Florian (22) aus Hayingen

Fabian Schäfer Von Fabian Schäfer
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Der Azubi aus der Schwäbischen Alb erzählt von Bedrohungen und Prügeleien nach seinem Coming-out, die in einem Selbstmordversuch gegipfelt sind. Heute geht es Florian wieder besser. Seit Kurzem ist er sogar glücklich vergeben.

Du hast uns geschrieben, dass du ein „Mega-Coming-out“ hinter dir hast. Was ist denn passiert?

Ja, das war ziemlich krass. Das war vor etwa vier Jahren, als ich 18 war. Da habe ich damals auf Facebook gepostet, dass ich schwul bin. Es war ein längerer Text. Dass ich eben seit längerer Zeit weiß, dass ich auf Männer stehe, und wer ein Problem damit hat, der solle sich persönlich melden. Ich habe es vorher meinen Eltern nicht persönlich gesagt, was im Nachhinein ein Riesenfehler war. Meine Patentante hat mich dann sofort angerufen und gefragt, ob das stimmt. Per WhatsApp habe ich viele positive Rückmeldungen bekommen, aber auch Drohungen. „Wenn ich dich das nächste Mal sehe, bekommst du aufs Maul“ und sowas Und so kam das auch.

Was ist passiert?

Eines Tages, da war hier im Ort ein Fest, ist es passiert. Eine Person hat mir eine Schelle gegeben. Dann kamen Freunde von mir, um zu helfen. Dann kamen auch Leute von ihm und es ist richtig losgegangen. Es ist eskaliert, bis die Polizei kam. Sie haben mich als Schwuchtel beleidigt und dass man sowas hier eben nicht duldet.

War das ein Einzelfall?

Nein, das kam öfter vor. Das waren Leute, mit denen ich zum Teil seit dem Kindergarten zu tun hatte. Einmal war es so schlimm, dass ich am Knie operiert werden musste. Ich bin dann in mir versunken und habe versucht, das mit Alkohol zu verdrängen. Ich hatte zeitweise jeden Abend einen Vollrausch. In der Schule bin ich extrem abgesackt.

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© Florian/privat
In seinem Fußballverein hat er nie Probleme gehabt. Seine Mitspieler wollten sogar, dass er wieder mitspielt.

In seinem Fußballverein hat er nie Probleme gehabt. Seine Mitspieler wollten sogar, dass er wieder mitspielt.

Wie hat deine Familie darauf reagiert?

Ich habe das Gespräch mit meiner Patentante gesucht, weil sie auch viel mit Jugendlichen arbeitet und sich damit auskennt. Sie meinte, ich solle das zur Anzeige bringen. Aber ich habe das nie gemacht. Mein Papa hat bei der Polizei gearbeitet und ich wollte nicht, dass er das erfährt. Es war mir unangenehm. Mit meinen Eltern habe ich sonst nicht darüber geredet. Sie wussten von der OP, aber ich habe ihnen gesagt, dass es eine Fußball-Verletzung war.

Aber sie wissen, dass du schwul bist?

Ja, mein Vater hat sofort hinter mir gestanden und gesagt, dass ich nach wie vor sein Sohn bin. Meine Mutter war im ersten Moment skeptisch und wusste nicht, wie sie reagieren soll. Aber das hat sich ziemlich schnell gelegt, es gab da nie Probleme.

Wie sind dieses Mobbing und die Angriffe eigentlich zu Ende gegangen?

So ganz rausgekommen bin ich davon nicht, das ist nicht ganz weg. Die Drohungen haben aufgehört, aber die dummen Sprüche kommen immer noch. Da hat sich absolut gar nichts verändert. Bei Festen oder in der Disco höre ich sowas. Aber ich ignoriere das einfach, aber es geht halt nicht immer.

© Florian/privat
Auch heute noch hört Florian öfter blöde Sprüche oder Schimpfwörter.

Auch heute noch hört Florian öfter blöde Sprüche oder Schimpfwörter.

Wie fühlt sich das an?

