Christian (26) aus Berlin

Fabian Schäfer Von Fabian Schäfer
© Julian Bolter

Der Musicaldarsteller kam vom Land in die Metropole, wo er das erste Mal so richtig in die Szene eingetaucht ist. Außerdem verrät Christian, wie zickig Kollegen sein können – und wie viel hinter dem Vorhang geflirtet wird.

Die Oberstufe hast du in einem Internat am Bodensee verbracht. Wie war das für dich?

Das war großartig. Ich konnte dort den ganzen Tag Musik machen. Das war eine ganz tolle Erfahrung. Ich war das erste Mal weg von der Familie, was auch sehr gut war (lacht) und hatte eine große Freiheit. Ich habe dort enge Freundschaften geschlossen, die zum Teil noch bis heute halten. Und ich habe für mich gemerkt, dass ich schwul bin. Das war in der 12. Klasse, also mit 18.

Wie bist du damit umgegangen?

In der Übergangszeit von meiner Heimat Bretten ins Internat hatte ich zweieinhalb Jahren eine Freundin, auch mit Sex und so, ganz normal. Im Internat habe ich dann gemerkt, dass ich Jungs toller finde. Das war aber ein relativ langsamer Prozess. Ich habe das nur meinen engsten Leuten erzählt. Ein Auslöser war der CSD in Konstanz, wo ich kurz vor meinem 18. Geburtstag war.

Ich war so fasziniert davon. Da war zum Beispiel die Dragqueen Lilo Wanders. Das war eine ganz andere Welt, das hat mir so gut gefallen. Ich bin dann auch öfter in den Schwulenclub in Konstanz gegangen. Irgendwann habe ich meinem Papa dann davon erzählt – und der war gleich voll okay damit.

Aber er hat es meiner Mutter gesagt, aber sie hat nichts dazu gesagt. Da war ich ein bisschen sauer, aber immerhin war es raus. Im Internat hat es sich dann so rumgesprochen, es war ein offenes Geheimnis. Blöde Sprüche habe ich da nie gehört.

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Christian hat seinen Traumjob gefunden: Er ist Musicaldarsteller.

Christian hat seinen Traumjob gefunden: Er ist Musicaldarsteller.

Dass deine Mutter nichts gesagt hat – war das gut oder schlecht?

Ganz klar negativ. Ich komme aus einer katholischen Familie und meine Mutter wünschte sich Enkelkinder und dass ich lieber hetero bin. Das war schwierig. Mein Vater hat gesagt: ‚Du bist mein Junge, egal was ist‘, aber meine Mum hat am Anfang immer von Freundinnen, die nach mir gefragt hätten, gesprochen. Sie hat mich schon unterschwellig versucht, in diese Richtung zu stecken. Es war so unausgesprochen.

Als ich nach Berlin gezogen bin, habe ich ihr einen Brief geschrieben. Ich hatte damals meinen ersten und einzigen Freund und ich hatte das Bedürfnis, es ihr zu sagen. Mein Papa hat mir später gesagt, dass sie geweint hat, als sie ihn gelesen hat. Sie hat sich bei mir dafür bedankt und gesagt, dass er sie sehr berührt hat. Mittlerweile ist aber alles gut.

Konntest du denn schon im Internat deine ersten Erfahrungen sammeln?

Ich bin damals relativ früh auf dbna aufmerksam geworden. Das war so super, ich bin so dankbar gewesen. Um mich herum war alles hetero und ich hätte so viel gegeben, eine schwule Jugendgruppe kennenzulernen. Im Internat ging an sich nicht viel. Da gab es einen Typen und an einem kalten, stürmischen Novembertag haben wir zusammen Titanic geschaut. Das hört sich schon sehr schwul an (lacht) und auf einmal hat er unter der Bettdecke meinen Oberschenkel berührt. Ich hätte das nie gemacht. Aber das war einfach schön, den Abend so kuschelig zu verbringen. Mehr lief aber nicht.

Ich habe mich nachts immer in den Fernsehraum geschlichen, weil damals um kurz vor 12 immer „Queer As Folk“ lief. Einmal hat mich unser Schulleiter dort erwischt. Er wollte mich schon fragen, wieso ich nicht im Bett bin – als gerade eine schwule Sexszene lief. Er ist auch selbst schwul und meinte dann nur, ich solle den Fernseher einfach ausmachen, wenn die Folge vorbei ist. Das war sehr amüsant (lacht).

So sehr er den Beruf auch liebt, er ist auch anstrengend: Pausen ohne Anstellung gehören dazu.

So sehr er den Beruf auch liebt, er ist auch anstrengend: Pausen ohne Anstellung gehören dazu.

Dann war der Umzug nach Berlin ja ein krasser Schock für dich, oder?

