Taiwan: Massenproteste für Eheöffnung

Von Henning Könitz
Eine Viertelmillion Menschen demonstriert für die Eheöffnung.
© J. Michael Cole

Taiwan könnte der erste asiatische Staat sein, der die Ehe für Homosexuelle öffnet. Schon seit Jahren stehen sich in Taiwan Befürworter und Gegner der Ehe für alle gegenüber. Am Wochenende protestierten 250.000 Menschen für Gleichstellung.

Taiwan steht womöglich vor der Öffnung der Ehe für Homosexuelle. Damit wäre das Land das erste in Asien, in dem Schwule und Lesben heiraten können. Am 8. November haben bereits zwei entsprechende Gesetzentwürfe in einem ersten Schritt das Parlament erfolgreich passiert, das Ergebnis der Diskussion in zwei Unterausschüssen steht jedoch noch aus. Am 26. Dezember will das Parlament darüber beraten.

Die seit Mai 2016 amtierende Präsidentin Tsai Ing-wen von der Demokratischen Fortschrittspartei (DPP) hatte die Gleichstellung der Ehe zu einem Teil ihres Wahlkampfes gemacht. Auch die Mehrheit der Abgeordneten des Parlaments spricht sich dafür aus.

Gewalt gegen LGBTIQ*-Aktivisten bei einer Demo

Allerdings ruderte die Regierung zuletzt zurück. Deshalb haben am Samstag rund 250.000 Menschen vor dem Regierungssitz der Präsidentin in Taipeh demonstriert. Ihre Botschaft: „Die Ehe-Gleichstellung ist ein Menschenrecht.” Weltweit wird am 10. Dezember der Tag der Menschenrechte gefeiert.

Dass die Regierung mit der Eheöffnung zögert, liegt an der großen Gruppe der Gegner: Nach Schätzungen haben allein bei einer Massendemo Ende November 100.000 Menschen gegen eine Ehe für alle protestiert. Dabei kam es auch zu gewalttätigen Übergriffen gegen LGBTIQ*-Aktivisten. Die Gegner sind zumeist evangelikale Christen.

© J. Michael Cole
Die Menschen fordern vor dem Regierungssitz von Präsidentin Tsai Ing-wen die Öffnung der Ehe für Homosexuelle.

Die Menschen fordern vor dem Regierungssitz von Präsidentin Tsai Ing-wen die Öffnung der Ehe für Homosexuelle.

Hoffnung auf volle Gleichstellung

Direkt schwulenfeindliche Aussagen hört man dieses Jahr zwar nicht mehr, die Position jedoch bleibt dieselbe: Die Ehe für homosexuelle Paare gefährde die traditionelle Ehe zwischen Mann und Frau und übe schädlichen Einfluss auf die Kinder aus. Die Gegner fordern zudem eine Volksabstimmung über die Eheöffnung. Als Kompromiss hat der Fraktionschef der DPP, Ker Chien-ming, eine eingetragene Lebenspartnerschaft vorgeschlagen.

Die LGBTIQ*-Community hofft jedoch, dass das Gesetz, das die Ehe auf Mann und Frau begrenzt, nicht nur um ein Lebenspartnerschaftsgesetz für Homosexuelle ergänzt, sondern komplett überarbeitet wird. Ein Verfassungszusatz wäre wieder diskriminierend.

Großer Rückhalt in der Bevölkerung für Eheöffnung


Durch eine echte Öffnung der Ehe hingegen könnten homosexuelle Paare beispielsweise gemeinsam Kinder adoptieren, Besitz vererben sowie ihren Lebenspartner im Krankenhaus besuchen.

In Taiwan hat die Gleichstellung der Ehe für homosexuelle Paare in der Bevölkerung großen Rückhalt: Über 50 Prozent der Menschen sind laut Meinungsumfragen für eine Öffnung der Ehe für Homosexuelle. Das zeigt sich auch in Werbungen, in denen Schwule vorkommen, wie etwa bei einem Spot von McDonald's (dbna berichtete).

Diese homofreundliche Einstellung spiegelt auch der jährliche Pride wider: Mit 80.000 Besuchern ist er der größte in ganz Asien. Jetzt könnte Taiwan das erste Land des Kontinents werden, das Homosexuelle heiraten lässt – und damit eine Vorreiterrolle in Asien einnehmen. 

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Artikel veröffentlicht: 11.12.2016