dbna'ler des Monats

dbna'ler im Dezember

von Alexander

Max (18) aus Wolfsburg spricht über seine Adoption, sein Coming-out und seine ersten Beziehungen. Der dbna'ler des Monats Dezember.

Bild: dbna/istockphoto.com

Max, du hast trotz deiner jungen 18 Jahre schon einiges in deinem Leben erlebt. Du wurdest adoptiert. Wie kam es dazu und wann hast du davon erfahren?
Max: Meine Adoption war nun nicht gerade DAS Schlüsselerlebnis in meinem Leben. Ich habe, wenn überhaupt, das Ganze auch nur „passiv“ erlebt. Vor kurzem hat sich mein leiblicher Vater gemeldet und mir erzählt, dass meine Mutter scheinbar Drogenprobleme hatte und er mich nicht allein großziehen durfte, des Jugendamtes wegen. Meine (Adoptiv-)Eltern haben mich bekommen, als ich gerade zwei Tage alt war, ich habe von dem ganzen Trubel also relativ wenig mitbekommen. Die Beiden haben mir dann von Kindheitstagen an einfach immer erzählt, was Sache ist, und so habe ich meine Adoption als normal empfunden und nie den „großen Schock“ erlebt, wie es manch anderem passiert sein mag. Nochmal großes Lob für Mutti und Vati an der Stelle!

Bild: dbna/istockphoto.com

Glaubst du, durch die Adoption unterscheidet sich dein Familienbild von dem „herkömmlichen“?
Max: Was ist schon ein „herkömmliches“ Familienbild? Ich habe es bei meinen Eltern echt verdammt gut, lebe schon fast ekelhaft gut situiert und bin von großen Familiendramen immer verschont geblieben. Da sich die Beiden halt auch sehr ein Kind gewünscht haben, waren und sind sie natürlich top in ihrer Elternrolle und unterstützen mich, wo es nur geht. Natürlich sind sie auch manchmal nervig, aber pff, Eltern.

Du hattest Berührungspunkte mit der rechtsradikalen Szene. Wie kam es dazu?
Max: Auweia. Man soll es nicht glauben, aber auch da gibt es vereinzelt mal Schwuppis. Ich bin natürlich gleich unwissentlich an den „Richtigen“ geraten. Und eines vorweg: Anfangs war er echt ziemlich nett! Ich hatte mit ihm nach einer Party bei uns im Jugendhaus einen kleinen Plausch und auch den ein oder anderen Kuss, relativ ungeplant.

Zwei Wochen später hatte sich der Gute allerdings die Haare rasiert, eine nette Keilerei mit ein paar Punks und ziemlich offensichtliche Symbolik auf der Fliegerjacke. Wieder zwei Wochen später saß der gleiche Typ in der Stadt und hatte gerade ein paar Parolen geschmiert. Als er mich registrierte, kam er ganz verängstigt an und bat mich, doch bitte niemandem von uns zu erzählen. Seitdem hab’ ich den Hanswurst nicht mehr gesehen.

Wann und wie hast du überhaupt festgestellt, dass du (auch) auf Männer stehst?
Max:  Das müsste so mit elf Jahren gewesen sein, kurz vor der Pubertät. Ich bin halt mehr mit Mädels unterwegs- und mehr an Typen interessiert gewesen. Das ist zu früh? Kann sein, wer weiß, gibt ja keinen Index für so was.

Bild: dbna/istockphoto.com

Wie kam es, dass du dich ungewollt geoutet hast?
Max: Da muss ich etwas richtig stellen: Ich habe mich nicht ungewollt geoutet, ich wurde ungewollt geoutet. Noch mal danke dafür, das hat mir eine Menge Gespräche erspart und ist eigentlich nur die „Schuld“ von dbna. Ja, ganz richtig! Nachdem ich mich selbst mit etwa vierzehn Jahren bei meinen beiden besten Freundinnen geoutet hatte, gab’s ganz frisch DSL bei uns im Haushalt.

Überfürsorglich wie Muttern halt ist, wollte sie mir erst keinen Zugang über meinen Rechner geben. Cool wie Vattern halt ist, hat er mir einfach `nen W-Lan-Stick in die Hand gedrückt. Ganz „geheim“ natürlich. Denn was ich damals nicht wusste: 1. Mutti wusste von dem Plan und beide haben Kontrollbesuche in meinem Verlauf gemacht. 2. Wie man den Verlauf löscht. Als ich mich dann das erste Mal so richtig in jemanden verliebt hatte, wollte ich ihn natürlich auch besuchen. Aber wie findet man eine passende Ausrede dafür? Das ich den Freund einer Cousine einer meiner Freundinnen (!) besuchen wollte war dann wohl zu weit hergeholt und meine Mutter gestand mir, dass sie schon lange bescheid wusste. Was für ein komisches Gefühl das ist, kann sich wohl jeder denken.

Die nächsten Tage waren auch recht merkwürdig, der Höhepunkt war, als plötzlich Brokeback-Mountain im Fernsehen lief und ich vor Scham im Boden versunken bin. Ich habe von meinen Eltern aber immer jede nur erdenkliche Unterstützung bekommen! Anfangs war Mutti sogar ziemlich eifrig dabei: “Hm, wollen wir das der Familie erzählen oder soll ich Oma anrufen? Dann weiß das morgen auch jeder.“

Ähnlich ging es in der Schule: Wir haben in der 9. Klasse neue Mitschüler bekommen, mit denen ich mich gut verstanden habe. Einer von ihnen habe ich halt erzählt, dass ich auf Kerle stehe. Sie dachte dann, dass die ganze Klasse davon wüsste und hat dann erst einmal allen erzählt, wie wundervoll tolerant doch alle deswegen wären.

