Verpasste Augen-Blicke

Jeder hat es schon einmal erlebt und sich danach geärgert, dass man sich selber nicht getraut: Die Flirts in der U-Bahn, im Bus oder der Straßenbahn. Oliver Spinedi kennt das auch und klagt sein Leid.

Oliver Spinedi sinniert 23 Minuten lang über alltägliche Ereignissen aus dem schwulen Leben.

Oliver Spinedi sinniert 23 Minuten lang über alltägliche Ereignissen aus dem schwulen Leben. Bild: privat

7.36 Uhr - S 9 nach Berlin-Schönefeld. Ich bin wie jeden Morgen auf dem Weg zur Arbeit. Bin um 6.00 Uhr aufgestanden, habe aus meinen morgendlichen Kaffee getrunken und sitze nun in derselben S-Bahn wie die letzten acht Wochen auch. Heute Morgen passiert allerdings etwas Ungewöhnliches. Ich flirte mit jemandem, wenn man das schon so bezeichnen kann.

Ich denke, jeder hat so eine Situation schon erlebt. Man ist irgendwo, wo man am wenigsten damit rechnet und plötzlich steht er oder sie vor einem und man schaut sich an. Einfach so. Vielleicht einen Tick, einen „Augen-Blick“ zu lange, um ein belangloses Mustern vorzutäuschen. Man lächelt, schaut noch mal, schaut aus dem Fenster, schaut noch mal, ein Spiel zwischen zwei Menschen. Auf spielerische Art und Weise signalisiert das Gegenüber sein Interesse und eigentlich müsste man nur den ersten Schritt wagen und etwas sagen.

Aber was? Was sage ich bloß in so einer Situation? Eigentlich sollte es etwas Beiläufiges, Unverbindliches sein. Andererseits will ich doch möglichst originell, ja vielleicht sogar cool erscheinen. Und außerdem sollte es ja auch etwas sein, das meinem Gegenüber das Antworten leicht macht.

Bild: dbna/matthias

Aber was, wenn der Blick gar nicht so gemeint war? Wenn ich da ein Interesse hineindeute, das gar nicht vorhanden ist. Vielleicht war es einfach auch nur ein außergewöhnlich langer, aber dennoch unbedeutender Blick. In jedem Fall laufe ich Gefahr, mich komplett zum Idioten abzustempeln, im besten Fall lehnt mein Gegenüber noch dankend ab. Peinlich ist die Situation allemal. Wenn ich mir dann aber noch die Blöße gebe und offen lege „ja, ich würde dich gerne näher kennen lernen“. Nicht auszudenken.

Eigentlich schade und auch ein bisschen ärgerlich, dass die direkte Kommunikation mit einem Gegenüber so viel Schwierigkeiten bereitet. Wären wir uns in einem Chatportal begegnet, wäre die ganze Situation ganz anders verlaufen und viel schneller abgehandelt gewesen. Man hätte einfach ein paar Belanglosigkeiten ausgetauscht, witzig geschrieben und wenn die Chemie zumindest online gestimmt hätte, wäre eine Verabredung nicht ausgeschlossen gewesen. Was aber ist so schwer daran, einfach jemanden hier und jetzt nach seiner Telefonnummer zu fragen oder meine ganz unverbindlich herauszugeben. Bin ich dazu nicht mehr in der Lage, weil ich die meiste Zeit des Tages per PC kommuniziere?

7.59 Uhr - S 9 nach Berlin-Schönefeld. Ich verlasse den Ort des Geschehens, steige aus und nehme mir fest vor: das nächste Mal sage ich etwas. Einfach irgendetwas. Dann hätte ich es wenigstens versucht. Da bin mir sicher... bis zum nächsten Mal. Unsere Blicke tauschen sich im Vorbeifahren noch einmal aus. Einfach so. Naja, vielleicht einen Tick, einen „Augen-Blick“ zu lange.

Dieser Text erscheint in Kooperation mit der Zeitschrift
"out!" des schwul-lesbischen Jugendnetzwerks Lambda e.V.


Meinungsbeitrag: Der Inhalt spiegelt nicht zwangsläufig die Meinung der Redaktion wider.

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11.09.2010  | Bild: © privat, fotolia
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