Der Spaß mit den Ballons

von Alexander

Luftballons kann man aufblasen. Man kann sie auch zum Zerplatzen bringen. Aber eigentlich sind sie ja was für Kinder - denkt man zumindest. Aber auch Erwachsene stehen auf Luftballons. dbna sprach mit einem, der zu Luftballons ein engeres Verhältnis hat.

Wer kennt das nicht: Man läuft über das Volksfest und überall um einen herum tollen die Kinder. Da gibt es die Geisterbahn, das Karussell und den Reitzirkus. Und daneben viele Süßigkeiten, viel Krimskrams und auch Luftballons. Letztere werden gerne mal aufgeblasen, zum Zerplatzen gebracht oder mit Helium gefüllt durch die Gegend getragen, was Kind halt so damit macht. Aber auch mancher Erwachsene steht auf Luftballons.

„Irgendwie fand ich die Dinger schon als Kleinkind faszinierend. Einige Jahre später habe ich dann in meiner frühen pubertären Phase mit einem Luftballon herumgetollt. Ich lag auf dem Boden und habe mich auf einen drauf gelegt, so dass Kontakt zu meinem besten Stück bestand. Ohne dass ich einen sexuellen Hintergedanken hatte, hatte ich dann auf einmal einen Orgasmus – allerdings habe ich das als solchen damals noch nicht wahrgenommen.“

Moritz (21) erzählt offen sein erstes sexuelles Erlebnis mit einem Luftballon – ein Gegenstand, der von den meisten Menschen eher als Kinderspielzeug wahrgenommen wird. Und er ist damit nicht alleine. Luftballonfetischisten, auch Looner genannt, gibt es nicht wenige. Sie sind meist eher heterosexuell, einige wie Moritz auch homosexuell.

"Störung des Sexualverhaltens"

Aber was ist eigentlich ein Fetischismus? Ein Blick ins Lexikon hilft. Demnach ist es unter anderem ein „Begriff der Psychologie, der eine Störung des Sexualverhaltens bezeichnet, bei der sexuelle Erregung durch Fixierung auf bestimmte Körperteile oder Gegenstände ausgelöst wird“. Allerdings herrscht laut wikipedia inzwischen eine Debatte darüber vor, ob nun Fetischismus eine bloße Vorliebe oder eine Störung sei, die behandelt werden muss. Weitergehende Diskussionen finden darüber statt, ob Fetischismus nur dann vorliegt, wenn die Fixierung auf bestimmte Körperteile, Gegenstände oder Sachverhalte „die wichtigste oder einzige Quelle sexueller Erregung darstellt, oder ob er auch dann vorliegt, wenn Fetischismus eine unter mehreren Präferenzen darstellt“. Derzeit muss wohl jeder Einzelne diese Fragen für sich selbst entscheiden.

Zurück zu den Luftballons. Beschäftigt man sich ein wenig mit dieser speziellen Thematik, so merkt man schnell, dass man kaum alle Looner über einen Kamm scheren kann, ganz im Gegenteil, dieser Fetisch ist höchst individuell. Und die Looner haben ihre höchsteigenen Begriffe für sich selbst. So gibt es Popper, Semi-Popper und Non-Popper. Man spricht von „b2p“, „r2p“, „s2p“ und „c2p“. Ein Neuling dieser Materie fühlt sich richtig erschlagen von der Menge der unbekannten Anglizismen.

Blasen, reiten oder kuscheln

Also der Reihe nach: Auf der einen Seiten stehen die Popper, von englisch „to pop“ (knallen). Das sind diejenigen Looner, die es mögen, wenn sie Luftballons zum Platzen bringen, z.B. durch Aufblasen (blow to pop = b2p) oder Kaputtreiten (ride to pop = r2p). Auf der anderen Seite befinden sich die Non-Popper, die es gar nicht mögen, wenn man Luftballons zerplatzen lässt. Sie haben also ein sehr inniges Verhältnis zu den Ballons, mit denen sie kuscheln und sogar ganze Räume ausfüllen, um darin zu schlafen.

Moritz selbst ordnet sich der Kategorie der Semi-Popper zu, die zwischen den Non-Poppern und den Poppern stehen. Es ist bei den Semi-Poppern sehr stimmungsabhängig, ob sie es gerade mögen Luftballons zerplatzen zu lassen oder eben nicht. Auch mögen sie es, wenn andere Ballons kaputtmachen, beispielsweise durch Drauftreten (step to pop = s2p) oder mit glühenden Zigaretten (cig to pop = c2p). Es kann die Semi-Poppers reizen, Ballons bis zum absoluten Maximum aufzublasen, eben bis kurz vor dem Knall. Dass es dann auch zum Zerplatzen kommen kann, liegt auf der Hand.

Bei Moritz, der im dritten Semester Medizin studiert, hat sich der Fetischismus auch ein wenig gewandelt. „Ich bin inzwischen von den 'normalen' Größen, also den Werbeballons weggekommen und mag inzwischen nur noch Riesenballons“, berichtet er. Seufzend fügt er an: „Es ist wirklich schwierig, die für einen studentischen Geldbeutel erschwinglich zu erwerben.“ Ein riesiger Luftballon im Handel mit einem Durchmesser von 1,10 Meter kostet immerhin 5 Euro, einer mit 1,60 Meter sogar 9 Euro. Auch kommt es ihm nicht mehr darauf an, sie selbst aufzublasen, was für manche Looner ganz besonders toll ist. Er pumpt sie elektrisch auf. Auch das Material und der Geruch machen ihn nicht wirklich an. „Ich lege oder setze mich darauf, je von Größe und Form abhängig, und dann reite ich auf denen oder kuschel mich – wenn auch selten – daran an“, erklärt Moritz. Es hat für ihn definitiv einen sexuellen Hintergrund. Er stimuliert sich damit, aber nicht komplett nackt: „Das Latex der Luftballons hat keine Qualität, wie sie z.B. bei Kondomen Vorschrift ist, und kann sich auf die Intimregionen unangenehm auswirken. Außerdem will ich die Ballons mehrfach benutzen.“

Beziehung vor Vorliebe

Auf die Frage nach der Sucht, erklärt der Münchner, daß er sich nicht als süchtig bezeichnen würde. Mal gibt er seinem Fetischismus drei Mal die Woche nach, mal einen Monat gar nicht, „einfach so, wie man auch manchmal einen Schokoriegel eben braucht.“

Wie sich seine Begeisterung für Ballons auf eine Beziehung auswirken kann, weiß er nicht, da er sich erst nach seiner letzten Beziehung mit seiner Vorliebe intensiver beschäftigt hat. Er würde aber keinesfalls die Luftballons über eine Beziehung stellen. Genausowenig würde er sich allerdings auch erpressen lassen, seiner Vorliebe abzuschwören. „Wer so dumm ist, dem kann ich auch nicht helfen“, stellt Moritz kühl fest.

So braucht es wohl für diesen Fetisch wie bei vielen anderen Vorlieben, seien diese nun sexueller oder anderweitiger Natur, nicht nur Vertrauen, sondern vor allem Toleranz und Verständnis, die wir ja ohnehin für uns selbst wollen und zu recht einfordern.

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Wenn Du Fragen an Moritz haben solltest, kannst Du Dich gerne über das Formular an den Autor des Artikels wenden. Er leitet Dein Schreiben gerne weiter.


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27.11.2007  | Bild: © istockphoto.com
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