"Ein öffentliches Coming-out ist sehr schwierig"

Fabian Schäfer Von Fabian Schäfer
Vor 18 Jahren hat Andrij Maymulakhin die Organisation "Nash Mir" gegründet.
© Nash Mir

Der ukrainische LGBTIQ*-Aktivist Andrij Maymulakhin sprach mit dbna über das Leben von jungen Schwulen und Bisexuellen. Er erzählt, warum er vorsichtig optimistisch in die Zukunft blickt.

An seinem 47. Geburtstag ist der LGBTIQ*-Aktivist Andrij Maymulakhin aus der Ukraine zu Besuch in Köln, um auf Einladung von Amnesty International über die Lage für queere Menschen in seiner Heimat zu erzählen.

Als erster post-sowjetischer Staat hat die Ukraine Homosexualität bereits 1991 legalisiert. Andrij Maymulakhin hat sieben Jahre später, 1998, die LGBTIQ*-Organisation „Nash Mir“ („Unsere Welt“) gegründet. Seitdem setzt er sich für die Rechte von queeren Menschen ein.

Mit Erfolg: Im Jahr 2013 konnte ein Anti-Propaganda-Gesetz nach russischem Vorbild im Parlament gestoppt werden. Damals haben auch internationale Organisationen geholfen. Zuletzt wurde 2015 ein Gesetz verabschiedet, das die Diskriminierung aufgrund von sexueller Orientierung oder Geschlechtsidentität am Arbeitsplatz verbietet. Mit dbna sprach Andrij Maymulakhin über das Leben von jungen Schwulen und Bisexuellen in der Ukraine.

Andrij, ist Homosexualität in der Schule ein Thema?

Leider nicht. Wir haben sehr große Probleme, was die Sexualaufklärung angeht. In der Schule geht es da immer noch sehr religiös zu. Und wir als Organisation Nash Mir dürfen auch nicht in die Schulen gehen, das ist uns verboten. Aber bei einer LGBTI-Konferenz im März waren viele Teenager aus höheren Schulen dabei. Das heißt, auch dort besteht Interesse an unseren Themen. Aber ja, es sollte mehr Informationen über Homosexualität an den Schulen geben.

Wo informieren sich Jugendliche dann, wenn sie glauben, dass sie schwul oder bi sind?

Natürlich im Internet. Das gab es ja nicht, als ich jung war. Es gab fast keine Informationen darüber. Das größte Problem war, mich selbst zu verstehen. Jetzt gibt es ja viele Informationen im Internet. Und wir haben sieben Begegnungsstätten, wo wir merken, dass es den jungen Menschen viel leichter fällt, ihre Homosexualität zu akzeptieren. Und: Unsere Community ist sehr jung. Die meisten sind zwischen 18 und 30, da bin ich schon der Älteste (lacht).

Stehen viele Jugendliche öffentlich zu ihrer Homosexualität?

Es fällt ihnen zwar leichter als früher, sich zu akzeptieren. In den großen Städten ist das einfacher, aber generell ist ein öffentliches Coming-out sehr schwierig. Da herrschen auch noch viele Klischees in der Gesellschaft vor. Deshalb ziehen viele auch in die Städte, vor allem nach Kiew. 80 Prozent meiner Freunde in Kiew kommen nicht ursprünglich von dort.

Wie schaust du in die Zukunft?

Ich bin vorsichtig optimistisch. In einem Jahrzehnt – oder zwei – wird die Ukraine ein viel liberaleres Land sein. Mehr oder weniger so wie in Westeuropa.

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Artikel veröffentlicht: 04.11.2016