Einschneidende Erlebnisse

„Am wichtigsten war mir, mein Blut zu sehen. Der Schmerz war fast nebensächlich.“ Dominik und Linda sprechen darüber, wie Rasierklingen ihr Leben begleiteten.

Von Roland Weißegger
„… ob es sinnvoll war? Zumindest hat es lange Zeit seinen ‚Zweck‘ erfüllt, mir geholfen, wieder einen klaren Kopf zu bekommen. Ich habe lange gebraucht, um zu erkennen, dass es nicht der richtige Weg ist.“ Wir sitzen in einem Kaffeehaus in Wien, ein wenig abseits von den anderen Gästen, und sprechen über die Vergangenheit der 21-jährigen Linda* als Ritzerin. Eine Vergangenheit, die sie wohl nie ganz ablegen wird können; immer noch hat sie stets Rasierklingen zuhause, „nur für den Fall“. Vor sieben Jahren hat sie angefangen, mit vierzehn, mit dem Armband einer Uhr hat sie auf ihre Oberschenkel eingeschlagen, um mit ihren Emotionen fertigzuwerden.

Auch Dominik* ist 21, er drückte sich mit 16 zum ersten Mal sein Taschenmesser ins Fleisch: „Meine Mutter fragt mich immer wieder, was die Narbe soll.“ Ein Jahr lang schnitt er sich immer wieder Wunden in den Unterarm und ins Handgelenk, es war sein „dunkles Geheimnis“, etwas, wovon niemand etwas erfahren sollte, etwas, was nur ihm ganz allein gehörte.

Unverständnis

Die Möglichkeiten, sich selbst Schmerz zuzufügen, sind vielfältig; sie reichen vom Schlagen des Kopfes gegen eine Wand bis zum Verätzen des Körpers durch Chemikalien. Am häufigsten jedoch ist jene Form des selbstverletzenden Verhaltens, die man allgemein unter dem Ausdruck Ritzen kennt. Oft nehmen Eltern, Angehörige und Freunde es nicht ernst, wenn ein Jugendlicher sich absichtlich selbst verletzt. Als „pubertäres Getue“ wird das dann bezeichnet, „Anderen geht’s noch viel schlechter als dir!“ heißt es, oder: „Wie kannst du mir das antun?“

Oft wird den Ritzern vorgeworfen, dass sie nur Aufmerksamkeit wollen, dass sie gar nicht daran dächten, was sie ihren Eltern damit antun würden. Aber Linda und Dominik wissen es besser: Sie schämten sich für ihre Narben, versteckten sie vor anderen. Sie wollten damit nicht nach Mitleid heischen oder gar ihren Eltern überdeutlich zeigen, was die alles falsch gemacht hätten. Ihnen beiden war vor allem wichtig, das Blut zu sehen, den Schmerz zu fühlen. Das lenkte sie von tatsächlichen Problemen ab.


Hintergründe

„Es ist ein Irrglaube, dass man sich nur bei negativen Gefühlen ritzt“, erklärt Linda. Höhepunkte gab es immer dann, wenn sie sich mit besonders intensiven Emotionen konfrontiert sah, egal, ob es sich nun um besonderes Glück oder besondere Trauer handelte. Ihre Mutter hatte es ihr immer übel genommen, wenn Linda „einen schlechten Tag“ hatte, deswegen versuchte sie, ihre Empfindungen unter Kontrolle zu bekommen. Immer wieder erntet sie entsetzte Blicke, wenn Fremde ihre Narben sehen. „Als ich noch Ritzerin war, hab ich noch nicht so weit gedacht“, meint sie, „jeder, der die Narben sieht, weiß sofort etwas über mich“ – oder glaubt zumindest, etwas zu wissen; sogar in der U-Bahn wurde sie angesprochen deswegen.

Oft entwickelt man eine psychische Abhängigkeit, muss immer tiefer schneiden, um den Schmerz zu spüren, will immer mehr von seinem eigenen Blut sehen. Dominik griff ein Jahr, nachdem er eigentlich aufgehört hatte, erneut zur Rasierklinge; er wollte damit Liebeskummer bewältigen. Aber er weiß, dass es nicht hilft: „Vielleicht fühlt man sich kurz erleichtert, aber danach fängt alles von vorne an.“ Auch heute denkt er immer wieder daran, wie es wohl wäre, sich ins Fleisch zu schneiden, weiß aber mittlerweile, dass man seine Probleme damit nur aufschiebt.

Hilfe bieten

Seine Freunde hatten damals herausgefunden, dass er sich ritzt. Sie hätten schockiert reagiert, meint er, hätten auch versucht, ihm zu helfen, so weit ihnen das möglich gewesen sei. Auch Linda weiß, dass es für Angehörige und Freunde oft sehr schwierig sein kann, sich richtig zu verhalten. „Oft wollen die Leute dir gute Ratschläge geben“, erzählt sie, „aber das bringt nichts. Vielleicht versuchen sie dann, dich zu manipulieren, indem sie dir Vorwürfe und ein schlechtes Gewissen machen; das verleitet den Ritzer aber oft nur noch zu mehr.“ Man solle sich vor allem bemühen, sich selbst nicht von der Traurigkeit anstecken zu lassen, und sich nicht wundern, wenn der Ritzer lügt oder auch ausfallend wird. Und sich auch nicht übermäßig mitleidsvoll geben, einfach nur durch stille Gesten zu verstehen geben, dass man da ist, oder vielleicht einmal neutral fragen, warum das Gegenüber sich ritze.

Natürlich habe Linda gewusst, dass es Beratungsstellen gibt, aber: „Das Ritzen schien mir so effizient zu sein, ich sah keinen Grund, daran etwas zu ändern.“ Vor zweieinhalb Jahren hat sie schließlich doch eine Therapie begonnen, gegen den Widerstand ihrer Eltern; die bezahlen die Sitzungen zwar, wollen aber immer noch nicht wahrhaben, dass ihr etwas fehlt. Mittlerweile hat auch sie gelernt, dass das Ritzen ihr nicht helfen kann. Von der Behauptung, dass das Ritzen eine Modeerscheinung sei, will Linda nichts wissen: „Wenn ein Mensch sich selbst verletzt, dann hat er ein Problem. Und jeder, der das nicht ernstnimmt, verhält sich völlig unverantwortlich!“ Die Narben werden zwar irgendwann verheilen, aber vergessen werden Linda und Dominik sie wohl niemals.

* Namen von der Redaktion geändert

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Artikel veröffentlicht: 28.04.2008
Bildquellen: Laura Mercedes Pöll, Roland Weißegger