Mir war das alles nicht so bewusst (lacht). Plötzlich war ich alleine in Berlin, wo ich erst meinen Zivildienst in einer Schule für lern- und geistig behinderte Kinder gemacht habe. Das war ganz toll, ich habe viel gelernt. Relativ bald bin ich auch zu einer schwulen Jugendgruppe gegangen, das war ganz toll. Endlich konnte ich gleichaltrige schwule Jungs kennenlernen. Mit denen war ich auch zum ersten Mal in der Szene. Ich war damals sehr interessiert und offen und für alles dankbar, habe aber auch gemerkt, dass die Gruppe nichts mehr für mich ist. Ich habe schnell gemerkt, was Berlin noch so alles bietet – Kinos, Theater, Oper, Ballett und so weiter.

Hast du auch etwas Negatives in der Szene erlebt?

Ich habe Gott sei Dank ziemlich schnell Freunde gefunden, die mich aufgeklärt haben, wo ich vorsichtig sein sollte und wie ich mich verhalten soll. So habe ich schnell gemerkt, was wichtig ist. Als ich an der Universität der Künste genommen wurde, da hat mein schwules Leben noch einmal Fahrt aufgenommen (lacht). Unter Musicaldarstellern sind gefühlt 70 Prozent schwul. Da muss man schon etwas aufpassen.

Es ist eine kleine und schnelllebige Welt, in der jeder jeden kennt. Und man sieht sich immer wieder, bei Castings, Premieren und so weiter. Junge Darsteller sind wie Frischfleisch, vor allem wenn eine Diskrepanz gibt zwischen älteren Künstlern, die die Szene sehr gut kennen, und jungen Darstellern. Die sind eifersüchtig auf die Jugend, Schönheit, Erfolg und Talent…

© Julian Bolter
Mit 10 hat er sein erstes Musical gesehen. Damit war ihm klar: Das ist sein Traumjob.

Mit 10 hat er sein erstes Musical gesehen. Damit war ihm klar: Das ist sein Traumjob.

Wird da denn viel geflirtet?

Na klar! Ich würde lügen, wenn ich sagen würde, dass das nicht stimmt. Das hat schon in der Uni angefangen. Da lernen wir ja auch, glaubhaft ein Liebespaar darzustellen. Wir bauen Berührungsängste ab, weshalb wir vielleicht auch mehr touchy sind als andere. Im Ensemble ist das immer so eine Frage. Soll man was mit Kollegen anfangen? Ich würde es schwierig finden, eine Beziehung mit einem Kollegen zu haben. Denn wenn es vorbei ist … man sieht sich immer wieder bei Events oder so. Und wenn man sich für die gleiche Rolle bewirbt, endet das auf jeden Fall in Frustration.

In der Anfangszeit in Berlin warst du viel in der Szene unterwegs. Heute auch noch?

Ich bin total gerne dort unterwegs, wenn ich die Zeit dazu habe. Ich trinke gerne was rund um den Nolli (Nollendorfplatz, Anm. d. Red.) und ich gehe auch gerne mal feiern. Aber man muss natürlich mit seinen Kräften haushalten. Wenn man in Clubs geht und es ist sehr laut, dann riskiert man, dass die Stimme am nächsten Tag weg ist. Aber für ein Bierchen oder so bin ich gerne dort. Vielleicht hole ich da ein bisschen nach, was ich in der Jugend nicht hatte.

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Dass hinter den Kulissen viel geflirtet wird, kann er nicht verleugnen.

Dass hinter den Kulissen viel geflirtet wird, kann er nicht verleugnen.

Mit dem „Musicalbooster“ hast du auch ein Coaching-Projekt am Start. Was genau ist das?

Ich habe mir mit drei tollen Künstlerkollegen überlegt: Junge, talentierte Menschen wissen oft nicht, wie das Business funktioniert. Dafür haben wir eine Plattform in Form eines Workshops geschaffen. Wir bereiten auf die Prüfungssituation vor, die unfassbar stressig ist. Aber wir beantworten auch banale Fragen: Was ziehe ich an? Wie präsentiere ich mich? Was sollte ich im Repertoire haben? Es macht mir total viel Spaß, junge Menschen auf ihrem Weg zu begleiten und will meine Liebe zum Musical gerne weitergeben.

Aber es ist auch ein anstrengender Job, oder?

Auf jeden Fall. Man muss den Job wollen. Wir sind oft in unbeständigen Situationen und auch kürzere Pausen ohne Anstellung sind ganz normal. Dazu sind wir viel unterwegs, und dass man bei Castings abgelehnt wird, gehört auch dazu. Ich war mit 10 in meinem ersten Musical, in „Phantom der Oper“ in Hamburg. Da wusste ich: Das will ich machen. Denn die positiven Punkte überwiegen eindeutig. Und es ist so vielseitig: Ich habe klassisches Schauspiel gemacht, aber eben auch bei Musicals oder Opern mitgewirkt, und hatte sogar schon eine kleine Rolle im Tatort.

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Artikel veröffentlicht: 21.07.2016