Bild: dbna/istockphoto.com

Die haben allesamt große Augen gemacht, man man… Aber irgendwie wurde das auch in der Klasse ohne weiteres aufgenommen, es konnte nun natürlich auch niemand etwas Schlechtes sagen.

Heute nehme ich das Thema „Outing“ schon selbst in die Hand. Wenn mich offen jemand nach meiner Sexualität fragt, kann ich ohne große Probleme und relativ locker sagen, dass ich schwul bin. Wirklich auf die Nase binden tu’ ich das aber keinem, den ich gerade erst kennen gelernt habe und unter meinen kleinen, zugegeben recht witzigen, „schwulen Ausbrüchen“ müssen dann eben meine Freunde leiden.

Wie wichtig ist dir räumliche Nähe in Beziehungen?

Max: Unglaublich wichtig! Es gibt für mich nichts schlimmeres, als die Entfernung zwischen mir und einem geliebten Menschen. Aus diesem Grund gab es schon die ein oder andere Krise in meinem Leben, aber das ist eine ganz andere, ziemlich komplexe Geschichte, die ich nur ungern wieder Hervorholen möchte. Eines der Hauptprobleme daran ist, dass man sich einfach viel zu selten sieht. Vielleicht liegt das Problem auch ein bisschen bei mir, ich bin nämlich nicht gerade der reisetauglichste Mensch. Aber auf jeden Fall lässt sich sagen, dass Nähe mit das wertvollste ist, was man mir schenken kann.

Wie lange dauerte deine längste Beziehung?
Max: Ich muss gestehen, dass ich ein Händchen für Freaks habe, aber selbst auch nicht der Beste in Sache Beziehungen bin. Meine längste Beziehung dauerte aber immerhin sechs Monate, auch, wenn nicht alle dieser Monate wirklich schön waren. Ich habe mich auch mal an einer Fernbeziehung probiert, aber das war ein totaler Reinfall. Wir mussten feststellen, dass der jeweils Andere einen viel zu kleinen Anteil am eigenen Leben hatte und wir uns auf Wochenenden beschränken mussten, an denen öfter auch etwas anderes dazwischen kam. Wir halten allerdings noch Kontakt, aber über mehrere hundert Kilometer ist auch das ein wenig schwer.

Was darf für dich in eine Beziehung niemals vorkommen?
Max: Haha, das ist `ne doofe Frage. Eigentlich muss alles vorkommen dürfen, sonst schränkt man sich selbst und den Partner doch nur ein. Allerdings gibt es schon einige „No-gos“, etwa die Klassiker: Untreue, zu viel Eifersucht oder Ähnliches. Für mich spielt, wie gesagt, zu große Entfernung voneinander auch in dieser Liga. Ich möchte nicht an ein Wochenende gebunden sein, um meine große Liebe zu sehen. Des Weiteren muss ein gewisses Verständnis für schwarzen Humor vorhanden sein, sonst stößt man bei mir schnell auf Granit oder ich überschreite zu oft die Grenzen des Anderen was bösartige Situationskomik betrifft.

Bild: dbna

Was hältst du von der Szene?
Max: Oi, da bin ich doch neulich erst hineingerutscht! Nein, im Ernst: Die „Szene“ hat durchaus ihre Vorteile, aber auch diverse Schattenseiten. Ich bin wirklich gerne unter andern Schwulen, und mal ehrlich: Die Partys sind echt die wundervollste Art zu feiern, und viel angenehmer als ein Großteil der „Hetero-Schuppen“. Was mich allerdings richtig ankotzt, sind diese Zickenkriege untereinander. Ich kam erfahrungsgemäß mein Leben lang eigentlich mit fast jedem aus, aber in der Szene fliegen böse Geschichten über jedermann durch den Raum und es ist schwer, sich davor zu schützen. Selbst auf Facebook wird munter weiter gezickt. Aber trotz alledem habe ich in der Szene sehr viele wundervolle Menschen kennen gelernt und ich bin froh, ab und an mal dort herumzuhüpfen.

Was ist für dich das „perfekte“ schwule Leben?
Max: Diese Thematik hatte ich die letzten paar Jahre eigentlich erfolgreich verdrängt, weil ich mir ziemliche Gedanken vor allem über mein zukünftiges Leben mache. Da werfen sich so viele Fragen auf, wie wohl der Alltag später einmal aussieht: Haus, Partner, Umfeld, Beruf… und das ganze in unserer ach so toleranten und kapitalismusdurchtränkten Gesellschaft. Ich habe auch ein wenig Angst davor, in meinen „jungen Jahren“ einfach niemanden zu finden, der wirklich zu mir passt – und der Gedanke, mit Mitte 30 allein zu sein, ist schon recht unangenehm. Aber wie das Ganze wohl „perfekt“ aussähe?

Eigentlich will ich in der Zukunft nur aufwachen, neben einem Mann liegen, der meine Fehler akzeptiert und mich mit ihnen ein wenig ärgert, während wir Frühstück machen. Und abends will ich neben dem Selben einschlafen mit der Gewissheit, dass wir den nächsten Morgen wieder so aufwachen. Wenn wir dann mal aneinander geraten und streiten sollte das ganze damit enden, das wir feststellen, dass Streiten ziemlich bescheuert ist. Ich will in Ihn verliebt sein und er soll in mich verliebt sein und es sollte einfach niemals auch nur der Gedanke aufkommen, dass einer den Anderen betrügt. Und während wir so unsere Zeit verbringen wäre es schön, wenn man in der Gewissheit leben könnte, dass irgendwo auf der Welt auch andere Menschen sich so gefunden haben und für ihre Liebe nicht erschossen oder gesteinigt werden.

Das wäre schon irgendwie ziemlich kitschig. Aber für mich wäre das perfekt.




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11.12.2011
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