Zensiert!
Vor etwa einem Jahr ging eine neue Website online: "Mit Vielfalt umgehen" lautete das Motto des Portals, das sich an LehrerInnen und ErzieherInnen richtete und ihnen Informationen, praktische Anregungen und Unterrichtsmaterialien zum Umgang mit homosexuellen Jugendlichen z.B. in Schulklassen bot. Dazu passend gab es ein 115-seitiges Lehrerhandbuch, erarbeitet und finanziert im Auftrag der Europäischen Union. Die damalige SPD-geführte Landesregierung von Nordrhein-Westfalen hatte das Projekt als fördernswert befunden und die Herausgabe übernommen. Schließlich gibt es zum Thema schwule und lesbische Jugendliche kaum verfügbare Unterrichtsmaterialien und gerade in diesem Bereich wird Toleranz oft nicht gerade gefördert.
Nun wurde die alte NRW-Regierung im Mai abgewählt. Und seit dem Amtsantritt er neuen, CDU-geführten Landesregierung ist das Projekt gestoppt: Gibt man die URL der Website ein, http://www.diversity-in-europe.org/, wird man mit den Worten "Die
Website wird zur Zeit aktualisiert" vertröstet und auch die Auslieferung des Lehrerhandbuchs wurde gestoppt. Die rund 2500 noch eingelagerten Exemplare sollen zwar nicht eingestampft werden, aber nur mit einer ausdrücklichen Distanzierung des Ministeriums in Umlauf geraten:
Die neue NRW-Landesregierung möchte klar machen, dass sie sich "einige der Bewertungen des Buches nicht zu eigen macht". Als besonders anströßig befand das zuständige Ministerium Passagen, in denen es hieß, es sei ganz normal, schwul oder lesbisch zu sein. Denn im Umkehrschluss hieße das doch, dass Heterosexualität nicht normal wäre, so eine Sprecherin. Deshalb soll jedem Exemplar des Buches ein einseitiges Merkblatt beigelegt werden.
Sowohl der Lesben- und Schwulenverband Deutschland (LSVD) als auch Bündnis '90/Die Grünen sehen darin einen Fall von Zensur. Und abgesehen davon, dass dadurch eine der ganz wenigen Möglichkeiten, Unterrichtsmaterial zum Thema "Homosexualität bei Jugendlichen" zu beschaffen, blockiert wird, könnte sich Deutschland damit innerhalb der europäischen Union ganz deutlich blamieren - die Website ist nämlich auch in ihrer englischen, französischen und niederländischen Version nicht mehr direkt zugänglich.
Links zum Artikel
Web: Vorschaltseite zu "Diversity in Europe"»Web: Direktlink zu den blockierten Inhalten»
Quelle: Frankfurter Rundschau #181




