Ringelpietz mit Anfassen
Ach, was soll ich denn nur machen? Ich will nicht normal sein. Bin ich denn normal? Matthias, du kennst mich doch, sag’s mir. Kann ein normaler Mensch überhaupt seine Zeit darauf verwenden, solche Briefe zu schreiben?
Männlichkeit, Weiblichkeit. Das sind doch Konzepte, die längst überholt
sind. Die Jungs spielen im Kindergarten mit Puppen, die Mädels bauen
sich aus Toilettenpapierrollen Waffen und spielen Erschießen. Frauen
spielen Fußball, Männer machen Ballett. Und die müssen dann sogar nicht
einmal gleich lesbisch oder schwul sein. Und überhaupt, wer will denn
schon so sein, wie sich die Mehrheit einen Mann vorstellt? Normalität
ist zum Kotzen. Wir müssen endlich raus aus der Zwangsjacke der
Allgemeinheit. Und dazu stehen, anders zu sein. Wir müssen unsere Hemden auf links tragen. Wir müssen Biene-Maja-Poster
über unsere Betten hängen. Wir müssen mitten in der Vorlesung einen
Lachanfall bekommen. Wir müssen im Eiscafé nach einem Schinkenbrötchen
fragen. Wir müssen billige Pornozeitschriften kaufen und sie dann in
der U-Bahn lesen. Und liegen lassen.Dieser ganze Einheitsbrei, das ist doch echt nicht zum Aushalten. Alle schauen um 20 Uhr die Tagesschau, alle meckern über Schröder und Fischer, alle trinken morgens Kaffee. Matthias, bitte, lass uns gegen den Strom schwimmen. Wenn ich das nächste Mal Sex habe, dann wird das kein Blümchensex, oh nein. Ich will alles. Lack, Leder, Lasso um den Hals. Ich will mit Rosenstängeln ausgepeitscht werden, während mir Zitronensaft auf die Netzhaut tropft. Natürlich bin ich gefesselt, am Stromkasten vor dem ALDI. Drei Pudel lecken mir Hühnerbouillon von den Fußsohlen. Mein Partner setzt meine Boxershorts in Flammen, während er eine Mini-Gasmaske über seinem Gemächt anbringt. Genau so will ich es. Es lebe der Anti-Blümchensex.
Und wenn ich das nächste Mal meine Oma besuche, dann werde ich mein T-Shirt aufreißen wie ein Superheld und ihr mein selbst erstelltes Bodypainting zeigen. Wenn sie mich fragt, ob ich schon gegessen habe, kneife ich ihr in den Bauchnabel. Und zum Abschied hinterlasse ich eine Nutella-Nachricht am Badezimmerspiegel: „Es lebe der Konsum.“ Ach ja, und mein nächster G
rillabend wird auch anders ausfallen, als man sich
das vielleicht vorstellt. Wir grillen kein Fleisch, sondern machen nur
die Saucen über dem offenen Feuer heiß. Dazu gibt es Ahoj-Brause in
rauen Mengen und in allen Geschmacksrichtungen. Die anwesenden Mädels
werden dazu verdonnert, alleine auf die Toilette zu gehen. Jeweils zwei
Jungs werden jedoch mit Fußschellen aneinandergekettet. Wir lassen den
Abend bei einem gepflegten TKKG-Hörspiel ausklingen, bei dem wir alle
die Titelmelodie mitgrölen. Du bist übrigens herzlich eingeladen. Also, was hältst du davon? Ist doch alles nicht normal, oder? Soll es ja auch nicht. Aber ich glaube, auf Dauer kann es ganz schön anstrengend sein, immer besonders unnormal sein zu wollen.
Ach Mann, was soll ich denn nur machen? Ich will nicht normal sein. Bin ich denn normal? Matthias, du kennst mich doch, sag’s mir. Kann ein normaler Mensch überhaupt seine Zeit darauf verwenden, solche Briefe zu schreiben? Verzweiflung.
Für das nächste Mal habe ich noch eine Hausaufgabe für dich, mein Lieber. Wenn du dir einen Studiengang kneten könntest, wie würde der aussehen? Du darfst sämtliche Farben verwenden. Aber nimm keine richtige Knete, sondern einen Hefeteig, den du mit Lebensmittelfarbe vermengst – rot, grün, gelb, blau. Dann können wir hinterher bei einem Glas O-Saft-Schorle deinen Studiengang gemeinsam aufessen.
Pass gut auf dich auf! Und bleib’ unnormal.





