Intersexualität

Als Frau geboren, zum Mann gemacht

Christiane ist intersexuell. Bei ihrer Geburt waren sich die Ärzte über ihr Geschlecht uneinig und schrieben ihr ein falsches Geschlecht zu. In einer bewegenden Biografie erzählt sie von Selbstzweifeln, Arztbesuchen und endlosen Qualen.

Christiane war schon immer eine Frau, doch das wusste lange Zeit keiner so genau - außer sie selbst. Christiane ist intersexuell.

Christiane war schon immer eine Frau, doch das wusste lange Zeit keiner so genau - außer sie selbst. Christiane ist intersexuell.

Bild: Edition Fackelträger

Christiane war früher Thomas. Nein, sie war schon immer Christiane, wurde aber als Thomas erzogen. Sie war schon immer eine Frau, doch das wusste lange Zeit keiner so genau - außer sie selbst. Christiane ist intersexuell. Bei ihrer Geburt waren sich die Ärzte uneinig und schrieben ihr schließlich das männliche Geschlecht zu. In ihrem Buch "Ich war Mann und Frau - mein Leben als Intersexuelle" schildert sie ihr bisheriges Leben, ihre Selbstzweifel, ihre endlosen Arztbesuche und die damit einhergehenden Qualen sowie die zahlreichen OPs, die sie zu dem machen sollten, was sie nicht ist - nämlich zum Mann.

Christiane Völling wurde mit dem Adrogenitalen Syndrom (AGS) geboren. Diese vererbte Störung der Nebennierenrinde bewirkt, dass durch Enzymmangel die ausreichende Produktion von körpereigenem Kortison verhindert wird. Stattdessen werden Vorstufen des Hormons, die vom Körper nicht weiterverarbeitet werden können, in männliche Hormone umgewandelt. So werden Mädchen mit dem AGS häufig mit einem vermännlichten äußeren Genital zur Welt, die inneren Geschlechtsorgane sind aber weiblich und meist normal ausgeprägt. Wird das Syndrom rechtzeitig entdeckt und behandelt, sind Mädchen normal fruchtbar. Wenn dies nicht geschieht, kann es zu einer verfrühten Scheinpubertät kommen und die Knochenfugen schließen sich vorzeitig. Des Weiteren kann das kindliche Geschlechtsgewebe nicht schnell genug mitreifen - die Betroffenen bleiben sehr klein und unfruchtbar. Je nach Schwere der Form wird AGS nicht erkannt, vor allem bei Jungs und Männern mit leichten Ausprägungen des Syndroms. Bei Frauen zeigt sich diese oft in einem unerfüllten Kinderwunsch oder zunehmender Behaarung.


Die Autorin musste zahlreiche Operationen über sich ergehen lassen.

Die Autorin musste zahlreiche Operationen über sich ergehen lassen.

Bild: iStockPhoto.com / STEFANOLUNARDI - Model-/Symbolfoto

Völling berichtet von ihrem bisherigen Leben und findet dafür klare, eindeutige Worte. Sie erzählt sachlich und nachvollziehbar, jedoch nicht ohne ihren persönlichen Ton. Das Geschehen wird greifbar dargestellt, besonders ihr Gefühlsleben findet große Beachtung. Nach ihrer Geburt standen die Ärzte unter dem Druck, dass sie innerhalb von sieben Tagen ein Geschlecht in die Geburtsurkunde eintragen müssen. Nur in Ausnahmefällen kann eine Aufschub gewährt werden. Also entschlossen sie sich für männlich, was ein weitreichender Fehler werden sollte. In den zusammengewachsenen Schamlippen sahen die Ärzte einen unterentwickelten Hodensack und vermuteten, dass sich die Hoden im Bauchraum befinden. Ihre Harnröhre endete nicht in ihrem sehr kleinen Penis, sondern wie bei einem Mädchen. Es sollten endlose Operationen folgen, um diese Hypospadie, also die Fehlbildung der Harnröhre, die gar keine war, zu beseitigen.


Thomas spielte immer lieber mit Puppen, als draußen mit anderen Jungs auf dem Fußballplatz.

Thomas spielte immer lieber mit Puppen, als draußen mit anderen Jungs auf dem Fußballplatz.

Bild: iStockPhoto.com / igorovski - Model-/Symbolfoto

In dem kleinen Dorf am Niederrhein wurde nicht darüber gesprochen, dass irgendetwas nicht stimmen konnte. Völlings Eltern waren noch dazu strengkatholisch. Dass ihr Sohn aber viel lieber drinnen mit Puppen spielt als draußen auf dem Fußballplatz zu toben, mussten sie merken. Thomas wusste schon immer, dass er eigentlich ein Mädchen war. Wie fühlt sich ein Heranwachsender, der ganz genau weiß, dass ihm das falsche Geschlecht zugeschrieben ist? Auf welche Weise beeinflusst es die eigene Geschlechtsidentität und das Selbstwertgefühl, wenn man von einem Arzt Worte wie "so was wie dich hat man früher auf dem Jahrmarkt ausgestellt!" hört? Was hat man für ein Gefühl, wenn man als 46-Jährige erfährt, dass die eigenen inneren Geschlechtsmerkmale operativ entfernt wurden, angeblich um wucherndes Gewebe zu beseitigen? Wie ordnet man sein Leben neu, wenn man im Alter von 46 von der Lüge erfährt, eigentlich doch eine Frau zu sein?


All diese Fragen beantwortet ihr Buch schonungslos offen und ehrlich. Es ist eine sehr berührende und bewegende Geschichte, die zum Nachdenken anregt. Vor allem als Laie, was Intersexualität oder die Gender-Forschung allgemein angeht, eröffnen sich viele Fragen nach dem biologischen und psychosozialen Geschlecht. Besonders aufschlussreich ist dafür das Glossar am Ende des Buches, das die wichtigsten Begriffe anschaulich und in relativ einfachen Worten erläutert.

Ihr Buch fragt aber auch nach der Zukunft. Dass sie im Jahr 2007 Schmerzensgeld in Höhe von 100.000 Euro von ihrem damaligen Arzt zugesprochen bekam, hatte sicher Signalwirkung. Ein weiterer zukunftsweisender Schritt wurde Mitte Mai 2012 in Argentinien gegangen: Dank einem neuen Gesetz kann man dort selbst sein Geschlecht bestimmen - ganz ohne Hormonbehandlung oder chirurgische Eingriffe. Solch ein Gesetz ist der richtige Weg. Hätte es vor fünfzig Jahren schon existiert, kann man sich nur vorstellen, was das für das Leben von Christiane Völling geändert hätte.


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09.08.2014  | Quelle: In Kooperation mit dem Magazin Out!  | Bild: © iStockPhoto.com - Model-/Symbolfotos von: Marco D.Brockmann, STEFANOLUNARDI, igorovski

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