Autobahn geht gar nicht!
Neulich war ich mit einem Freund im Kaufhaus. Er wollte sich irgendwas zum Anziehen besorgen. Da ertönt plötzlich eine Stimme über die Lautsprecher – und wenn ich es richtig verstanden habe, dann sagte sie: „Frau Hitler, bitte19!“
Lieber Patrick,diesmal beschäftigt mich ein heikles Thema. Schon manch einer hat sich ins Abseits geschossen, weil er etwas Unbedachtes ausgesprochen hat. Es geht um die Nazis.
Neulich war ich mit einem Freund im Kaufhaus. Er wollte sich irgendwas zum Anziehen besorgen. Da ertönt plötzlich eine Stimme über die Lautsprecher – und wenn ich es richtig verstanden habe, dann sagte sie: „Frau Hitler, bitte19!“ Nun sind diese Kaufhausanlagen nicht so modern, dass man alles glasklar verstehen kann. Die Frau könnte auch durchaus Mittler oder so geheißen haben. Aber im ersten Moment war es schon seltsam. Glücklicherweise lautete die Ansage nicht „Frau Hitler, bitte 88!“.
Ist es nicht seltsam, dass ein Nachname allein so schockieren kann? Hitler – dieser Name ist wohl auf ewig gebrandmarkt. Gibt es heute noch Menschen, die Hitler heißen? Wenn ja, dann sind es sicherlich nicht viele. Man stelle sich mal vor, Adolf hätte mit Nachnamen Müller oder Schmidt geheißen. Einer der gebräuchlichsten deutschen Namen – und dann sowas.
Es ist schon ein paar Jahre her, ich ging zur Schule und wir brauchten noch einen pfiffigen Spruch für unsere Abitur-Shirts. Es waren einige nette Ideen dabei: Abigasmus – 13 Jahre bis zum Höhepunkt. Oder auch: Uns gibt’s nur einmal, wir kommen nie wieder! Eine der witzigsten Ideen hatte uns ein früherer Jahrgang schon vorweg genommen. Deren Jahrgangsstufenleiter hieß Meise, der Schuldirektor hieß Adler. Auf ihren Shirts war dann der Spruch zu lesen: Dank Adler und Meise mit Vögeln zum Abitur.
Einer von uns kam nun auf die Idee: Abi macht frei – in Anlehnung an die über den Arbeitslagern angebrachten Sprüche der Nazis „Arbeit macht frei“. Schnell war die Schule in heller Aufruhr. Wir hatten gar nicht ernsthaft vor, den Spruch zu nehmen – er war nur Ergebnis eines Brainstormings. Und er wurde von der Allgemeinheit als geschmacklos angesehen. Irgendwie aber hatte die Schulleitung Wind davon bekommen und drohte sofort mit Konsequenzen.
Ein GAU in der Politik ist der Hitler-Vergleich. Schäuble hat ihn gebracht, die frühere Justizministerin Däubler-Gmelin hat ihn gebracht (und musste dann ihr Amt niederlegen) – es gibt wohl keine schlimmere Kritik, als die Methoden oder das Verhalten eines Menschen mit dem von Hitler auf eine Ebene zu stellen. Vielleicht erinnert sich der eine oder andere auch an den Auftritt von Eva Hermann bei Johannes B. Kerner, in dessen Verlauf der Satz „Autobahn geht gar nicht“ beinahe zum geflügelten Wort wurde.
Es gibt noch eine Vielzahl an Beispielen. Ich denke, eines ist klar geworden: Die Nazi-Diktatur hatte nicht zuletzt große Auswirkungen auf unseren heutigen Sprachgebrauch. Es gibt eine große Sensibilität, wenn es um Begriffe oder Namen aus dem großen Spektrum Nationalsozialismus geht. Hitler, Göbbels, Göring – mit dem Namen möchte man nicht im Wartezimmer aufgerufen werden. Mit Begriffen wie Endlösung oder der Erwähnung des tausendjährigen Reiches ist einem auf einer Party die Aufmerksamkeit aller sicher – wenn man nur laut genug spricht.Ich bin gespannt, wie das in der Zukunft weitergehen wird. Auch wenn ich mir ein langes Leben wünsche, aber ich denke, ich werde es nicht mehr erleben, dass Adolf wieder ein gebräuchlicher Jungenname in unserem Vaterland wird. Und eigentlich will ich das auch nicht erleben.
Tausend Grüße,
Christoph
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