Toleranz in Deutschland: Auf den ersten Blick hoch

Fabian Schäfer Von Fabian Schäfer

Die Umfrage der Antidiskriminierungsstelle zeigt, dass die deutsche Bevölkerung Homo- und Bisexuellen erst einmal aufgeschlossen gegenübersteht. Die Details zeigen jedoch: Die Toleranz hat Grenzen.

Händchen haltende Männer, sich küssende Frauen: In Großstädten gehört das zum Alltag, auf dem Land sind Schwule und Lesben weniger sichtbar. Was in den Köpfen der Menschen vor sich geht, bleibt dennoch unklar.

Deshalb hat die Antidiskriminierungsstelle des Bundes (ADS) am Donnerstag eine repräsentative Umfrage vorgestellt. Darin wurde gefragt, wie die deutsche Bevölkerung gegenüber Homo- und Bisexuellen eingestellt ist.

Forderung nach Gleichstellung

Auf den ersten Blick klingt das Ergebnis überragend: 83 Prozent stimmen der Aussage „Ehen zwischen zwei Frauen bzw. zwei Männern sollten erlaubt sein" zu. Dreiviertel der Befragten finden, dass Schwulen und Lesben die Adoption offenstehen sollte. Dem muss die Politik folgen, fordert die Leiterin der ADS, Christine Lüders.

"Der Gesetzgeber darf nicht länger hinauszögern, was eine Mehrheit längst für selbstverständlich hält. Wir brauchen eine Öffnung der Ehe für gleichgeschlechtliche Paare und die vollständige rechtliche Gleichstellung, auch bei der Adoption“, sagte sie bei der Vorstellung der Studie in Berlin.

38 Prozent finden schwule Zärtlichkeiten „sehr“ oder „eher unangenehm“

Sonderregelungen wie die eingetragene Lebenspartnerschaft würden von den meisten Menschen zurecht als benachteiligend empfunden, ergänzte sie. Deutschland solle nicht zum Schlusslicht in Europa werden, wo Schwule und Lesben in 14 Ländern bereits heiraten dürfen, sagte sie in der Tagesschau.

Wer die Umfrage genauer betrachtet, der merkt, dass die Toleranz jedoch oft an Grenzen stößt. So empfinden es 38 Prozent der Befragten als "sehr" oder "eher unangenehm", wenn zwei Männer in der Öffentlichkeit ihre Zuneigung zeigten.

Kein Problem mit homosexuellen Kollegen

18 Prozent – das ist fast jeder Fünfte! – halten Homosexualität sogar für "unnatürlich". Das deckt sich zwar nicht mit einer Untersuchung vom vergangenen Juni, laut der 40 Prozent der Deutschen es „ekelhaft“ finden, wenn Schwule sich küssen (dbna berichtete), ist aber dennoch eine hohe Zahl.

© ADS
Die Leiterin der Antidiskriminierungsstelle, Christine Lüders.

Die Leiterin der Antidiskriminierungsstelle, Christine Lüders.


Außerdem zeigt die Studie einmal mehr, dass viele Menschen die Eheöffnung auf einer abstrakten Ebene befürworten. Auch mit homosexuellen Kollegen haben wenige ein Problem: 11,8 Prozent empfinden eine lesbische Kollegin als "sehr" oder "eher" unangenehm, 12,6 Prozent denken über einen schwulen Kollegen so.

2017: Themenjahr „Gleiches Recht für gleiche Liebe“

Wenn Homosexualität sie jedoch persönlich betrifft, ist die Ablehnung deutlich größer. So geben 39,8 Prozent der Befragten an, dass es ihnen "sehr" oder "eher unangenehm" wäre zu erfahren, dass die eigene Tochter lesbisch ist; 40,8 Prozent, wenn der eigene Sohn schwul ist.

Der LSVD fordert deshalb eine breitere Behandlung des Themas von frühester Kindheit an. Man sei „überzeugt, dass Kindergarten und Schule wichtige Orte sind, gesellschaftliche Vielfalt und individuelle Wertschätzung aktiv zu lernen und zu leben“, heißt es in einer Pressemitteilung.

Auch die ADS sieht Handlungsbedarf: „Hier muss der Staat etwas tun. Gut wäre es, wenn die Politik die rechtliche Gleichsetzung durchsetzt, denn dann wird alles als ganz normal gesehen – Vielfalt so zu leben, wie sie auch ist“, sagte Christine Lüders. Die ADS hat 2017 zum Themenjahr „Gleiches Recht für gleiche Liebe“ ausgerufen. Die vorgestellte Umfrage ist dazu der Auftakt.

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Artikel veröffentlicht: 12.01.2017