Karl-Theo...

von Philipp Fleiter

Die Plagiatsaffäre lässt die Beliebtheit von Vorzeigepolitiker Karl-Theodor zu Guttenberg bröckeln. Seinen Doktortitel ist er längst los und auch der Ministerposten wackelt. dbna-Autor Philipp Fleitner wundert sich allerdings über die Aufregung. Denn viele Schwule schummeln täglich.

Guttenberg ist für Philipp Fleiter kein Einzelfall. Beim Internetdating wird auch ständig geschummelt.

Guttenberg ist für Philipp Fleiter kein Einzelfall. Beim Internetdating wird auch ständig geschummelt. Bild: Christopher Grigat

Die Plagiatsaffäre lässt die Beliebtheit von Vorzeigepolitiker Karl-Theodor zu Guttenberg bröckeln. Seinen Doktortitel ist er längst los und auch der Ministerposten wackelt. dbna-Autor Philipp Fleitner wundert sich allerdings über die Aufregung. Denn viele Schwule schummeln täglich. Ein Kommentar

Nichts erfüllt das Bedürfnis nach Schadenfreude so sehr wie eine enttarnte Lüge - von einer fetten Frau, die von ihrem Moped fällt, mal abgesehen. Was haben sich die Medien überschlagen als herauskam, dass unser Verteidigungsminister nicht nur sein Gelhaar, sondern auch seine Doktorarbeit und seinen Lebenslauf äußerst adrett frisiert hatte. Aus fremden Erkenntnissen wurde da eine Doktorarbeit zusammengezimmert und aus einem mehrwöchigen Praktikum eine berufliche Station in der Laufbahn. Alles für die große Bühne der Politik – blöd nur, wenn sowas herauskommt, dann wird der schmucke Minister schnell zur besagten fetten Frau auf dem Moped. Aber bei aller Schadenfreude: Sind wir nicht auch alle ein bisschen Karl-Theo?

Im Internet wird das häßliche Entlein zum schönen Schwan

Werfen wir doch mal einen ehrlichen Blick auf unsere Online-Profile bei diversen schwulen Datingseiten: Da ist der 1 Meter 90 Spargel mit 49 Kilogramm auf einmal athletisch, wer braucht schon Sixpack, wenn man auch Rippen zählen kann? Herren älteren Semesters verlieren im Internet auf zauberhafte Weise ein bis zwei Viertel ihrer Lebenszeit und bezeichnen sich dann trotz gemeinsamem Schulbesuch mit Jopie Heesters gerne noch als „Boy“. Bei der ersten Verabredung wird aus dem Dauerstudenten im 46. Semester, der den ganzen Tag zwischen alten Pizzakartons „World of Warcraft“ spielt, ganz schnell ein höchst intellektueller Lebenskünstler. Die Dating-Szene ist eine Welt voller Wunder.

Sein Posten wackelt: Wie lange ist Verteidigungsminister zu Guttenberg noch im Amt?

Sein Posten wackelt: Wie lange ist Verteidigungsminister zu Guttenberg noch im Amt? Bild: www.zuguttenberg.de

Mir fällt dabei eine Geschichte ein, die mir selbst vor ein paar Jahren passiert ist. Im Internet lernte ich einen überaus gutaussehenden Jungen in meinem Alter kennen, Typ junger Brad Pitt, charmant und noch viel besser: äußerst interessiert an mir. Wir schrieben hin und her, wir telefonierten und verabredeten nach kurzer Zeit ein Treffen. Ein paar Stunden vor unserer Verabredung klingelte dann mein Handy: Er müsse mir was beichten.

Auf die Schummelei folgt die Beichte - früher oder später

Obwohl ich natürlich wusste, dass Gespräche, die so anfangen, nie gut enden, hörte ich ihm zu: In Wirklichkeit wäre er 15 Jahre älter und etwa 50 Kilo schwerer als seine Internet-Identität, und die Fotos seien auch nicht von ihm (Ach nee!). Aber treffen, ja treffen würde er mich natürlich trotzdem gern, ich sei so süß und sympathisch. Dem Drang, einfach aufzulegen konnte ich dank meiner guten Erziehung gerade noch wiederstehen, also lehnte ich höflich ab.

Wenn sich Brad Pitt als Rainer Calmund entpuppt...

Daraufhin wurde er sehr böse: Wie oberflächlich ich doch wäre, wir hätten uns doch immer gut verstanden in unseren Telefonaten, wegen ein paar Kilos oder Jahren wäre er doch jetzt kein anderer Mensch. Da bin ich kurz ins Grübeln gekommen. Einem Mann, der eben nicht wie ein junger Brad Pitt sondern eher wie ein alter Rainer Calmund aussieht wirft man ja wirklich nicht ganz so schnell sein Herz zu. Aber ich finde, darum geht es gar nicht: Das Kennenlernen zwischen zwei Menschen fußt auf Vertrauen.

Natürlich stellen wir uns am Anfang in möglichst schmeichelndes Licht und zählen nicht gleich jede Leiche auf, die da bei uns im Keller liegt. Den Rest erledigt im Idealfall nachher sowieso der rosa Schleier des Verknalltseins, der sich gnädig auf jede Problemzone legt. Trotzdem: Die großen, dicken Lügen kommen am Ende sowieso raus, und legen das gerade frisch aufgebaute Vertrauen dann gleich mit in Schutt und Asche. Dann doch lieber zu dem Stehen, was man ist – ein selbstbewusstes Gesamtpaket MIT Ecken und Kanten ist allemal attraktiver als ein dauernd die Enttarnung fürchtender Lügenbaron. Die drei Kilo Differenz zwischen meinem Real- und Internetgewicht lass ich aber trotz allem stehen – ich will ja schließlich nicht Verteidigungsminister werden.

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26.02.2011  | Bild: © www.zuguttenberg.de,
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