Mein bester Freund

Marcel war 15 Jahre alt, als er sich bis über beide Ohren in seinen besten Freund Tobias verliebte. Aus dieser Liebelei wurde leider nichts, trotzdem half sie Marcel dabei, sich selbst und das große Glück zu finden.

Marcel (21) erzählt: Alles fing an, als ich 15 Jahre alt war. Da bemerkte ich langsam, dass ich irgendwie anders bin als meine Freunde. Meine Schwester und einige Freunde von mir haben mir schon oft unterstellt, dass ich schwul sei. Aber ich habe diese Unterstellungen nie ernst genommen, solche Sprüche hört man schließlich öfter.

In einem Punkt aber hatten sie Recht. Ich habe nie an Mädchen gedacht und mich somit auch nie in ein Mädchen verliebt. Zu dieser Zeit war ich vielmehr damit beschäftigt, etwas mit meinem besten Freund Tobias zu machen. Wir waren schon sehr lange befreundet und von einem auf den anderen Tag hatte ich immer ein Kribbeln im Bauch, wenn wir verabredet waren oder ich nur in seiner Nähe war.

Ich wusste zuerst nicht, warum das so war - bis ich mich immer wieder dabei ertappte, dass ich ihn anstarrte wenn er sich in meiner Anwesenheit umzog oder wusch. Langsam wurde mir klar, dass ich verliebt war in meinen besten Freund.

Eigentlich haben wir jeden Tag gemeinsam etwas unternommen und eines Tages fragte er mich, ob ich am Wochenende bei ihm schlafen wolle. Am Tag darauf hatte er ein Fußballspiel, zu dem ich mitkommen wollte, also sagte ich "Ja". Seine Frage kam mir vor wie ein Sechser im Lotto.

Am Wochenende fuhr ich dann zu ihm, gemeinsam wollten wir zwei DVDs schauen. Wir haben es uns auf seinem Bett bequem gemacht und schauten die Filme. Es war Sommer und schon den ganzen Tag über sehr heiß, in seinem Zimmer herrschte eine Bullenhitze. Tobias zog sich sein Shirt und seine Hose aus und legte sich nur mit Shorts bekleidet neben mich. Er legte sich so dicht neben mich, dass mein Arm seinen Arm berührte. Ich selbst wollte mein Shirt nicht ausziehen, ich hatte Angst vor einer Erektion.

Aber ewig ging das so nicht. Nach einer Weile zog auch ich mein Shirt aus. "Sexy, sexy", sagte Tobias und lächelte mich an. Wenig später zog auch ich meine Hose aus, wir lagen also beide nur in Shorts bekleidet in seinem Bett, dicht nebeneinander. Passiert war nichts, als wir gegen Mitternacht den Fernseher ausmachten und uns Schlafen legten. Er schlief eher ein als ich, so hatte ich noch Zeit, ihn beim Schlafen zu beobachten.

Am nächsten Morgen wachte ich vor Tobias auf. Er hatte seinen Arm um mich gelegt in der nacht und sei Oberkörper lag auf mir. Es war ein total schönes Gefühl, und als er aufwachte, legte er seinen Kopf auf meine Brust. Ob er vielleicht doch schwul ist? Er, der Frauenschwarm des Dorfs?

Nein, er ist es nicht. Wir standen auf und gingen zum Fußballspiel, danach verloren wir uns mehr und mehr aus den Augen. Es war wohl freundschaftliche Zuneigung, mehr nicht.

Um die Frustration ein wenig zu betäuben, fing ich Beziehungen mit einigen Mädchen an - ich konnte nicht akzeptieren, dass ich schwul bin. Ich wollte es nicht wahrhaben und hatte Angst davor, dass dadurch noch mehr Freundschaften kaputt gehen.

Es dauerte weitere zwei Jahre, bis ich mir eingestanden habe, schwul zu sein. Outen wollte ich mich aber nicht, ich hatte Angst vor den Reaktionen. Also tummelte ich mich anonym im Internet herum und lernte dort einen Jungen kennen, mit dem ich mich wenig später traf. Da war ich bereits 19 Jahre alt, der Junge kam aus meiner Gegend und wir verstanden uns prima. Bei einem DVD-Abend haben wir uns angeguckt und er fragte, ob er mich küssen darf. Natürlich habe ich ihm das erlaubt, und so saßen wir eine halbe Ewigkeit knutschend in meinem Zimmer. Am selben Abend hatte ich zum ersten Mal Sex mit einem Jungen und es war besser, als ich es mir je hätte vorstellen können.

Wir waren insgesamt acht Monate zusammen, sehr glücklich zusammen, als er einen Ausbildungsplatz in München bekam. Dieser Ausbildungsplatz war sein größter Traum gewesen, also mussten wir die Beziehung beenden.

Heute bin ich 21 Jahre alt und vor einem halben Jahr habe ich mich bei meinen Freunden und bei meiner Familie geoutet. Probleme gab es keine, ganz im Gegenteil. Mir geht es viel besser und mit meinen Freunden komme ich heute sogar noch besser klar, als es früher der Fall war. Meine Sorgen waren also total unbegründet. Deshalb rate ich euch: Nehmt all euren Mut zusammen und sagt es einfach. Hätte ich mich eher getraut, dann hätte ich meine Freunde und meine Familie nicht so lange "anlügen" müssen und ich hätte mich nicht verstecken müssen.


 Bild: © Anna Chelnokova - Fotolia.com
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