Interview mit Mirco
Was geht in einem vor, wenn man erfährt, dass man infiziert ist? dbna sprach in gemütlicher Atmosphäre mit dem 22 jährigen Mirco, der vor einem Jahr durch einen Routine-Test erfahren hat, dass er HIV-positiv ist und sich heute mutig dazu bekennt.

Nach so einem Routine Test muss man ja immer zwei Wochen warten, bis man Gewissheit erhält. Das ist aufreibend und fördert natürlich schnell eine leichte Nervosität. Als mich der Arzt auf diese besondere Art anguckte und fragte, was ich denn denken würde, wie mein Testergebnis aussehen würde, dachte ich nur: Nein, dass kann nicht sein. Ich hatte bis dato ja immer in einer festen Beziehung gelebt.
Das musste doch ein Irrtum sein. Die mussten die Blutproben vertauscht haben, oder so etwas. Als er dann tatsächlich aussprach, was ich nicht zu denken wagte, insgeheim aber ahnte, fiel ich wie aus allen Wolken. Ich glaube, dass ist so eine Ausnahmesituation von der jeder mal gehört hat und die jeder irgendwo fürchtet, kaum einer aber je erlebt hat. Ich war fassungslos, sah in einem Sekundenbruchteil mein ganzes Leben an mir vorbeiziehen. Ich dachte nur, jetzt ist alles vorbei. Ich hatte Angst, Panik, Todesangst.
Hinzu kam auch, dass ich Aids Kranken bisher immer versucht hatte aus dem Wege zu gehen, sie auch in der Szene immer so gut es ebend ging, meidete. Ich dachte nur, jetzt bist du in der gleichen Situation. Niemand wird dich mehr anfassen, niemand wird dich mehr angucken, jetzt bleibst du allein, vielleicht bis das du stirbst. Diese Gedanken sind natürlich alle extrem, aber ich begriff ja erst später, dass ich garnicht in diesem Sinne Aids hatte, sondern nur einen Virus, der erst, sobald er anfängt zu arbeiten mein Immunsystem lahmlegen kann, dies aber nicht muss. Das haben die Ärzte mir erst nach einem weiteren, zweiten Test, erklärt, den ich der Kontrolle wegen gemacht habe.
Wie und wodurch könntest Du Dich infiziert haben?
Das
war natürlich ein zweiter Panikgedanke, der mir sofort durch den Kopf
ging. Man kann das aber nie so genau zurückverfolgen und ich hatte in
dem Zeitraum nach meinem ersten negativen Test vor anderthalb Jahren bis
zu dem jetztigen, nur zwei- vielleicht dreimal unsafen Sex. Ich war
jedes Mal angetrunken gewesen. Heute habe ich aufgegeben darüber
nachzudenken, mich darüber zu ärgern. Ich will gar nicht mehr wissen,
wer dass verschuldet haben könnte. Es bringt ja auch nichts.
Wie hat Dein Umfeld auf die Infektion reagiert?
Mein
damaliger Freund hatte plötzlich Panik vor jedwegigen Körperkontakt. Er
hat dann auch mit mir Schluss gemacht, weil er so natürlich auch
herausgefunden hatte, dass ich ihm nicht treu gewesen bin. Dass er mich
nicht mehr angefasst hat, war damals schrecklich für mich. Meiner Mutter
habe ich es dann auch noch am selben Abend erzählt.
Der
Familienzusammenhalt zwischen meiner Mutter, meinen Geschwistern und mir
war immer schon sehr groß. An diesem Abend hat meine Mutter geweint und
war erst einmal total mit den Nerven runter. Dann hat sie mich aber in
den Arm genommen und gesagt, dass wir diese neue Situation zusammen
packen werden. Diese körperliche Nähe hat mir gut getan und mir wieder
ein bisschen Halt gegeben. Ich glaube in so einer Situation ist es
wichtig das du weißt, dass da jemand ist, der einfach nur für Dich da
ist. Genau wie mein neuer Freund und meine Geschwister, die auch alle
sehr cool reagiert haben, geht sie jetzt manchmal mit zu den
Untersuchungen, die ich alle drei Monate machen muss.
Auch meine Kumpels sind irgendwo "die Alten" geblieben. Über meine Infektion wird da kaum gesprochen, obwohl diese Nachricht schnell die Runde machte, und mich der ein oder andere damals auch persönlich daraufhin angesprochen hat. Das fand ich aber gut. Es ist mir immer lieber, wenn etwas ausgesprochen wird und damit irgendwo auch gegessen ist, als wenn etwas vielleicht Unausgesprochenes ein fortwährendes zwischenmenschliches Problem darstellt.
Haben sich Dein Alltag und Deine Zukunftspläne durch die Virusinfektion verändert?
Ja.
Mein Alltag hat sich unter anderem vorallem in der Hinsicht geändert,
dass mein Geschlechtstrieb heute viel gehemmter ist, als früher. Es ist
mir am Anfang oft passiert, dass ich keine Lust verspürte, dass ich mich
auch bei meinem neuen Freund nicht fallenlassen konnte. Denn das
Bewußtsein für die potentielle Gefahr ist immer da.
In Bezug auf Zukunft
glaube ich, dass man in so einer Situation nicht mehr so viel über
Länhgerfristiges nachdenkt. Du hast zunächst gar nicht Kraft, dir
darüber einen Kopf zu machen. Wenn ich damals in einer Ausbildung
gewesen wäre, hätte ich diese vielleicht sogar geschmissen. Ich musste
erst einmal versuchen mit dem Gedanken klarzukommen, mich daran zu
gewöhnen ein HIV Positiver zu sein. Irgendwann entwickelst du dann aber
einen besonderen Kampfgeist und denkst, mit 25 sterben, dass kann es
einfach nicht gewesen sein.
Heute arbeite ich wieder und glaube an so etwas wie eine Zukunft. Ich lebe relativ normal, die Infektion ist ein Teil meines Alltags geworden, ohne diesen zu bestimmen. Ich würde sagen, mein Wertverständniss hat sich geändert. Ich genieße mehr, mache mir mehr bewußt.





