten, dass es nach derzeitigem Stand einen Unterschied zwischen sexuellen Kindesmissbrauchern und Kinderpornografienutzern gebe. Letztere seien neben einem sexuellen Interesse für Kinder eher jünger, eher ungebunden und hätten vor allem ein hohes Ausmaß an Beschäftigung mit sexuellen Inhalten. „Die Forschung steht hier aber noch am Anfang“, räumt die Psychologin ein. „Viele Erkenntnisse stammen aus der Forschung mit rechtskräftig verurteilen Tätern. Inwieweit diese Ergebnisse auf jene übertragbar sind, deren Kinderpornografiekonsum unentdeckt bleibt – und das ist die große Mehrheit – können wir derzeit nicht sagen.“

Doch sicher ist: Einstellungen wie „Kinder haben ein Recht auf Sexualität“, „Lieber Kinderpornografie nutzen, als Missbrauch begehen“ oder „Viele Kinder lebten in Armut, wenn sie keinen Sex mit Erwachsenen nutzen könnten oder Aufnahmen von sich machen lassen“ usw. sind höchst problematisch und lenken vom Missbrauchscharakter der Darstellungen ab.

Denn man muss sich immer klar vor Augen führen, was Kinderpornografie für die Missbrauchsopfer bedeutet: Für die Minderjährigen stellt die wiederholte Betrachtung  ihres Missbrauchs eine zeitlich unbegrenzte Demütigung und eine fortwährende sexuelle Ausbeutung dar.

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16.06.2012
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