Das ist verletzend. Was bin ich wert, was suche ich noch hier, dachte ich mir immer. Eigentlich habe ich versucht, weiter weg zu ziehen, aber das habe ich finanziell nie gebacken bekommen. Auto, Versicherung, Miete – das kann ich mir als Auszubildender nicht leisten. Letztes Jahr im April wollte ich mir deshalb sogar das Leben nehmen. Da kam einfach alles zusammen. Schule, Drohungen, das war einfach irgendwann zu viel. Ich habe Bier getrunken und dann eine Überdosis Schmerztabletten genommen. Als mein Vater von der Arbeit kam, hat er mich gefunden und den Krankenwagen gerufen.

Wie sind deine Eltern damit umgegangen?

Wir haben danach nie wieder darüber gesprochen. Sie haben es versucht, aber ich habe abgeblockt. Ich wollte für mich alleine sein.

Was hat sich danach verändert?

Seitdem ging es auf jeden Fall bergauf. Ich bekomme auf der Arbeit viele positive Rückmeldungen. Und ich habe in meiner Freizeit mehr unternommen, um mich abzulenken. Selbstmordgedanken habe ich keine mehr.

Was machst du denn in deiner Freizeit?

Ich bin Fußballschiedsrichter und ich habe bis letztes Jahr in der höchsten Klasse Tennis gespielt. Außerdem spiele ich gerne Bowling, aber nicht professionell. Meine eigene Kugel habe ich trotzdem (lacht).

Wie bist du denn dazu gekommen, Schiedsrichter zu werden?

Anfangs habe ich das nur in der Region gemacht, aber dann hat man mir gesagt, dass ich ziemlich talentiert sei. Ich habe dann auch mal Spiele in der B-Jugend-Bundesliga gepfiffen. Da bin ich für mein Alter ziemlich weit gekommen. Vor Tausenden Zuschauern zu pfeifen ist schon ein geiles Gefühl. Da ist man auch viel unterwegs mit Anreise und Hotel und so. Weil ich viel am Wochenende arbeite, musste ich das aber leider aufgeben.

© Florian/privat
Nach seinem Selbstmordversuch ging es bei Florian wieder bergauf: Dank Ablenkung und Anerkennung im Job.

Nach seinem Selbstmordversuch ging es bei Florian wieder bergauf: Dank Ablenkung und Anerkennung im Job.

Fußball gilt ja als relativ homophobes Umfeld. Wie hast du das erlebt?

Ich hatte diesbezüglich nie Probleme. Ich habe auch selbst gespielt und wollte nach meinem Coming-out nicht mehr kommen, weil ich Angst vor dummen Sprüchen in der Umkleide hatte. Aber in unserer WhatsApp-Gruppe haben meine Mitspieler dann geschrieben, dass ich wieder kommen sollte. Das hätte ich nie gedacht.

Du machst dieses Jahr deine Abschlussprüfung und bist dann ausgelernt. Planst du, danach deine Gegend zu verlassen?

Auf jeden Fall, aber ich will auch nicht zu weit weg ziehen, weil ich den Kontakt zu meiner Verwandtschaft nicht verlieren will. Vor allem meine zwei Patenkinder sind mir zu wichtig. Man braucht viel Geduld, aber ich komme gut mit Kindern klar. Wenn es irgendwann in Deutschland erlaubt ist, glaube ich, dass ich schon Kinder adoptieren möchte.

Zu einem Kind würde der passende Mann gehören. Bist du denn vergeben?

Ja, seit 27. März bin ich mit meinem Freund zusammen. Wir haben angefangen zu schreiben und uns dann einfach getroffen. Wir haben relativ schnell gemerkt, dass wir zusammenpassen. Es passt einfach alles. Wir sind beide ein bisschen verrückt (lacht). Auch das Charakterliche passt, das ist echt was Besonderes.


Wer an Selbstmord denkt, der findet Unterstützung zum Beispiel bei U25, einer Online-Suizidprävention für Jugendliche, oder beim Sorgentelefon. HIER gibt es eine Liste mit weiteren Hilfestellen. Wer glaubt, dass eine Freundin oder ein Freund selbstmordgefährdet ist, der bekommt Ratschläge und Hilfe bei FRND.de.

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Artikel veröffentlicht: 03.05.2016
Bildquellen: Florian/privat